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LMU-Studie Wie Nichtwähler ticken

Die Nichtwähler sind das große Sorgenkind der Wahlforschung, nicht nur weil sie auf Dauer die Demokratie unterhöhlen könnten, sondern auch weil sie so schwer zu fassen sind. Münchner Wissenschaftler sind deswegen genau dorthin gegangen, wo besonders viele Nichtwähler leben.

Von: Boris Berg

Stand: 12.01.2018

Stimmzettel für die Bundestagswahl | Bild: picture-alliance/dpa

Auskunftsfreudig sind sie nicht wirklich, die Nichtwähler. Wer die Wahlurne meidet, redet in aller Regel auch nicht gerne darüber. Diese Erfahrung haben schon viele Journalisten gemacht. Philipp Rhein und Thomas Martilla von der Münchner Ludwigs-Maximillians Unversität haben es mit Flugblättern versucht, und zwar in den Stadtvierteln mit ganz besonders vielen Nichtwählern - zum Beispiel Milbertshofen am Hart, nördlich vom Münchner BMW-Werk.

"Das Ergebnis unserer Flyeraktion war, dass die Wähler sich gemeldet haben. Die wollten drüber reden, warum andere nicht wählen gehen. Die Nichtwähler wollten nicht über ihr Nichtwählen reden."

Thomas Martilla, Soziologe

Nicht Vermögen, sondern Wahrnehmung der Lebenssituation entscheidend

Viel Geduld und Vorgespräche seien nötig gewesen, erzählt der Soziologe Thomas Martilla, bis es dem Forscherteam gelungen ist, 38 Personen für die ausführlichen Interviews zu gewinnen. Menschen aller Altersstufen und mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, die Hälfte davon Nichtwähler, sagt Philipp Rhein, der Co-Autor der Studie, zum Wahlverhalten.

"Wir konnten sehen, dass eben nicht Vermögen, Einkommen, Geschlecht darüber bestimmt, dass Menschen wählen gehen, sondern eine bestimmte Wahrnehmung, die Menschen von ihrer Lebenssituation in dieser Gesellschaft haben."

Philipp Rhein, Soziologe

Nichtwähler erwarten nicht viel von der Politik

Sprich: Die Nichtwähler erwarten sich nicht viel von der Politik. Ob diese oder jene Partei an der Regierung sei, habe keinen Einfluss auf ihr eigenes Leben, so der Grundton der Nichtwähler in dieser Studie. Die niedrigen Erwartungen der Nichtwähler beruhren auch auf Unkenntnis. Unkenntnis darüber, wer im politischen System für was zuständig ist und was die Politik überhaupt leisten kann.

Aber - und das hat auch die Forscher überrascht: Das fehlende Interesse beruht oft auf ganz konkreten Enttäuschungen.

"Manche von den Nichtwählern haben auch versucht, direkt Kontakt mit politischen Akteuren der kommunalen Ebene aufzunehmen. Und diese Anfragen wurden nicht wahrgenommen und da haben manche Nichtwähler auch gefragt, warum soll ich diese Personen überhaupt wählen, wenn sie sich nicht für meine Anfragen interessieren."

Thomas Martilla, Soziologe

Nichtwähler werden nicht als solche geboren

Nichtwähler werden also nicht also solche geboren. Dafür spricht auch, dass es der AfD bei der Bundestagswahl gelungen ist, viele ehemalige Nichtwähler zu mobilisieren.


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Kommentare

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HinterTürkisch, Samstag, 13.Januar, 18:47 Uhr

25. Wählen

Auch Nichtwähler wählen: Nämlich sich zu enthalten. Dann aber "gleich" problematischen Bewegungen wie der AfD hinterherzulaufen ist auf lange Sicht zersetzender, als-dort wo es möglich ist-eben bestimmte Personen anstellt anderer zu wählen. Aus Personenmüdigkeit Bestimmungsmüdigkeit und damit Offenheit gegenüber Radikalem werden zu lassen, hilft wegen heraufbeschworener Nichtkalkulierbarkeiten am allerwenigsten Nichtwählern.

Wanda, Samstag, 13.Januar, 17:19 Uhr

24. normale Reaktion

Wenn ein Wähler sich im Parteienspektrum nicht wiederfindet, übt er Verzicht. So einfach ist das: Ursache und Wirkung...
Und wenn man den gravierenden Mangel an wirksamer Opposition der letzten Jahre Revue passieren lässt, dann hat eben eines der wichtigsten Merkmale einer funktionierenden Demokratie gefehlt: die parlamentarische Kontrolle der Regierung. Linke, FDP und Grüne konnten übergangen werden. Und die normalerweise als ausserparlamentarisches Regulativ wirkenden (auch Druck-)Medien zeigten nicht viel Kontra bei den grossen Problemen, welche die GroKo vor sich herschob und (falls sie erneut zustande kommt) vermutlich weiter vor sich herschieben wird. Unsere Öffentlich-Rechtlichen Medien kann man, da merkelkonform, sowieso vergessen...
Also: jede Menge Gründe statt zur Wahlurne zum Frühschoppen zu gehen...

