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Faktencheck zum Kohleausstieg Wie viel Kohlestrom braucht Deutschland?

Der Ausstieg aus der Kohle ist ein Reizthema bei den Sondierungen für Jamaika - vor allem zwischen der CSU und den Grünen. Verkehrsminister Dobrindt nennt die grünen Vorstellungen "abwegig". Experten halten die Abschaltung von 20 Kraftwerken bis 2020 für machbar.

Von: Wolfgang Kerler

Stand: 15.11.2017

Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde  | Bild: picture-alliance/dpa

Welche Klimaschutz-Ziele verfolgt Deutschland?

Die ersten Klimaziele stammen noch von der Großen Koalition aus dem Jahr 2007. 2010 legten dann Union und FDP genauer fest, wie stark Deutschland seinen Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zum Jahr 1990 senken soll, damit die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden kann.

Bis 2020 sollen die deutschen CO2-Emissionen demnach um 40 Prozent, bis 2030 um 55 und bis 2050 bestenfalls um 95 Prozent runter. Bei den Jamaika-Verhandlungen sind es allerdings nicht Union und FDP, die auf die Einhaltung der Ziele pochen, sondern die Grünen.

"Für uns ist es wichtig, dass Deutschland seine Klimaschutzziele einhält."

Cem Özdemir, Parteivorsitzender der Grünen

Wie kann Deutschland die Klimaziele bis 2020 noch erreichen?

Eine mögliche Jamaika-Koalition wird die Versäumnisse von Schwarz-Gelb und der Großen Koalition ausbaden müssen. Sie haben aus Sicht von Experten nicht genug für den Klimaschutz getan. Ohne zusätzliche Maßnahmen wird Deutschland seine Klimaziel für 2020 daher krachend verfehlen, sagt selbst das Umweltministerium.

Statt um 40 Prozent dürften die CO2-Emissionen bis 2020 nur um etwa 32 Prozent sinken. Will eine Jamaika-Koalition das Ruder herumreißen, müssten Union, FDP und Grüne Maßnahmen beschließen, die bis 2020 zusätzlich 100 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Doch weder im Straßenverkehr noch bei der Gebäudesanierung sind schnelle Erfolge in dieser Größenordnung machbar. Es bleibt die Stromproduktion, erklärt der Direktor der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende, Patrick Graichen.

"Irgendwie müssen diese 100 Millionen Tonnen noch geschafft werden - und da kommt man an der Kohle nicht herum."

Patrick Graichen, Agora Energiewende

Die Kohlekraftwerke sorgen für 40 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland. 23 Prozent entfallen auf die Braunkohle, 17 auf die Steinkohle.

Warum wollen die Grünen 20 Kohlekraftwerke abschalten?

Während die FDP sich am liebsten vom Klimaziel für 2020 verabschieden würde, wollen Union und Grüne daran festhalten. Die Grünen haben auch eine klare Vorstellung, wie das Ziel noch erreicht werden kann: Bis 2020 sollen die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke aus ihrer Sicht vom Netz. Vor allem die Braunkohlekraftwerke stoßen enorme Mengen an CO2 aus.

Unterstützung bekommen die Grünen nicht nur von Umweltverbänden, auch Patrick Graichen von Agora Energiewende stimmt ihnen zu.

"Wenn man die 20 ältesten Kraftwerke abschaltet, dann schließt man die CO2-Lücke ungefähr zur Hälfte. Das muss man tun, sonst kann man das Minus-40-Prozent-Ziel gleich vergessen."

Patrick Graichen, Agora Energiewende

Die Leistung der 20 ältesten Kraftwerke beträgt laut einer aktuellen Analyse von Agora Energiewende insgesamt 8,4 Gigawatt. In den Koalitionsverhandlungen haben Union und FDP den Grünen aber bisher lediglich angeboten, Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von höchsten fünf Gigawatt bis 2020 stillzulegen. Die Grünen lehnten das als unzureichend ab.

Ein möglicher Kompromissvorschlag kam jetzt vom Umweltbundesamt. Die Behörde rät ebenfalls zur Stilllegung der ältesten und ineffizientesten Braunkohlekraftwerke, geht aber nicht so weit wie die Grünen. Im Positionspapier des Amts ist von Kapazitäten von „mindestens fünf Gigawatt“ die Rede. Zusätzlich sollte die Stromproduktion der übrigen Braunkohlekraftwerke gedrosselt werden, um weitere CO2-Einsparungen zu erreichen.

Drohen ohne die 20 Kraftwerke Stromausfälle in Deutschland?

CDU, CSU und FDP lehnen die Forderung der Grünen auch deswegen ab, weil sie um die Versorgungssicherheit in Deutschland fürchten. Experten geben allerdings Entwarnung, etwa der Energieexperte Hauke Hermann vom Öko-Institut.

