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Wettlauf gegen den IS Kann der Staat die Radikalisierung stoppen?

Die Terrormiliz IS infiziert in Deutschland hunderte junge Menschen mit ihrer gewaltbereiten Ideologie. Sie wirbt im Internet, in Gefängnissen, Moscheegemeinden oder Schulen. Mehr als 900 Anhänger sind laut BKA bereits in den Krieg nach Syrien gezogen. Kommen die Deradikalisierungsprogramme des Staates dagegen an?

Von: Joseph Röhmel

Stand: 26.02.2017

In der JVA Nürnberg knien muslimische Häftlinge auf bunten Teppichen und beten. Jeden Freitag kommt einer von fünf ehrenamtlichen Seelsorgern zu ihnen. So soll verhindert werden, dass die Männer in die Fänge von Fanatikern geraten.

Siebzig Salafisten in bayerischen Gefängnissen

Seelsorger Koc neben einem Vollzugsbeamten

In Bayern sitzen derzeit 70 Salafisten in Gefängnissen ein. Ali Nihat Koc ist einer der Seelsorger. Er kommt von der Begegnungsstube Medina in Nürnberg, ein Verein, der seit 1995 den Dialog zwischen Christen und Muslimen fördert. Er führt mit gefährdeten Gefangenen oft lange Einzelgespräche.

"Es ist ganz wichtig, dass die auch den Islam von der Quelle her kennen lernen. Dass das eine friedliche Religion ist. Und auch die Gefahr, die besteht, wenn die rauskommen und in irgendwelche salafistischen Kreise kommen."

Ali Nihat Koc, ehrenamtlicher Seelsorger für Muslime in der JVA Nürnberg

Bayern baut gerade ein flächendeckendes Netz aus Seelsorgern auf, allerdings gibt es bislang noch keine Hauptamtlichen.

Generalstaatsanwaltschaft München: Neue Zentrale zur Terrorbekämpfung

Oberstaatsanwalt Andreas Franck

München, Karlsstraße. In einem grauen Bürogebäude arbeitet Andreas Franck, Oberstaatsanwalt in der erst im Januar geschaffenen "Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus" in der Generalstaatsanwaltschaft München. Ganz oben auf seiner Agenda: Verfahren aus dem islamistischen Spektrum. Davon gibt es derzeit 35. Von Anfang an ermitteln Generalsstaatsanwaltschaft und Polizei gemeinsam.

"Das sind aufwendige Fälle, die selten unter zehn Leitzordnern zu haben sind. In denen Strukturen ermittelt werden müssen, bei denen es Auslandsvermittlungen gibt, bei denen Massen an Kommunikationsdaten, Chatverkehre ausgewertet werden müssen."

Andreas Franck, Oberstaatsanwalt München.

Das "Kompetenzzentrum Deradikalisierung" beim LKA

Das Bayerische Landeskriminalamt in München

Der Reporter fährt mit Michael Geisreiter zu einer Schule in Bayern, die nicht genannt werden darf. Der Polizist gehört dem „Kompetenzzentrum Deradikalisierung“ im Bayerischen Landeskriminalamt an. Zusammen mit einer Psychologin und einem Islamwissenschaftler betreuen vier Polizisten derzeit rund 100 Fälle. Ihr Ziel: Menschen zu helfen, sich von ihren radikalen Gedanken und Hintermännern zu lösen. In der Schule ist Geisreiter mit einer Lehrerin verabredet. Es geht um einen Schüler, der IS-Symbole in sozialen Netzwerken gepostet hat.

"We love Muhammad" in Hessen und NRW aktiv

Bilder zur B5 Reportage von Joseph Röhmel | Bild: BR / Joseph Röhmel

Gleichzeitig aber verändert sich die Szene laufend. Seit gut einem Jahr ist zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Hessen "We love Muhammad" aktiv.

Dabei werden Biografien des Propheten verteilt. Der BR-Reporter hat sich bei einer Verteil-Aktion in der Kölner Innenstadt umgesehen und dabei Bilal Gümüs getroffen, gegen den die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage erhoben hat, weil er einem 16-Jährigen bei der Ausreise nach Syrien geholfen haben soll. Und dann taucht der bekannte Prediger Pierre Vogel auf, der für "We love Muhammad" wirbt.   

Die B5 Reportage

Wettlauf gegen den IS – Kann der Staat die Radikalisierung in Deutschland stoppen?

Reportage am Sonntag, 26.02.2017, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autor: Joseph Röhmel
Redaktion: Susanne Betz

  • Dr. Susanne Betz, Redakteurin in der Redaktion Politik und Hintergrund | Bild: BR/Susanne Betz Susanne Betz

    Redakteurin und Reporterin. Redaktion Politik und Hintergrund.