  • Antwort von Blechmann13, Montag, 15.Januar, 12:31 Uhr

    Volle Zustimmung!

    Und gerade was die (Druck-)Medien anbelangt, sollte man sich nicht der falschen Vorstellung hingeben, dass diese völlig frei in ihren Entscheidungen, und dem was auf der nächsten Tielseite steht, sind!

    Dahinter stehen (oft) große Wirtschaftsunternehmen, Banken und aktive Lobbyisten, die kein Interesse daran haben, dass zu starke Kritik an einer "genehmen" Regierung geübt wird.

    Viele Jounalisten haben dies bereits erfahren müssen...einige haben daraus Konsequenzen gezogen...die meisten "schwimmen", wie ein Großteil der Bevölkerung, einfach mit....

    mfg

    mfg

Alternative, Samstag, 13.Januar, 15:08 Uhr

23. Wahlzettel umgestalten

Es gäbe eine Alternative zu bisherigen Wahlen, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen:

Für den Protest, der bislang durch das Nichtwählen oder das Kreuz bei extremen Parteien ausgedrückt wird, sollte es meiner Ansicht nach schnellstmöglich entsprechende Wahlzettel geben.
Am Ende der Liste unter den Parteien ein Protest-Ankreuz-Feld für z.B. "Nichts von alledem" einrichten.
Die Stimme ist dann nicht verloren, aber bei keiner ungeliebten Partei.

Wenn wir also gleich direkt "Protest" wählen könnten, bekämen wir zudem einen Überblick, welche Partei denn nun tatsächlich von einer Mehrheit gewollt wird. Letztendlich kann sich die Regierung dann ja auch aus der Mehrheit der direkt auf die Parteien entfallenden Stimmen bilden, auch wenn "Protest" mit 85% gewählt wurde.
Dann wäre die Chance da, entweder eine neue Partei zu gründen oder eine Neuorientierung bei den Altparteien herbeizuführen.
Das wäre dann mal Demokratie.
Und niemand müßte "wütend" sein und eine "Alternative" wählen.

Miranda, Samstag, 13.Januar, 10:55 Uhr

22. Sachen zum Lachen!

Aha, Nichtwähler unterhöhlen die Demokratie?! - Hätte doch glatt vermutet, dass es an den Parteien liegen könnte, die unabhängig vom Wahlergebnis zusammenklüngeln und Oppositionsmeinungen nach Möglichkeit schon vorwegnehmen und Parteien an den Rändern nach besten Möglichkeiten ausbremsen.
Wenn die politischen Unterschiede die der Wähler bewirken kann, nur noch marginal sind, wieso dann wählen? Demokratie wäre direkte Demokratie nicht das Abnicken alle 4 Jahre in unserer Pseudodemokratie.

  • Antwort von Leonia, Samstag, 13.Januar, 12:08 Uhr

    Seltsam, ich hatte immer geglaubt, dass Parteien am Rande des politischen Spektrums dadurch ausgebremst werden, dass sie nicht gewählt werden. Und jetzt erhalte ich die ungeheuer einleuchtende Information, dass dies nur die anderen Parteien sind, die dafür sorgen. Es bleibt bislang zwar völlig unklar, wie das geschehen soll, aber Sie werden das sicherlich noch erklären können.
    Und ich hatte ebenfalls immer geglaubt, dass die zunehmende Nivellierung der Parteiprogramm daher rührt, dass die Wähler mit ihrem Wahlverhalten die Parteien dazu bewegen, ein Programm zusammenzustellen, das denen genehm ist, damit die Partei gewählt wird. Und jetzt muss ich erfahren, dass diese Angleichung nur dazu da ist, damit die Leute gar nicht wählen gehen. Wahrhaft erstaunlich!

  • Antwort von Wanda, Samstag, 13.Januar, 17:30 Uhr

    Der Erfolg und Aufstieg einer neuen Partei ist immer dem Versagen, den Versäumnissen und der Arroganz der bereits etablierten zu verdanken. Ein alter Hut und die neue Gruppierung füllt dieses Vakuum aus. Das war seinerzeit mit den Grünen so und ist jetzt mit der AfD nicht anders. Die Frage ist, ob sie Bestand haben wird. Wenn man sich Umfragen anschaut, die sie zeitweise als drittstärkste Kraft noch vor der FDP und den Grünen ausweist, dann muss man sich möglicherweise auf eine längere Dauer dieser Partei einstellen. Die einzige Gefahr sind deren interne Probleme, wie sie jede neuen Partei aushalten muss. Übrigens sieht das derzeit bei den Linken nicht sehr viel anders aus... .

Elisabeth, Samstag, 13.Januar, 03:25 Uhr

21. Protestwähler

Ich bin inzwischen 75 Jahre alt und habe noch nie eine Wahl ausgelassen. Wenn ich aber besonders bei den Verhandlungen über die Migrationspolitik und den Forderungen beim Familiennachzug der einzelnen Parteien denke und auch an die selbst von Merkel veranlaßte Einladung für ihre Gäste ohne Parlamentsbeschluß, kann ich mir sehr gut vorstellen, daß viele Bürger einfach nicht mehr wählen wollen.
Mir persönlich geht es als Rentnerin gut, aber wenn ich an die vielen denke, denen es im Alter nicht so gut geht und die unter der Armutsgrenze leben, weil dafür kein Geld da ist, aber eine Unmenge an Geld für die Migranten, kann ich nur den Kopf schütteln.

