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Kampf um die Vorherrschaft Wie sich der Nahe Osten neu sortiert

Der Konflikt im Nahen Osten zwischen der schiitischen Schutzmacht Iran und dem sunnitischen Saudi Arabien droht zu eskalieren. Ins Fadenkreuz gerät dabei zunehmend der Libanon. Der sunnitische Premierwurde von Saudi Arabien offenbar zum Rücktritt gedrängt - was wiederum eine Konfrontation mit der Hisbollah heraufbeschwört. Ein Konflikt, der für die gesamte Region verheerende Konsequenzen haben könnte. Von Björn Blaschke und Henryk Jarczyk

Von: Björn Blaschke und Henryk Jarczyk

Stand: 15.11.2017

Bilder Saad al-Hariri (Mitte) und Hassan Nasrallah (links) werden 2016 bei einer Kundgebung in Beirut hochgehalten

Im Libanon gibt es wohl kaum größere Rivalen als Saad al-Hariri und Hassan Nasrallah: Der eine ist der mittlerweile zurückgetretene Regierungschef des Libanon und Sohn von Rafiq al-Hariri, der einst Milliarden-Gewinne durch Geschäfte mit Saudi-Arabien machte.

Der andere, Hassan Nasrallah, ist Generalsekretär der mächtigen Hisbollah, der Partei Gottes. Die wurde in den 80er Jahren unter anderem vom Iran mit-gegründet. Dem Hauptkonkurrenten Saudi-Arabiens und unbestrittene Hegemonialmacht im Nahen Osten.

Rivalen: Saad al-Hariri und Hassan Nasrallah

Kein Wunder, dass Nasrallah erklärte, die Saudis hätten Saad al-Hariri zum Rücktritt vom Posten des Regierungschefs gedrängt:

"Alles deutet darauf hin, dass der Rücktritt eine saudische Entscheidung war, die Regierungschef Saad al-Hariri diktiert wurde; dass er gezwungen wurde, und dass er diesen Rücktritt weder beabsichtigte noch wollte. Punkt, Ende, Aus."

Hassan Nasserallah, Generalsekretär der Hisbollah

Der Sprachstil, in dem Hariri seinen Rücktritt erklärte, sei nicht seiner gewesen – so Nasrallah, der Chef der Partei Gottes weiter. Dass Hariri in einem saudisch finanzierten Fernsehsender und auf saudischem Boden sprach, zeuge ebenfalls davon, dass das Königshaus ihn zum Rücktritt gedrängt hat.

"Die Form wie es passiert ist, zeigt auf welche Art und Weise sich die Saudis in die inner-libanesischen Angelegenheiten einmischen. Obwohl die Saudis andere dafür kritisieren, ihnen den Krieg erklärt haben und ihnen vorwerfen, sich in die inner-libanesischen und arabischen Angelegenheiten einzumischen."

Hassan Nasserallah,Generalsekretär der Hisbollah

Saudischer Einfluss im Libanon

Saad al-Hariri (links) zu Gast bei Mohammed bin Salman al-Saud,Kronprinz und stellvertretender Premierminister Saudi-Arabiens im März 2017

Die Führungen Saudi-Arabiens und anderer arabischer Golfstaaten haben Einfluss im Libanon – als Wirtschaftskräfte: Sie kommen mit ihren Petro-Dollars als Investoren, Anleger oder – in guten Zeiten – als Urlauber. Und sie stehen auch den sunnitischen Libanesen, wie Saad al-Hariri einer ist, näher als den schiitischen Libanesen. Weil die Golf-Herrscher selbst Sunniten sind. Und weil sie sich als Konkurrenten sehen – zum schiitischen Iran und seinen schiitischen Verbündeten in der Region, zum Beispiel die libanesische Hisbollah. Sagt Karim al-Makdisi, Politikwissenschaftler in Beirut:

"Das ist es, was die Saudis zu schaffen versuchen: Sie wollen ein sunnitisches Gegengewicht zur so verstandenen schiitisch-iranischen Achse aufbauen."

Karim al-Makdisi, libanesischer Politikwissenschaftler in Beirut

Es gehe, heißt es, den iranischen Herrschern darum, einen schiitischen Halbmond zu schaffen; ein iranisches Einflussgebiet in der arabischen Welt – vom Jemen, über Bahrain und den Irak sowie Syrien bis zum Libanon. Die Herrscher Saudi-Arabiens wollen dem überall etwas dagegen halten, sind allerdings weitaus weniger erfolgreich als ihre Konkurrenten im Iran.

"Es sind zerstreutere - und weniger kontrollierte und weniger professionelle Allianzen, die sie eingehen. Die Saudis sind nicht vorausschauend sondern, reagieren nur. Das Verhältnis ist also nicht proaktiv sondern reaktiv. Es basiert eben auf der Furcht vor der iranischen Macht in der Region."

