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Versicherungspflicht Krank ohne Versicherung

Seit zehn Jahren gilt in Deutschland eine Krankenversicherungspflicht. Trotzdem sind auch heute noch über 80.000 Menschen nicht versichert. Davon betroffen sind vor allem Selbständige, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können. Oft meiden sie Arztbesuche - aus Angst vor den Kosten. Kontrovers mit einer Bilanz: Wie steht es um die Versicherungspflicht zehn Jahre nach ihrer Einführung?

Von: Stefanie Heiß und Stefanie Müller

Stand: 18.01.2017

Eigentlich dürfte es sie gar nicht geben: Menschen ohne Versicherungsschutz im Krankheitsfall. Denn seit 2007 besteht Versicherungspflicht in Deutschland. Doch offiziell hatten 2015 79.000 Deutsche keine Krankenversicherung. Die Dunkelziffer schätzen Experten mindestens viermal so hoch. Bei einer Erkrankung stehen sie ohne Hilfe da. Denn weil sie mit ihren Beitragszahlungen in Rückstand geraten sind, ruht ihre Versicherung.

Um wieder normal krankenversichert zu sein, müssten sie rückwirkend ihre Beitragsschulden begleichen, dazu kommen Säumniszuschläge. Für viele ist das der Weg in die Schuldenfalle. Und einige Krankenkassen sind knallhart: So lange die Schulden nicht komplett zurückgezahlt sind, gibt es nur im Notfall Hilfe.

Notsprechstunden bieten Hilfe für Nichtversicherte

Hohe Hürde für Nichtzahler durch Krankenversicherungspflicht

Eigentlich hatten die Hilfsorganisationen damit gerechnet, dass die Zahl der unversicherten Patienten mit der schrittweisen Einführung der Krankenversicherungspflicht ab 2007 sinkt. Tatsächlich aber konnten die, bei denen vorher schon das Geld nicht reichte, auch nachher nicht zahlen und häuften so Beitragsschulden an. Dadurch wurde die Hürde, sich regulär zu versichern, nur noch höher.

Letzter Ausweg für die Betroffenen sind oft die Notsprechstunden. Praxen wie die "Malteser-Migranten-Medizin" oder das Kloster Sankt Bonifaz in München behandeln Menschen, die keine Versichertenkarte haben. Überwiegend sind das Zuwanderer, die illegal in Deutschland leben. Im Wartezimmer sitzen jedoch auch Obdachlose und Geringverdiener, die keine Beiträge zahlen können, aber auch keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die Praxen sind überlaufen.

Auch die Organisation Ärzte der Welt betreibt in München eine Praxis, die Unversicherte behandelt. Ursprünglich wurde die Praxis gegründet, um Menschen ohne Papiere zu behandeln. Mittlerweile sind allerdings Deutsche ohne Krankenversicherung die zweitgrößte Patientengruppe.

Dr. Cevat Kara, Mitarbeiter von "Ärzte der Welt" | Bild: BR

"Wir haben hier Patienten, die früher der Oberschicht angehört haben, Millionäre waren, Geschäfte geführt haben. Wir haben Menschen hier, die als Rechtsanwälte tätig sind, als Künstler tätig sind - eigentlich Patienten, denen man überall auf der Straße begegnet und von denen man nicht vermuten würde, dass sie keine Krankenversicherung besitzen."

Dr. Cevat Kara, Projektreferent Ärzte der Welt open.med München

Viele Patienten, die in die Notsprechstunde kommen, sind mittlerweile chronisch krank, weil sie eine Behandlung verschleppt haben. Doch in schweren Fällen, wenn eine teure Therapie notwendig ist, stoßen auch die caritativen Praxen an ihre finanziellen Grenzen. Nicht immer führen die dann notwendigen, oft langwierigen Verhandlungen mit den Kassen dazu, dass die Behandlungskosten übernommen werden.

