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NSU-Prozess: 272. Verhandlungstag Wer bediente den Videorekorder?

Am 9. Juni 2004 explodierte in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe. 22 Menschen wurden verletzt, vier schwer. Im Schutt der ausgebrannten Wohnung der NSU-Trios in Zwickau fand sich eine DVD mit Fernsehberichten des Attentats. Wer hatte diese mitgeschnitten? Der heutige Prozesstag soll Antworten auf diese Frage geben.

Von: Tim Aßmann

Stand: 16.03.2016

Der Tatort in der Keupstraße in Köln nach dem Nagelbombenanschlag der NSU-Terrorzelle | Bild: picture-alliance/dpa

Die Neugier war groß und der Aufwand, um sie zu befriedigen auch. Am 9. Juni 2004 um kurz vor 18 Uhr begann irgendwo irgendwer nach Fernsehberichten über den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße zu suchen. Da war die Tat gerade zwei Stunden alt.

Rund vier Stunden lang wurde dann immer wieder zwischen dem WDR und n-tv hin- und hergesprungen und jedesmal wenn es um die Keupstraße ging, per VHS-Videorekorder aufgezeichnet. Die Mitschnitte wurden irgendwann später auf DVD gebrannt und die wiederum fand sich im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße, der letzten Wohnung von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.

Beweismittel werden neu evaluiert

Ermittler des Bundeskriminalamts klärten nun die Herkunft der Fernsehmitschnitte – im Auftrag der Bundesanwaltschaft. Herbert Diemer vertritt die Karlsruher Anklagebehörde im NSU-Prozess.

"Wir haben immer gesagt, dass wir fortlaufend die Beweismittel neu auswerten, neu bewerten – vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse. Auch die Einlassungen der Angeklagten sind Erkenntnisse und wenn vor diesem Hintergrund Beweismittel noch einmal evaluiert werden, dann kommt man unter Umständen auch zu einem neuen Ergebnis."

Herbert Diemer, Bundesanwalt

Hatte Zschäpe tatsächlich erst nachträglich vom Nagelbomenanschlag erfahren?

Die BKA-Untersuchung dient auch dazu, Aussagen von Beate Zschäpe auf den Prüfstand zu stellen. Am 9. Dezember vergangenen Jahres erklärte die Hauptangeklagte im NSU-Prozess schriftlich, vom Nagelbombenanschlag erst nachträglich erfahren zu haben. Zschäpe ging nach eigenen Angaben davon aus, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Sommer 2004 nach Köln fuhren, um einen Raubüberfall zu begehen. Die Ermittlungsergebnisse des BKA stellen Zschäpes-Angaben nun in Frage.

Mundlos und Böhnhardt konnten nicht in zwei Stunden von Köln nach Zwickau fahren und die Sendungen aufnehmen. Bediente Beate Zschäpe den Videorekorder? Darüber spekulieren nun, vor der Befragung der zuständigen BKA-Ermittlerin, die Prozessbeteiligten in München. Nebenklage-Anwalt Walter Martinek.

"Wenn man unterstellt, dass dieses Video manuell aufgezeichnet wurde durch die Angeklagte Zschäpe, dann wäre es natürlich ein starkes Indiz dahingehend, dass sie vor oder bei Begehung der Tat schon wusste, worum es geht."

Walter Martinek, Nebenklage-Anwalt

Wer bediente den Videorekorder?

Dann wäre Zschäpe der Lüge überführt. Teile der Mitschnitte auf der DVD wurden für das NSU-Bekenner-Video, den sogenannten Paulchen-Panther-Film verwendet. Zschäpe bestreitet an der Herstellung des Videos beteiligt gewesen zu sein. Sie will auch den Namen NSU nicht gekannt haben.

Die Ergebnisse des BKA belegen aber eben auch nicht zweifelsfrei, dass Beate Zschäpe die Fernsehberichte zum Keupstraßen-Anschlag mitschnitt. Die Ermittler haben die DVD, aber nicht den VHS-Rekorder mit dem ursprünglich aufgezeichnet wurde. Dementsprechend ist nicht klar, ob die Mitschnitte 2004 in der damaligen Wohnung des untergetauchten Neonazi-Trios in der Zwickauer Polenzstraße und damit von Zschäpe gemacht wurden. Möglich gewesen wäre es.

Die Sendungen, die aufgezeichnet wurden, waren dort damals zu empfangen. Anwalt Alexander Hoffmann vertritt im NSU-Prozess die Nebenklage für ein Opfer des Anschlags in der Keupstraße.

"Man kann das in zwei Richtungen lesen. Es besteht danach eine große Wahrscheinlichkeit, dass entweder weitere Personen, außer Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Kenntnis hatten von dem Anschlag in der Keupstraße und Interesse hatten an einer Dokumentation, die dann in das Bekennervideo aufgenommen worden ist oder dass es mit Sicherheit Frau Zschäpe war."

Alexander Hoffmann, Nebenklage-Anwalt

Letzteres wird sich voraussichtlich nicht belegen lassen und die Verteidiger von Beate Zschäpe werden bei der Befragung der BKA-Ermittlerin im Zeugenstand wahrscheinlich versuchen genau das hervorzuheben.

  • Tim Aßmann | Bild: BR/Tim Aßmann Tim Aßmann

    Berichtet vom NSU-Prozess von Anfang an. Schreibt auch die br.de/NSU-Protokolle. Reporter und Redakteur "Politik und Hintergrund"


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