4

Pflegeheim und Seniorenstift Was hat sich seit der Pflegereform verändert?

Seit gut einem Jahr ist das Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Die ambulante Pflege ist dabei tatsächlich gestärkt worden - nach dem Leitsatz "ambulant vor stationär". Doch was hat das für die stationäre Pflege bedeutet? Steht sie jetzt hinten an?

Von: Hanna Maier

Stand: 15.02.2018

Die Hand einer Bewohnerin liegt in der Seniorenresidenz Dahlke in Bad Bevensen (Niedersachsen) neben einem Wasserglas.  | Bild: picture-alliance/dpa

Vor gut einem Jahr hat der BR in einem Pflegeheim in Olching bei München nachgefragt, was die Mitarbeiter sich von der Reform versprechen. Vor allem wurden Befürchtungen geäußert. Eine der größten Sorgen war, dass die Heime wegen der finanziell etwas günstigeren ambulanten Pflege erst viel später aufgesucht werden - und sich damit ihre Arbeit zunehmend auf die Sterbebegleitung fokussiert. Der BR hat noch einmal in gleichen Pflegeheim nachgefragt.

"Das Altenheim wird in Zukunft anders ausschauen, wie es aktuell ausschaut. Weil für den unterstützungsbedürftigen Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf wird es attraktiver."

Wolfgang Obermair, stell. Landesgeschäftsführer des BRK, Januar 2017

Vor einem Jahr lag viel Hoffnung im neuen Gesetz

Deswegen werden auch mehr Bewohner mehr Betreuung benötigen. Das sagte vor gut einem Jahr der stellvertretende Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes. Wolfgang Obermair sah damals deswegen dem Pflegestärkungsgesetz, das seit Januar 2017 in Kraft ist, eher skeptisch entgegen.

"Das ist sicherlich auch das Handicap dieses neuen Pflegestärkungsgesetzes, dass für den Bereich Hospiz- und Palliativarbeit keine adäquaten Ressourcen zur Verfügung gestellt werden."

Wolfgang Obermair, stell. Landesgeschäftsführer des BRK, Januar 2017

Heute, gut ein Jahr später, nickt Mariana Ivanova heftig, wenn sie das hört. Die gebürtige Bulgarin ist schon seit vier Jahren die Pflegedienstleiterin in dem Seniorenwohnheim des BRK in Olching. Was sie und Herr Obermair da vor einem Jahr befürchtet haben, ist tatsächlich eingetreten.

"Die Bewohner, die zu uns kommen, sind sehr oft in einem terminalen Stadium. Das heißt, sie bräuchten palliative Pflege, sie bräuchten Betreuung durch Hospiz. Also die Anforderungen in der Pflege sind enorm gestiegen."

Mariana Ivanova, Pflegedienstleiterin, Seniorenheim BRK Olching

Situation hat sich verschlechtert

Seit einem Jahr wird in deutschen Pflegeheimen bedeutend mehr gestorben - so lässt sich die Erfahrung seit der Pflegereform zusammenfassen. Weil die ambulante Pflege stärker gefördert wird, ist das Pflegeheim heute wesentlich häufiger die letzte Station vieler Menschen. Viele von ihnen sind in die Pflegegrade vier und fünf eingestuft. Es sind also Menschen, die kaum noch etwas selbstständig machen können, deren Betreuung engmaschig sein muss. Das bedeutet auch, dass Ivanova und ihre Kollegen im vergangenen Jahr ihre Förderangebote anpassen mussten. Mehr malen, basteln oder massieren. Mehr professionelle Demenzbehandlung und mehr Einzelbetreuung. Aber solche Konzepte sind eigentlich kaum zu stemmen, wenn das nötige Personal fehlt. Und das fehlt bekanntermaßen überall.

"Wir alle sind bestrebt, eine professionelle Pflege zu leisten. Und ohne Mitarbeiter - Rückkehrschluss - keine gute Pflege."

Wolfgang Obermair, stell. Landesgeschäftsführer des BRK

Auch das haben Experten vorhergesehen. Denn schon Ende 2016 gab es viel zu wenig Pflegekräfte. Wegen des zunehmenden Bedarfs an spezialisiertem Personal war Wolfgang Obermair vom BRK klar, dass der Pflegebedarf ohne Fachkräfte aus dem Ausland nicht zu decken ist:

"Wir werden uns ganz neue Modelle der Unterstützung von alten Menschen einfallen lassen müssen. Massiv in die Ausbildung investieren. Auch schauen, wie gelingt es uns, Mitarbeitende aus dem internationalen Bereich für die Pflege in Deutschland zu gewinnen."

Wolfgang Obermair, stell. Landesgeschäftsführer des BRK

Pflegedienstpersonal kommt zunehmend aus dem Ausland

Mittlerweile ist es üblich, dass über die Hälfte der Mitarbeiter eines Pflegeheims für ihren Beruf nach Deutschland eingewandert sind. Die meisten Pflege-Dienstleister rekrutieren ihr Personal ganz selbstverständlich im Ausland. Mariana Ivanova findet, die Pflegeheime wurden bei der Reform vor gut einem Jahr einfach vergessen. Dabei sind die Erwartungen an die Qualität der Pflege enorm gestiegen. Ivanova fordert einen deutlich höheren Pflegeschlüssel. Außerdem müsste das Berufsumfeld verbessert werden und - das ohnehin - die gesellschaftliche Akzeptanz des Berufs muss wachsen:

"Es ist dringend notwendig, dass der Beruf Altenpflege attraktiver gemacht wird. Durch verschiedene Maßnahmen: Flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Schulungsangebote, Mitarbeiter unterstützen bei der Wohnungssuche. Nicht zuletzt die Bezahlung. Ohne das zu erfüllen, kriegen wir keine Mitarbeiter."

Wolfgang Obermair, stell. Landesgeschäftsführer des BRK

Wenn man Mariana Ivanova fragt, was sich durch die Pflegereform eigentlich verbessert hat, muss sie lachen. Nichts, sagt sie. Dabei sei die Altenpflege eigentlich ein schöner Beruf. Voller Wärme und Nähe. Aber solche Vorteile sieht man oft nicht, weil die Pflegekräfte immer unter Zeitdruck stehen. Das geht den Kollegen in der ambulanten Pflege auch so. Ihre Dienste werden immer länger in Anspruch genommen - weil sie seit der Reform finanziell attraktiver sind als die stationäre Pflege. Daraus ergibt sich ein Effekt, der so nicht vorherzusehen war: Viele Alte bleiben viel länger in häuslicher Pflege. Das bedeutet aber auch, dass beispielsweise Demenz-Erkrankungen nicht durch professionelle Betreuung aufgehalten werden. Deswegen passiert es, dass das Vergessen schon sehr weit fortgeschritten ist, wenn die Senioren ins Heim kommen.

"Einige Bewohner sind zu Hause vollkommen vereinsamt. Indem sie in dieses Haus kommen, bauen sie ihre sozialen Kontakte auf, sind ständig im Kontakt mit ihren Altersgenossen. Sie (…) finden den Sinn ihres Lebens bei uns. Obwohl sie in diesem fortgeschrittenen Alter sind."

Mariana Ivanova, Pflegedienstleiterin, Seniorenheim BRK Olching


4