Typische Schicksale von Unversicherten

Fall 1

Peter ist Volljurist, Mittelschicht. Vor 12 Jahren steckte er in der Krise: erst Trennung, dann Scheidung, dazu kam ein beruflicher Misserfolg. Seitdem zahlt er keine Beiträge mehr. Vor zwei Jahren dann die Katastrophe: Er wurde schwer krank. Tagelang zögerte er einen Arztbesuch hinaus, bis es fast zu spät war. Die Rechnung der Notaufnahme bezahlten Familienangehörige. Eine Rückkehr in die Versicherung ist für ihn bis heute nicht möglich. Damit die Kasse ihn wieder aufnimmt, müsste er zuerst alle nicht bezahlten Beiträge nachzahlen. Über 10.000 Euro, plus Zinsen. Das kann er sich nicht leisten.

Fall 2

Marvin macht gerade auf dem zweiten Bildungsweg Abitur, als er aus der Familienversicherung fliegt. Er hat die Altersgrenze von 25 Jahren überschritten. Die Krankenkasse teilt ihm mit, er müsse sich nun selbst versichern. Doch der Schüler hat damals kein Geld und auch keine Lust sich zu kümmern. Arztbesuche schiebt er auf, den Zahnarzt zahlt er selbst – 680 Euro. Nach zwei Jahren bekommt er von seiner ehemaligen Krankenkasse eine Rechnung über 13.000 Euro. Beitragsschulden, weil in Deutschland die Versicherungspflicht gilt, die alle Bürger verpflichtet, in eine Krankenkasse einzuzahlen. Wer sich wie Marvin nicht kümmert und auch nicht zahlt, häuft Schulden an. Anspruch auf Leistungen aber haben Nichtzahler nur in medzinischen Notlagen.:

Fall 3

Erwin wird wegem schwerem Diabetes arbeitsunfähig und bezieht Erwerbsminderungsrente. Er müsste sich freiwillig krankenversichern. Doch der Frührentner glaubt, er sei versichert über die Rentenkasse. Dem ist jedoch nicht so. Weil er nicht zahlt, wirft ihn die Krankenkasse raus. Erwin geht weiter zum Arzt. Er ist insulinpflichtiger Diabetiker. Darum verlangt die Krankenkasse über 2.500 Euro Behandlungskosten zurück. Er kann die Kosten allerdings nicht bezahlen. Mittlerweile ist das 12 Jahre her. Erwin ist seitdem nicht mehr krankenversichert. Der Mann bezieht derzeit sein Insulin über Ärzte der Welt, finanziert aus Spenden.

Fall 4

Johannes war jahrzehntelang in der IT Branche angestellt und verdiente gut. Er wechselte schließlich in die private Krankenversicherung. Kosten: 700 Euro im Monat. Dann scheiterte seine Ehe. Die hohen Versicherungsbeiträge konnte er sich nicht mehr leisten. Für einen Wechsel zurück in die gesetzliche Kasse war er schon zu alt. Mittlerweile lebt er seit elf Jahren ohne Krankenversicherung. Er hat Angst davor, dass ihm eines Tages etwas Gravierendes passieren könnte ...

Notlagentarif für akute Erkrankungen und Schmerzen

Trotzdem sieht das Bundesgesundheitsministerium keinen Handlungsbedarf. Auf Anfrage verweist es auf vergangene Gesetzesreformen. Die letzte ist vier Jahre her. Damals wurde für Menschen mit finanziellen Problemen ein günstiger Notlagentarif geschaffen. Aktuell sind über 100.000 Menschen über diesen Tarif versichert. Das Problem ist jedoch, dass er gerade mal eine minimale Notversorgung abdeckt. Er gilt nur bei akuten Erkrankungen und Schmerzen.

Die Politik drängt immer mehr Bürger in Notfallpraxen – finanziert aus Spenden – mit Ärzten, die kostenlos arbeiten. Ein Armutszeugnis für den deutschen Sozialstaat.


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