"Die Abschaltung der 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke bis 2020 ist machbar."

Hauke Hermann, Öko-Institut

Die Denkfabrik Agora Energiewende brachte vor wenigen Tagen eine Analyse auf Basis der Daten der Netzbetreiber heraus. Demnach ist die Versorgungssicherheit in Deutschland nach der Abschaltung der 20 ältesten Kohlekraftwerke jederzeit gewährleistet – auch an dunklen, windstillen Wintertagen mit hohem Strombedarf, betont Patrick Graichen, der Direktor von Agora Energiewende.

"Denn es stehen viele Gaskraftwerke in Deutschland herum, die derzeit überhaupt nicht zum Einsatz kommen. Die würden dann einspringen."

Patrick Graichen, Agora Energiewende

Außerdem exportiert Deutschland fast ein Zehntel seiner Stromproduktion ins Ausland. Diese Exporte würden nach Abschaltung der Braunkohlekraftwerke sinken. Der Strompreis für deutsche Verbraucher würde aus Sicht von Experten dennoch nur minimal steigen.

Braucht Deutschland dann schmutzigen Strom aus dem Ausland?

Christian Lindner, der Parteichef der Liberalen, echauffierte sich in einem Fernsehinterview über die Vorstellungen der Grünen.

"Eins kann doch nicht sinnvoll sein, dass wir in Deutschland Kraftwerke abschalten - und danach importieren wir dann Strom aus den Braunkohlekraftwerken in Polen."

Christian Lindner, Parteivorsitzender der FDP

Aber Experten sagen, dass Deutschland Kohlekraftwerke stilllegen kann, ohne auf schmutzigen Braunkohle- oder gar Atomstrom aus dem Ausland angewiesen zu sein. Nicht nur, weil es ungenutzte Gaskraftwerke gibt, sondern auch weil der Ausbau der erneuerbaren Energien weitergeht.

Würde Deutschland seine Klimabilanz auf Kosten der Nachbarländer verbessern?

Die Sorge, der deutsche Kohleausstieg könnte zwar die inländische Klimabilanz verbessern, dafür aber die europäische verschlechtern, teilen Experten wie Hauke Hermann vom Öko-Institut nicht. Er bezweifelt, dass die Lücke, die auf dem europäischen Strommarkt entstünde, durch schmutzigen Braunkohlestrom aus Polen geschlossen würde. Die Kraftwerke dort seien nämlich bereits ausgelastet.

"Es ist eher davon auszugehen, dass Erdgaskraftwerke in den Niederlanden oder Österreich wieder stärker ausgelastet werden."

Hauke Hermann, Öko-Institut

Der billige deutsche Braunkohlestrom hat in den vergangenen Jahren klimafreundlichere Gaskraftwerke in Nachbarländern aus dem Markt gedrängt. Sie könnten die Lücke füllen – was die europäische Klimabilanz sogar verbessern würde.

Ist ein völliger Kohleausstieg "abwegig"?

"Ein Kohleausstieg ist vollkommen abwegig, den wird es natürlich nicht geben."

Alexander Dobrindt, CSU

Auch wenn der Chef der CSU-Landesgruppe, Alexander Dobrindt, das Gegenteil sagt: Früher oder später wird es den Kohleausstieg geben müssen. Schließlich will Deutschland bis 2050 im besten Fall 95 Prozent weniger CO2 ausstoßen – das geht nur, wenn die Kohlekraftwerke dann nicht mehr laufen. Die Frage ist daher eher: Wie schnell müssen diese stillgelegt werden?

Bis vor gut einer Woche war die Position der Grünen dazu noch: bis 2030. Doch von dieser Wahlkampfforderung sind sie mittlerweile abgerückt – sie hatte auch unter Experten wenig Rückhalt. Sowohl das Umweltbundesamt, als auch das Öko-Institut, die Denkfabrik Agora Energiewende oder der Sachverständigenrat für Umweltfragen halten etwas weniger Eile für ausreichend.

"Ich muss nicht bis 2030 alle Kohlekraftwerke abgeschaltet haben."

Patrick Graichen, Agora Energiewende

Deutschland kann aus Sicht von Experten seine langfristigen Klimaziele auch dann erreichen, wenn die Kohlekraftwerke nach und nach abgeschaltet werden – und das letzte irgendwann zwischen 2030 und 2040 vom Netz geht.