  • Antwort von winfried, Samstag, 13.Januar, 08:15 Uhr

    @Elisabeth ... Lebensalter, Wahlverhalten, Lebensumstände ... all das ist vergleichbar mit Ihrer "Vita". Und die Sache mit dem Geld sehe ich genau so, gemäß der Wahrheit - einen Euro kann man einmal ausgeben - ... entweder für "Flüchtlinge" oder Einheimische. Jede andere "Erklärung" ist Augenwischerei ... UND ... halbseiden(?).

  • Antwort von Leonia, Samstag, 13.Januar, 12:03 Uhr

    Durch die Wiederholung der unbewiesenen Behauptung, es sei für die Menschen unter der Armutsgrenze kein Geld da, aber für die Migranten schon, wird sie nicht stimmiger. Den in Armut lebenden geht nichts an Geld weniger zu, weil zusätzlich Menschen gekommen sind, denen es noch viel dreckiger geht. Und man komme mir bitte jetzt nicht damit, dass die als häufig einzigen gehüteten Besitz ein Smartphone mitgebracht haben, ohne dessen Hilfe sie den Weg bis hier nicht nur nicht geschafft hätten, und ohne das sie außerdem den letzten persönlichen Kontakt zu ihrer Familie auch noch verlieren würden. Werden Sie es auch ablehnen, wenn Sie einst von jenen gepflegt werden sollten?
    Was soll eigentlich dieses ewige Neiddebattengeschüre!
    Wenn Sie denn unbedingt eine solche vom Zaume brechen wollten, wie wäre es denn dann mal die ins Auge zu fassen, die viel zu wenig Steuern auf ihre viel zu üppigen Einkommen bezahlen, oder auf die, die den Staat um 5,3 Mrd. besch . . . en haben?

  • Antwort von winfried, Samstag, 13.Januar, 13:01 Uhr

    @Leonia ... Da ist sie schon wieder, die "halbseidene" Halbwahrheit - kein Einheimischer bekommt wegen der Flüchtlinge weniger -.
    Die andere Hälfte dieser "Wahrheit" ist, dass für Integrationskosten in 2017 ca. 50 Mrd. €(20 Bund / 10 Länder) in den jeweiligen Haushalten offiziell eingestellt und auch verbraucht wurden. Ganz im Gegenteil, die Kommunen fordern jetzt mehr Geld vom jeweiligen Land bzw. dem Bund.
    Und nun zum - keine (Herkunft)Dokumente ... aber Handy -. Sie glauben wohl, wir "Ungläubigen" sind mit dem "Klammersack" gepudert ?!
    Beim Thema "Neiddebatte" gebe ich Ihnen Recht. Auch ich "belle den falschen Baum an". Nicht die "Flüchtlinge" sind es, sondern die die die gesetzlichen Voraussetzungen schafften und es dabei belassen.
    Was das korrekte Steuern-bezahlen anbelangt, ja Ihr Hinweis darauf ist richtig. Es handelt sich dabei aber oft nicht um einen Straftatbestand sondern, wie z.B. bei cum-cum oder cum-ex, um die Nutzung steuerlicher Gestaltungmöglichkeiten.

  • Antwort von Leonia, Samstag, 13.Januar, 15:42 Uhr

    . . . bei der uns gerissene Banker weißmachen wollen, es sei legal, wenn man einen einmal gezahlten Steuerbetrag sich zweimal zurückerstatten lässt. Selbst wenn ein Gesetz dies nicht explizit anspricht, heißt das noch lange nicht, dass diese Form der "Steuergestaltung" legal ist. Sie verstößt gegen Treu und Glauben und würde selbst einem Menschen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz nicht abgenommen.

  • Antwort von Blechmann13, Montag, 15.Januar, 07:20 Uhr

    @Leonia

    Man kann nur das "Verteilen" was auch da ist, wobei selbst dies nicht immer da Fall ist, den man kann ja Schulden machen...

    Tatsache ist, dass durch die Flüchtlingskrise die Töpfe leerer sind als ursprünglich vorgesehen, und nur durch die gute Konjunktur und der Geld-Politik der EZB dies überhaupt ohne neue Schulden möglich ist.
    Tatsache ist auch, dass dadurch einige "Projekte auf Eis" gelegt wurden, wie z.B. Steuersenkungen im größeren Ausmaß.
    Selbst die bereits im Land anwesenden Flüchtlinge werden uns in den nächsten 10 Jahren über 500 Milliarden Steuer-Euros kosten (Zahlem vom IFO-Institut), und da ist noch kein evtl. Familiennachzug enthalten, der den Betrag sehr schnell mehr als verdoppeln könnte!

    Die Parteien haben sich auf die Fahnen geschrieben, keine neuen Schulden zu machen, und das bedeutet, dass sie wieder sparen müssen, selbst in Zeiten praller Kassen!

    mfg