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Die Vorgeschichte zur Terrorwarnung in München Zwei Brüder und drei Könige

Viele Fragen sind noch offen rund um die Terrorwarnung von München am Silvesterabend. Nach Informationen des BR und des SWR begann alles, als ein Mann aus dem Irak ein Polizeirevier im Badischen betrat und vor einem Anschlag am 6. Januar warnte.

Von: Oliver Bendixen und Holger Schmidt

Stand: 03.01.2016

Terroralarm in München | Bild: dpa-Bildfunk

Deutschland bereitete sich auf den Heiligen Abend vor, als am 23. Dezember gegen Mittag ein Mann aus dem Irak im Badischen ein Polizeirevier betrat. Er habe eine wichtige Mitteilung zu machen, sagte der unbescholtene Mann. Die Polizei solle doch bitte dringend mit seinem Bruder sprechen - der sei im Irak. Es gehe um einen drohenden Terroranschlag. Badener sind gelassene Menschen. Aber selbst für einen gelassenen Beamten war die Sache klar: Das ist ein Fall für höhere Stellen: Das Landeskriminalamt, Abteilung Staatsschutz in Stuttgart wurde informiert.

Anschlag am Heiligdreikönigstag

Dort beschloss man, der Sache zügig auf den Grund zu gehen - und rief kurzerhand den Bruder des Hinweisgebers im Irak an. Es wurde ein längeres Telefonat. Am Ende standen folgende Informationen fest: Der Mann warnte vor einem islamistischen Terroranschlag in München. Dieser sollte durch ein Team von sieben Männern verübt werden. Auf "öffentlichen Nahverkehr". Und zwar kurz vor, an oder kurz nach dem 06. Januar 2016, dem Fest der Heiligen Drei Könige. Vom Jahreswechsel oder von konkreten Bahnhöfen war nicht die Rede. Dafür von konkreten Personen. Diese seien bereits in München. Allerdings nannte der Mann arabische "Allerweltsnamen".

Codename "Januar"

Für die Polizei Baden-Württemberg war die Sache damit praktisch erledigt: Schnell und nachdrücklich wurden die bayerischen Kollegen und das Bundeskriminalamt informiert - aber im "Ländle" sah man sich nicht mehr zuständig. Von nun an ermittelte die bayerische Polizei gemeinsam mit verschiedenen Bundesbehörden: BKA und Verfassungsschutz prüften die genannten Namen. Der BND nahm seinerseits Kontakt zu dem Mann im Irak auf und befragte ihn erneut. Auch der Generalbundesanwalt - mit Peter Frank neuerdings ein Bayer - wurde informiert. Codename der Ermittlungen: "Januar".

Über die Weihnachstfeiertage wurde intensiv ermittelt: Eine Liste der genannten Namen in allen erdenklichen Schreibweisen wurde über Interpol und Europol verteilt - bis heute sind polizeiintern mehr als einhundert Hinweise eingegangen. Doch keiner dieser Hinweise betraf Deutschland. War das wahrscheinlich? Sieben Attentäter ohne Deutschlanderfahrung? Und ist es plausibel, dass der Hinweisgeber alle Namen einer Attentätergruppe kennt - ohne dazu zu gehören?

Ergebnislose Observation

Immerhin: Ein Appartementhotel, das zu den Beschreibungen des Hinweisgebers passte, konnte die Münchner Polizei ermitteln. Bewohner und Eigentümer wurden im Stillen überprüft, das Gebäude observiert. Sonderlich verdächtig erschien nichts.

Kurz vor Silvester stand bei der Münchner Polizei eine Grundsatzentscheidung an: Sollte man das Hotel komplett durchsuchen? Starke Polizeikräfte wären nötig gewesen, Bayern alleine hätte das nicht bewältigen können - und es gab außer dem Hinweisgeber keine Anhaltspunkte auf einen Terrorplan. Man entschied sich für eine "kleine Lösung" und stürmte am 30. Dezember zwei Wohnungen des Hotels, die man als "halbwegs relevant" ansah. Doch schon während der Durchsuchung wurde den Beamten klar: Fehlanzeige. Am Silvestermorgen schien die Geschichte der zwei Brüder ein Fall für die Akten zu sein. Viele der beteiligten Ermittler planten einen Silvesterabend Zuhause.

Terrorwarnung aus Frankreich

Doch am späten Nachmittag des Silvestertags erreichte das Bundeskriminalamt eine Warnmeldung aus Frankreich. Wieder war von München die Rede. Wieder von einem Anschlagsplan. Diesmal viel konkreter: In wenigen Stunden, am Hauptbahnhof oder am Bahnhof Pasing in München - und wieder gab es einige konkrete Namen (wenn auch andere) und insgesamt sieben Personen. Das BKA warnte die bayerischen Kollegen - und die gingen schnell auf Nummer sicher - es entstand die bekannte Terrorwarnung.

Nichts ist seitdem passiert. Aber viele Fragen sind offen - auch für die Sicherheitsbehörden. Gab es den Plan gar nicht? Oder steht der Anschlag noch bevor? Hat sich der Mann im Irak auch an andere Behörden gewendet - und gehen möglicherweise beide Warnungen - also auch die französische - auf ihn zurück? Es wird ermittelt. Mindestens bis Dreikönig. Und dann? Ein Beteiligter bringt es auf den Punkt: "Was wir jetzt brauchen, sind drei Weise aus dem Morgenland."


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