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Immobilienkredite Vertrag widerrufen und Geld sparen

Zur Zeit sind die Kreditzinsen im Keller. Gut für all diejenigen, die heute eine Immobilie finanzieren wollen. Schlecht, wenn man seinen Darlehensvertrag schon vor Jahren zu deutlich höheren Zinsen abgeschlossen hat. Doch es gibt den sogenannten Widerruf, der unter Umständen noch Jahre nach Vertragsabschluss möglich ist. Allerdings geht das aufgrund einer Gesetzesänderung nur noch bis zum 21. Juni.

Von: Martina Schuster, Johannes Thürmer

Stand: 31.03.2016

Ein Schild mit der Aufschrift "Eigenheimsiedlung" in einem Wohngebiet | Bild: dpa/picture-alliance

Sendungstipp:

Geld und Leben, Donnerstag, 31. März, 19 Uhr, Bayerisches Fernsehen

Bei der Immobilienfinanzierung zählt bei den Zinsen jedes Zehntel. Beim Pokern um die optimalen Konditionen hat aber normalerweise die Bank die besseren Karten. Normalerweise. Wer aber schnell handelt, kann noch einen Joker ausspielen: Den Widerruf. Und wie das funktioniert, wollen wir selbst ausspielen. Unsere Immobilie: Ein Reihenmittelhaus in München. Unser Darlehensvertrag: Abgeschlossen im Jahr 2010. Der Zinssatz  4,17% - für heutige Verhältnisse ziemlich hoch. Ärgerlich zudem: Der Vertrag läuft noch bis ins Jahr 2022.

Pokerspiel um die besten Konditionen

Doch nun kommt unser Joker ins Spiel. Wie der Widerruf genau funktioniert, erfahren wir bei der Verbraucherzentrale Bayern. Dort wird unser Vertrag geprüft. Besonders wichtig ist die Widerrufsbelehrung. Entspricht die nicht den gesetzlichen Vorgaben, fängt die in der Regel 14-tägige Widerrufsfrist nicht zu laufen an – und man kann selbst nach Jahren noch den Vertrag widerrufen. Und die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht.

"Es lohnt sich schon einen Blick auf die eigene Widerrufsbelehrung  zu werfen. Denn die Fehlerquote ist sehr, sehr hoch. Ich denke schon, dass mehr falsche Verträge am Markt sind als korrekte."

Susanne Götz, Verbraucherzentrale Bayern

Gute Chancen für Häuslebauer

Auch bei unserem Vertrag stehen die Chancen gut. Allerdings: Die Sache mit dem Widerruf ist gar nicht so einfach. Das Wichtigste, so die Expertin Susanne Götz: „Sie müssen auf jeden Fall darauf achten – bevor Sie widerrufen, dass Sie eine Anschlussfinanzierung im Rücken haben. Entweder müssen Sie das Geld oder eine abgesicherte Anschlussfinanzierung haben.“

20.000 Euro Ersparnis

Aber vorher muss man natürlich mal ausrechnen, ob sich der Einsatz überhaupt lohnt. Wieviel kann ich mir zurückholen? Wieviel kann ich sparen? Lohnt sich das Zocken überhaupt? Deswegen gehen wir zu Elgin Gorissen van Hoek, einer öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Baufinanzierung. Was ist drin bei unserem Darlehensvertrag? Ihre Antwort macht uns Mut: „Ich habe mir Ihren Darlehensvertrag angeschaut. Der Zins ist da bei 4,17 Prozent. Wenn man das vergleicht mit dem Zins am Markt für 10 Jahre, der zwischen 1,1, und 1,4 Prozent liegt, dann ist da natürlich richtig Musik drin.“ Konkret heißt das in unserem Fall: „Ihre jetzige Rate von 600 Euro sinkt auf 350 Euro. Die Differenz von 250 Euro auf die Restlaufzeit ihres Darlehens betrachtet bringt dann ja rund 20.000 Euro Ersparnis.“

Die Expertin empfiehlt uns übrigens, das gesparte Geld in eine zusätzliche Tilgung zu stecken. 

Ohne Anschlussfinanzierung geht nichts

Also schnell den Joker ziehen und sofort den Widerruf an die Bank schicken? Nein! Denn das Wichtigste ist: Erst die weitere Finanzierung klären! Also fragen wir gleich mal bei einigen Anbietern nach. Bereits das erste Angebot zur Anschlussfinanzierung unseres Hauses klingt phantastisch: 1,21 Prozent Zinssatz – fast drei Prozentpunkte weniger als bisher. Das beste Angebot, das wir bekommen, liegt sogar bei 1,08 Prozent.

Trotzdem Vorsicht: Die bisherige Bank kann Schwierigkeiten machen und das ein oder andere As aus dem Ärmel ziehen, um den Widerruf zu verhindern. Deshalb gehen wir mit unserem Vertrag zu Dr. Johannes Fiala, einem Rechtsanwalt, der Erfahrung mit Widerrufen hat und weiß, welche Schwierigkeiten auf uns zukommen können.

"Die größte Gefahr ist, dass Sie keine Anschlussfinanzierung haben, Ihr heutiger Kreditgeber Ihnen Ihre Hütte versteigert und der Ersteigerer kann dann mit einer gesetzlichen Frist von drei Monaten Ihnen kündigen beziehungsweise Sie schlicht räumen lassen."

Dr. Johannes Fiala, Rechtsanwalt

Unser Haus zwangsversteigert? Das wollen wir natürlich vermeiden. Doch auch wenn es nicht so weit kommt, können uns die Banken das Leben schwer machen. Zum Beispiel mit einem negativen Schufa-Eintrag, sozusagen als Rache für den Widerruf.

Gut geplant ist halb gewonnen

Rechtsanwalt Fiala gibt uns noch einen Tipp mit auf den Weg: „Der Widerruf muss strategisch gut geplant sein. Banken und Versicherungen sind am Anfang zunächst häufig wenig verhandlungsbereit. Zu einer Verurteilung allerdings wollen sie es aber auch nicht kommen lassen."

Gut, wenn Immobilienbesitzer eine Rechtsschutzversicherung haben. Denn die übernimmt in der Regel die Kosten, wenn es vor Gericht geht. Allerdings: Die Beratung und die ersten Schritte muss man in der Regel selbst zahlen. Diese Kosten sollte man also unbedingt einkalkulieren.

Und wir bekommen auch noch einen Tipp von der Verbraucherzentrale: Auf keinen Fall bei der bisherigen Bank die Ratenzahlungen einstellen, bis der Widerruf durch ist. Und das kann - geht die Sache vor Gericht - Monate dauern: „Man sollte ganz regelmäßig weiterzahlen,“ so Susanne Götz „denn es kann ja sein, die Bank akzeptiert den Widerruf nicht und dann – wenn man in Zahlungsverzug kommt - könnten die ja irgendwann den Vertrag außerordentlich kündigen und dann muss man eine hohe Vorfälligkeitsentschädigung zahlen. Man würde denen also ein Kündigungsgrund in die Hand spielen mit finanziellen Folgen.“

Unser Fazit: Der Widerrufs-Joker kann eine tolle Sache sein und spart unter Umständen viel Geld. Doch es gibt einige Fallstricke, wenn man auf diese Karte setzt. Ohne Unterstützung von Profis jedenfalls sollte man nicht gegen die Bank antreten.


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