  • Hände schreiben auf einer Tastatur | Bild: colourbox.com Joseph Röhmel

    Joseph Röhmel ist Reporter und Autor in den Redaktionen BR24 und Bayern. Schwerpunkt: Radikale Interpretationen des Islam in Bayern.


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Heribert, Sonntag, 26.Februar, 15:04 Uhr

11. Durch den islamistischen Terror werden immer wieder einige Menschen sterben.

So wie im Straßenverkehr. Trotzdem werden nicht alle Autos abgeschafft. Genauso werden nicht alle Flüchtlinge ausgewiesen. Die radikalisierten Einzelltäter wird man in der Regel erst nach der Straftat erwischen, vorher kaum.

  • Antwort von winfried, Sonntag, 26.Februar, 16:23 Uhr

    Ihr Verweis auf den Straßenverkehr hat was. Er ist ein Hinweis auf ein unvermeidbares "Restrisiko".
    Ach gäbe es das auch im Bezug auf "Flüchtlinge" und den importierten islamistischen Terror, nämlich
    --> TÜV(zuerst 3 dann alle 2 Jahre) ... zwischendurch ... Verkehrs- und Radarkontrollen ... und ...
    schlimmstenfalls "verschrotten".

Angelika, Sonntag, 26.Februar, 14:52 Uhr

10. Die besiegten IS-Söldner werden vor den Russen nach D fliehen und

mit erbeuteten syrischen Dokumenten Asyl beantragen. Auch brave Flüchtlinge könnten sich nach Jahren radikalisieren, wenn sie ausgebeutet, ausgenutzt und betrogen werden. Ein enttäuschter beruflicher Versager kann sich aus Neid und Wut auf die westliche Gesellschaft radikalisieren. Die Flüchtlinge kommen oft mit unglaublich hohen Erwartungen, die niemand erfüllen kann. Die Schlepper versprechen den Flüchtlingen vor der Bezahlung der Überfahrt angeblich richtige Märchen über Deutschland, wie ein Haus von Merkel in einer besseren Gegend und einen guten Job bei BMW in München. Wenn sie dann vom Harz IV das für die Überfahrt ausgeliehene Geld auch nach Jahren nicht zurückzahlen können, dann wird die Verzweiflung groß sein.

winfried, Sonntag, 26.Februar, 13:39 Uhr

9. Kann der Staat die Radikalisierung stoppen?

Diese Frage jetzt zu stellen und "Wattebällchen" als Abwehr in Erwägung zu ziehen, dies ist zu spät und zu "lau".
Viel früher und konsequenter hätte etwas - Grundsätzliches - geschehen müssen.
Der radikale Islamismus hat längst den Fuß in der DE-Tür. ... Da helfen nur ... konsequent-radikale ... Abwehrmaßnahmen !!!

R.B., Sonntag, 26.Februar, 12:07 Uhr

8. Kann der Staat die Radikalisierung stoppen

Um die Radikalisierung zu stoppen werden bereits Programme für "Aussteiger" angeboten. Allerdings ist die "De-Radikalisierung" keine "Einbahnstraße". Denjenigen, die diese Programme und die sich daraus ergebenden Perspektiven nutzen, muss man helfen damit sie ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Allen anderen hingegen sollte man mit der gesamte Bandbreite rechtsstaatlicher Mittel begegnen. Aber leider gibt es eben auch einen Anteil von "Belehrungsresistenten" Menschen und denen sollten die Richter bei Verurteilungen von z.B. "Mehrfachstraftätern" mit der gesetzlich möglichen Höchststrafe begegnen. Des Weiteren würde ich bei verurteilten Straftätern, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, die Möglichkeit einer Ausweisung in deren Heimatländer prüfen. Symbolisch gesehen betrachte ich es so; "Man kann/soll die andere Wange hinhalten; aber alles hat seine Grenzen".

gast1234, Sonntag, 26.Februar, 11:57 Uhr

7. IS

Die Islamisierung ist nicht durch die hier aufgezeigten Mittel zu verhindern. Aufzuzeigen, dass der Islam eine friedliche Religion sei, ist für bestimmte Menschentypen uninteressant, da sie gerade die vermeintliche Stärke einer kriegerischen Religion suchen und verherrlichen. Solche Leute finden eigene Stärke gerade darin, dass sie einer kriegerischen und damit ihrer Ansicht nach mächtigen Religion anhängen. Ein anderes Problem sind die extrem religiösen, die um jeden Preis andere zum konvertieren bringen wollen, ähnlich wie bei uns im Mittelalter. Denen ist jedes Mittel recht. Dann gibt es noch diejenigen, die Ungläubige einfach nicht als vollwertige Menschen ansehen, die folglich getötet werden dürfen.