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Welttag der Suizidprävention Tabuthema Selbstmord

Mehr und mehr Menschen in Deutschland sehen Selbstmord als letzten Ausweg. Dabei liegen die Zahlen in Bayern sogar noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Feststellen lässt sich nur, wo sich die meisten Menschen selbst töten, nicht aber warum.

Von: Peter Solfrank

Stand: 09.09.2016

Suizidprävention | Bild: picture-alliance/dpa| Kay Nietfeld

Der 10. September ist Welttag der Suizidprävention. Damit versucht die Weltgesundheitsorganisation WHO seit gut zehn Jahren die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Tabuthema Selbstmord zu lenken. Ein Tag, um zum Beispiel die Geschichte von Elfriede Loser aus Bayreuth zu hören: Sie war 30 Jahre alt, als sie ihren Lebensgefährten Horst verlor.

"Er kam einfach nicht mehr heim. Ich habe ihn gesucht, weil er zwei Tage verschwunden war und als ich dann im Wald in Richtung seines Lieblingsplatzes lief, kam mir schon die Polizei entgegen. Sie hatten ihn gefunden."

Elfriede Loser vom Verein Agus

Heute arbeitet Elfriede Loser für den Verein Agus. Sie hilft Hinterbliebenen, die einen nahe stehenden Menschen verloren haben, der nicht mehr leben wollte - oder konnte. 850 Mitglieder hat der Verein, 60 regionale Selbsthilfegruppen und Kontakt zu rund 5000 Betroffenen in ganz Deutschland.

Statistik des Unfassbaren

In Bayern haben sich im letzten Jahr rund 1.800 Menschen selbst getötet, so die Polizeistatistik. Die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate in Bayern ist demnach Kempten im Allgäu, gefolgt vom oberbayerischen Rosenheim.

Bundesweit sind es jährlich rund 10.000 Menschen, die durch eigene Hand sterben - das sind etwa 30 pro Tag. Auffällig dabei: Etwa 70% der Selbstmorde werden von Männern verübt. Und das Selbstmordrisiko steigt mit dem Alter. So liegt das Durchschnittsalter eines Menschen, der sich selbst tötet, bei etwa 57 Jahren.

Jugendkult führt zu Depression

In den westlichen Industrieländern hängt die große Mehrheit dieser Todesfälle mit einer psychischen Erkrankung zusammen, vor allem mit Depressionen.

"Im Alter kommen viele Belastungen auf den Menschen zu. Auslöser könnten gesundheitliche Veränderungen, Einsamkeit und Ängste vor Armut sein. Nicht selten erleben sich ältere Menschen als zunehmend einsam, wenn ihnen die Partner für vertraute Gespräche fehlen."

Der Mannheimer Gerontologe Uwe Sperling

Weil Jugendlichkeit so hoch gehandelt werde, hätten ältere Menschen oft das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen.

"Wer sich dauerhaft minderwertig fühlt, sieht im schlimmsten Fall in der Selbsttötung den letzten Ausweg."

Der Mannheimer Gerontologe Uwe Sperling

Hilfe am Telefon

Einsamkeit, schwere Krankheiten, Beziehungskrisen und Depressionen - das sind auch die Dauerthemen, mit denen die Mitarbeiter der von den beiden großen Kirchen getragenen Telefonseelsorge täglich konfrontiert werden. 1,8 Millionen Anrufe nahmen die Helfer 2015 entgegen. In mindestens 56.000 Gesprächen berichteten Anrufer von Suizid, suizidalen Absichten oder Erfahrungen.

"Wenn Menschen anrufen, gehen wir davon aus, dass es irgendetwas in ihnen gibt, das noch leben will."

Frank Ertel, Leiter der Aachener Telefonseelsorge

Kann man Symptome erkennen?

