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Offene Wunde Warum gute Pflege so schwierig ist

Trotz Reformen werden die Probleme im Bereich Pflege größer als kleiner. Das haben zuletzt die Kontrolleure der Krankenkassen festgestellt. Auch die von Union und SPD angekündigten 8.000 neuen Stellen in Altenpflegeheimen sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Von: Ulrike Lefherz

Stand: 14.02.2018

Klar ist: Ohne gutes Personal wird es nicht gehen. Doch vielen gilt die Pflege als zu anstrengend und zu schlecht bezahlt. Es fehlen Auszubildende und erfahrene Fachkräfte. Milena Zivanovic hat sich trotzdem genau für diesen Beruf entschieden. Mit zwei Paketen Einlagen bepackt, macht sie sich auf zu ihrer nächsten Patientin. Die 33-Jährige ist Auszubildende bei der Rummelsberger Diakonie.

"Ich will für diese Gesellschaft nützlich sein. Ich bin zufrieden, wenn ich anderen helfen kann und das hat mich auch motiviert."

Milena Zivanovic, Pflegefachkraft-Azubi in der Rummelsberger Diakonie

Milena hat schon Erfahrung in der Pflege: Sie hat bei der Diakonie in der Nürnberger Südstadt zuerst die Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht. Jetzt will sie die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft draufsatteln. Dann muss sie in Zukunft keine Kollegin anrufen, wenn die Tablettendose leer ist oder eine frische Wunde versorgt werden muss.

Pflege ist mehr als Grundversorgung

Ihren Job findet Milena sehr wichtig. Gerne würde sie ihn langfristig machen.

"Wir sind fast die einzigen Bezugspersonen. Wir haben viele Patienten, die keine Familie haben. Wir sind auch Seelsorger. Die Leute reden mit uns, teilen Freude, Trauer und alltägliche Sachen mit uns."

Milena Zivanovic, Pflegefachkraft-Azubi in der Rummelsberger Diakonie

Karrierechancen in der Pflege

Benjamin Müller begleitet die 33-Jährige bei ihrer heutigen Tour. Er ist seit zehn Jahren im Job und  inzwischen stellvertretender Pflegedienstleiter bei der Diakoniestation Lichtenhof, die zur Rummelsberger Diakonie gehört. Er hat den Beruf gewählt, weil er etwas Bodenständiges machen und mit Menschen arbeiten wollte.

"Mir kam´s nicht aufs Geld an. Wenn ich mir die Berufsaussichten und Entwicklungsmöglichkeiten anschaue, dann sind die so gut wie in kaum einem anderen Beruf. Da kann man mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss einsteigen und sich dann über die weiteren Bildungswege, die einem zur Verfügung stehen, dann bis zu Heimleitung weiterqualifizieren."

Benjamin Müller, stellvertretender Pflegedienstleiter bei der Diakoniestation Lichtenhof

Jobs in der Pflege sind hart: Viele geben irgenwann auf

Die ambulante Pflege ist anstrengend. Zwischen 17 und 28 Klienten betreut eine Fachkraft pro Schicht bei der Diakoniestation Lichtenhof. Auch von den Auszubildenden wird viel verlangt, weil Personal fehlt. Die Fluktuation in dem Beruf ist hoch. Viele Pflegekräfte schmeißen irgendwann ihren Job, weil sie nicht mehr können. Der stellvertretende Pflegedienstleiter Benjamin Müller beklagt, dass es keine starke Gewerkschaft gibt, die mit Nachdruck für höhere Bezahlung kämpft. Und Streiks als Druckmittel wie bei der IG Metall hält Milena Zivanovic in der Pflege für undenkbar. Wer würde dann die Patienten versorgen?

Anreize damit Pflege-Azubis nicht aufgeben

Die Rummelsberger Diakonie bemüht sich, Auszubildende bei der Stange zu halten. Es wird über einen späteren Dienstbeginn nachgedacht, damit es Mütter mit Kindern leichter haben. Eine Halbtageskraft ist extra für die Betreuung von 18 Azubis angestellt. Und erklärtes Ziel ist, die Azubis später zu übernehmen. Milena Zivanovic schätzt die gute fachliche Betreuung in der Ausbildung und dass auf den Einzelnen und dessen Fähigkeiten eingegangen wird.

"Herzwerker": Erfolgreich Werbung für soziale Berufe

Um mehr Jugendliche für die Arbeit in sozialen Berufen zu gewinnen, hat das bayerische Sozialministerium vor zehn Jahren die Kampagne Herzwerker ins Leben gerufen. Angestoßen und umgesetzt hat diese Kampagne vor allem der Nürnberger Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak. In einwöchigen Projekten vermittelt er Jugendlichen, was die Altenpflege eigentlich ausmacht. Rund 25.000 junge Leute hat er mit seiner sogenannten szenischen Berufsberatung bereits erreicht. Und seine Arbeit scheint etwas zu bewirken: 34 Prozent höhere Anmeldezahlen in sozialen Berufen vermeldet das Sozialministerium.

Die Ausbildung in den Pflegeberufen wird reformiert

Um den Pflegeberuf künftig breiter aufzustellen und damit auch attraktiver zu machen, ist zudem geplant, die Ausbildung bundesweit zu reformieren. Künftig sollen Kranken-, Alten- und Kinderpfleger gemeinsam ausgebildet werden. Am Anfang geht es um Grundlagen, erst später kommt die Spezialisierung auf eine Fachrichtung. Kritiker befürchten jedoch, dass dadurch die Qualität der Pflege leiden könnte. Und Benjamin Müller vermutet, "dass die Altenpflege wahrscheinlich nicht davon profitiert. Dass der Fachkräftemangel sich sogar noch zuspitzen könnte in der Altenpflege, weil der Bedarf im Krankenhaus ja genauso groß ist."

Großes Gehaltsgefälle in den verschiedenen Pflegeberufen

Derzeit verdienen Pflegekräfte im Krankenhaus rund ein Drittel mehr als Pflegekräfte im Altenheim. Die Gehälter in der Pflege insgesamt neu und höher aufzusetzen, wäre die nächste große Aufgabe. Dieses heiße Eisen haben bisher weder die Politik noch die Sozialverbände angefasst.

Dossier Politik, 14.2.2018, 21:05 Uhr, Bayern 2

Angelika Pfab und Nikolaus Nützel

Thema: Offene Wunde - warum gute Pflege so schwierig ist

Studiogäste: Angelika Pfab, Leiterin Evangelischer Pflegedienst Agaplesion in München und Nikolaus Nützel, er arbeitet für die Wirtschaftsredaktion des Bayerischen Rundfunks und hat sich auf den Bereich der Gesundheitspolitik spezialisiert. Er hat bereits mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst.


Moderation: Andrea Herrmann
Redaktion: Veronika Wagner, Andrea Herrmann

Themen der Beiträge:

  • Pflegekraft – wer will das denn werden?! (Ulrike Lefherz)
  • Besser daheim – ist häusliche Pflege die Lösung? (Gabriele Knetsch)
  • Pflegeheime – hat sich seit der Pflegereform wirklich etwas verbessert? (Hanna Maier)

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