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Kommentare

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Poensgen, Sonntag, 19.November, 14:48 Uhr

22. Wie viel Kohlestrom braucht Deutschland

Die Trends sind vollkommen klar. In den nächsten Jahren werden die Erzeugerkosten für regenerativen Strom flächendecken das Niveau von Kohlestrom haben. Dies ist teilweise bereits heute der Fall. Zu beachten ist, dass der Kohlestrom nur so billig ist, weil die Anlagen abgeschrieben sind. Neue Kohlekraftwerke sind heute im Vergleich zu den regenerativen Erzeugern und Gaskraftwerken zur Regelenergieerzeugung nicht mehr wettbewerbsfähig. In einer solchen Konstellation muss die Politik die Kohlekraftwerke Zug um Zug vom Netz nehmen, um die Klimaziele zu erreichen. Die Netzstabilisierung kann über verschiedene Wege - auch ohne Atomkraft - sicher gestellt werden. Kostengünstige Technologieen stehen bereits heute zur Verfügung.
Das "End Game" ist klar: dezentrale Energieversorgung, lokale Netze, die wiederrum landesweit vernetzt sind, keine Atomkraft und keine fossilen Energieträger. Wenn sich die CSU dieser Entwicklung verweigert, dann schadet sie dem Wirtschaftsstandort Bayern.

Wetterveränderungen stören mich mehr, Donnerstag, 16.November, 11:15 Uhr

21. Kann einmal mehr die Politverantwortlichen dieses Landes nicht verstehen...

da hat man eine funktionierende ausreichende Grundlast mit sicherem Atomstrom, und dann zerstört die Frau Merkel diese Grundlage eines Wirtschaftsstandortes in einer Nacht-und Nebelaktion von heute auf morgen.
Als läge die BRD in einer für Erdbeben anfälligen Region wie Japan. Und was die Entsorgung des Atommülls angeht, mittlerweile ist die Forschung zumindest etwa in Russland drauf und dran, den Kernbrennstoff so effektiv zu verwerten und energetisch auszunutzen, dass am Ende nur noch unschädlicher Atommüll übrigbleibt.
Dann bräuchten wir uns über Kohlestrom gar nicht mehr weiter aufregen. Daran würde mich übrigens mehr die massive Naturzerstörung etwa in der Lausitz oder die Feinstaubbelastung stören. Das CO² Thema sehe ich eher als marginales Problem.
Vielmehr sollte man sich endlich darum kümmern, die Vernichtung äquatornaher Regenwälder zu stoppen bzw.revidieren, denn wie dort das Wettergeschehen schon massiv aus dem Lot ist, spüren wir es auch in unseren Breiten immer mehr.

  • Antwort von Auf unbekannte Kommentare reagiert kein Mensch, Donnerstag, 16.November, 17:54 Uhr

    Sorry, wenn es nicht mal dafür reicht.

  • Antwort von Wetterveränderungen stören mich mehr, Donnerstag, 16.November, 20:13 Uhr

    @Auf unbekannte....: Wenn ich nichts inhaltliches beitragen kann, dann kann ich mich zumindest über den Nickname echauffieren.
    Ist ja auch schon was...
    Ich interpretiere Ihre "Antwort" so, dass Sie mir ansonsten inhaltlich vollumfänglich zustimmen, und als einzigen Makel meinem Nickname empfinden.
    Damit kann ich leben. Mir kommt es hier im Forum nämlich auf Inhalte an.
    Danke Ihnen im übrigen sehr für ihre indirekte Zustimmung.

Christian Lösch, Donnerstag, 16.November, 01:12 Uhr

20. "Klimaziel" für 2020 wirklich machbar?

Das Ziel, bis 2020 den CO2-Ausstoß um 40 % zu verringern, wurde festgelegt, bevor entschieden wurde, die Atomkraftwerke vorzeitig abzuschalten! Atom- und Kohle-Ausstieg gleichzeitig geht halt nicht! Auch wenn jetzt schnell noch Solar- und Windkraftanlagen gebaut werden würden - wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nur schwach weht, dann haben wir ohne Kohle nicht genug Strom.

  • Antwort von latte e mielle, Donnerstag, 16.November, 10:21 Uhr

    @christian loch

    ......dann haben wir nicht genug strom.

    dann gegen bei den grossverbrauchern - alu,stahl .... - die lichter aus!

Frank V., Donnerstag, 16.November, 00:18 Uhr

19. Frankreich steigt aus der Kohle aus

Heute in der TS berichtet. Ok, gut und schön. Nur ein kleiner Wink mit der Ehrlichkeit der Nachricht hat gefehlt: Frankreich hat nur zu 4 % Kohlestrom.
Super das so vergleichend darzustellen.
Natürlich fällt der Ausstieg wesentlich leichter. Der grosse Rest kommt ja auch von Akws.

Übrigens könnten die deutschen Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, wenn unsere Akws weiterlaufen würden. Aber klar doch, der Primus steigt erst mal aus allem aus ;-)

Berndt, Mittwoch, 15.November, 16:53 Uhr

18. Gaskraftwerke

Frage zu dem allgemeinen Gerede.
Ist es nicht möglich Kohlekraftwerke auf Gasbetrieb, auch unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten, umzurüsten?