Woran können Freunde und Familienmitglieder erkennen, dass jemand suizidgefährdet ist. Willi Riemer von der Krisenhilfe Münster meint, oft fielen die Angehörigen aus allen Wolken, wenn es zu einem Selbstmord oder einem Selbstmordversuch kommt. Häufig sagen sie, sie hätten gar nichts bemerkt. Und sie könnten auch gar nicht, meint Riemer:

"Wenn der Entschluss wirklich gefallen ist, sind suizidgefährdete Menschen ganz ruhig, und das Umfeld bekommt nichts mit. Aber Signale können zum Beispiel sein, dass Menschen ihre Art der Kommunikation und ihre Art zu Leben oder auch ihre Werte plötzlich verändern. Rückzug kann ein Hinweis sein, oder auch das Regeln von Hab und Gut. Der Betroffene verschenkt dann Sachen, die ihm viel bedeutet haben."

Willi Riemer, Krisenhilfe Münster

Manchmal, so Willi Riemer, fielen jedoch Bemerkungen, die auf den Suizid hinweisen, aber in dem Kontext nicht verstanden würden. Ausschlaggebend sei oft, dass der Betroffene in seinem Leben keine Persektive mehr sehe.

"Ich will nicht mehr leben, bedeutet eigentlich: Ich will so nicht mehr leben."

Willi Riemer, Krisenhilfe Münster

Offen über das Thema sprechen

Ein offener Umgang mit dem Thema könne viele Menschen davon abhalten, sich das Leben zu nehmen, sagt etwa Walter Kohl, Sohn des Altkanzlers Helmut Kohl und Schirmherr eines Netzwerks für Suizidprävention.

Der Tod durch die eigene Hand sei für die Hinterbliebenen eine der grausamsten Todesarten, weil er viele Fragen offen ließe, was diese oft sehr lange belaste. Kohls Mutter Hannelore Kohl hatte sich im Juli 2001 das Leben genommen. Er selbst sei mehr als ein Jahr lang selbst suizidgefährdet gewesen und habe einen Versuch unternommen, berichtete Kohl - auch weil zu dieser Zeit vieles auf ihn einstürzte, etwa die Parteispendenaffäre seines Vaters und das Zerbrechen seiner ersten Ehe.

"Je mehr Erfahrung wir teilen, umso höher wird die Hürde zur Selbsttötung, weil die Betroffenen merken, dass sie nicht allein sind."

Walter Kohl, Schirmherr des Frankfurter Netzwerks Suizidprävention

Die Telefonseelsorge - getragen von den beiden großen Kirchen - ist bundesweit kostenlos unter der Telefonnummer: 0800/111 0 111 zu erreichen. In München und Oberbayern ist darüber hinaus unter der Nummer 0180/655 3000 der Krisendienst Psychiatrie zu erreichen.


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Thomas, Sonntag, 11.September, 11:06 Uhr

3. "Selbstmord"

Warum benutzen auch Sie diesen tendenziösen unfairen Begriff? Ein verzweifelter Mensch ist kein Mörder.

Thomas Friedrich, Samstag, 10.September, 18:26 Uhr

2. Tabu

Das eigentliche Tabu ist nicht der Suizid, sondern die Meinung, dass der Suizid eine rationale Entscheidung sein kann. Dass dauerhafte Bewusstlosigkeit besser sein kann als das, was das Leben für viele Menschen bereithält. Und dieses Tabu wird natürlich auch am Suizidpräventionstag nicht hinterfragt. Ganz im Gegenteil: Dieser Tag steht ganz im Zeichen einer Ideologie, die Menschen das Recht auf Selbstbestimmung verweigert und jeden - notfalls auch mit Gewalt - verhinderten Suizid als "Rettung" bezeichnet. Egal wie quallvoll und jämmerlich das Leben ist, das auf diese Weise unfreiwillig verlängert wird.

Und deshalb wird auch in Zukunft jeder, der es ernst meint, aus seiner Absicht ein Geheimnis machen. Diese Menschen wird man erst erreichen, wenn an die Stelle der paternalistischen Suizidprävention der Respekt vor der Selbstbestimmung und die Bereitschaft zu ergebnisoffenen Gesprächen getreten ist.

Barbara, Samstag, 10.September, 18:11 Uhr

1. Niemand wird gefragt, ob er in diese Welt hereinkommen will

und niemand wird gefragt, ob er aus dieser Welt wieder hinausgehen will.