Karim al-Makdisi, libanesischer Politikwissenschaftler

Militante Sunniten als Partner der Saudis im Libanon

Libanesische Flagge

Während der Iran und die Hisbollah mehr oder weniger auf Augenhöhe kooperieren, hat Saudi-Arabien im Libanon keine politische Partner-Organisation, die so strukturiert ist, wie die Partei Gottes. Und auf eine bewaffnete Gruppe kann sich Saudi-Arabien im Libanon auch nicht stützen. Das Königshaus hat vielmehr Jahre lang überregional operierende militante Sunniten gestützt, die ideologisch auf einer Ebene mit al-Qaida oder dem IS stehen. Sagt der libanesische Politikwissenschaftler Karim al-Makdisi:

"Der Unterschied ist, dass die Saudis nicht in der Lage waren, die militanten Gruppen à la al-Qaida zu kontrollieren, was anders ist als das Verhältnis zwischen dem Iran und den Milizionären der Hisbollah. Deren Verhältnis ist viel professioneller und beruht auf Gegenseitigkeit. Das trägt auch zu den Fähigkeiten und der Professionalität der Hisbollah bei - in Sachen Strategien und Geduld. Die militanten sunnitischen Gruppen nehmen dagegen keine Befehle von den Saudis an. Und manchmal machen sie Dinge, die nicht im Interesse der Saudis sind."

Karim al-Makdisi, libanesischer Politikwissenschaftler

Möglicherweise ist der Einfluss des saudi-arabischen Königshauses im Libanon also etwas überschätzt. Und vielleicht haben die Saudis gerade ihren Hauptverbündeten in Beirut verloren – indem sie Saad al-Hariri zum Rücktritt vom Posten des Regierungschefs drängten.

Stichwort: Fitna – die Spaltung des Islam zwischen Sunniten und Schiiten

Muslimische Pilgerfahrt Hadsch in Mekka

Die Trennung zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen ist schon fast so alt wie der Islam: Als Prophet Mohammed am 8. Juni 632 starb, folgten ihm nacheinander zwei Männer als Oberhäupter der muslimischen Gemeinde. Als der dritte Kalif im Amt war, kam es zur Spaltung, zur Fitna. Kalif Uthman war zwar wie seine Vorgänger ein Kampfgenosse Mohammeds, entstammte aber den Ummaya. Dieser Clan gehörte zum Establishment von Mekka und hatte den Propheten einst ins Exil nach Medina getrieben. Deshalb unterstellten manche Muslime Uthman, die alten Machtstrukturen wiederbeleben zu wollen. Auch Ali, Cousin und Schwiegersohn des Propheten. Das führte zu Spannungen, die im Jahr 656 in der Ermordung Uthmans mündeten. Die Anhänger Alis ernannten ihn zum Kalifen.

Zwei Lager bildeten sich, das der Umayyaden und das der Shia – der Partei – Alis, und daraus erwuchsen zwei Heere, die einander gegenüberlagen – ohne, dass das eine das andere besiegen konnte. Schließlich wurde ein Schiedsgericht berufen, das der Ummayade Mu’awiya zu seinen Gunsten auslegte: 660 ließ er sich in Jerusalem zum Kalifen erklären und wurde von den meisten Muslimen seiner Zeit als solcher anerkannt. Die Schiiten blieben Ali treu. Die Spaltung war vollzogen. Aber auch Ali wurde schließlich ermordet, am Tor einer Moschee in Kufa, im heutigen Irak. Es folgte eine lange Kriegsphase, die Schiiten und Sunniten jedoch nicht mehr zusammenbrachte. Die Spaltung der Muslime war dabei von Anfang eine, die auf Nachfolgefragen basierte – also auf Machtansprüchen. Religiös verbrämt wurde diese Spaltung erst im Laufe der Jahrhunderte. Und auch heute ist die Frage Sunnit/Schiit vor allem eine, die die Herrscher im Nahen Osten ausnutzen: Um gegen die jeweils anderen Stimmung zu machen

Stichwort: Hisbollah

Die Hisbollah, zu Deutsch "Partei Gottes", ist die stärkste politische Kraft im Libanon. Seit 25 Jahren ist sie im Parlament vertreten – vor allem Schiiten wählen sie. Die Hisbollah formierte sich in den 80er Jahren als Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzungsmacht. Seitdem erhält sie Waffen und Geld von Iran. Ihre Miliz ist längst schlagkräftiger als die libanesische Armee. Seit Jahren kämpft die Hisbollah in Syrien auf der Seite Assads. Wichtigster politischer Rivale im Libanon ist der zurückgetretene Ministerpräsident Hariri, der vom Westen und von Saudi-Arabien unterstützt wird. Viele westliche Länder halten die Hisbollah für eine Terror-Organisation. (Anne Allmeling, ARD Kairo)

Dossier Politik, 15.11.2017, 21:05 Uhr, Bayern2

Michael Lüders

Thema: Kampf um die Vorherrschaft – Wie sich der Nahe Osten neu sortiert

Studiogast:
Michael Lüders
, Nahost-Experte, Deutsch-Arabische Gesellschaft

Moderation: Julio Segador
Redaktion: Henryk Jarczyk

Themen der Beiträge:

  • Cui Bono? Machtwechsel in Saudi-Arabien (Carsten Kühntopp)
  • Stichwort: Fitna - die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten (Björn Blaschke)
  • Präsenz oder Prahlerei – Über den Einfluss Saudi-Arabiens im Libanon (Björn Blaschke)
  • Stichwort: Hisbollah (Anne Allmeling)
  • "Wir schauen nicht zu" – Israels Sorgen vor dem iranischen Einfluss im Libanon und in Syrien (Tim Aßmann)

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