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Verschwörungs-Sekte Wir erlösen uns von dem Bösen

In Schwaben produziert eine christliche Gruppe Verschwörungsnachrichten für die Website Klagemauer-TV. Dahinter steht ein Sektenguru aus der Schweiz: Ivo Sasek. Der prophezeit eine Diktatur der Hölle und bekämpft sie mit Filmen, die von Laien und auch Kindern gemacht werden. Das BR-Politikmagazin Kontrovers hat recherchiert.

Stand: 30.11.2016

Die Welt, die auf Klagemauer-TV gezeichnet wird, ist apokalyptisch und gefährlich: Chaos, Bürgerkrieg, Neue Weltordnung. Die Flüchtlingsströme nach Europa? Eine moderne Kriegsführung der US-Regierung und der „dahinterstehenden Finanzoligarchie“. Die Flüchtlinge seien eingesetzt, um Chaos in Deutschland auszulösen, die Bevölkerung zu spalten – 2017 sei ein Bürgerkrieg in Deutschland ein realistisches Szenario.

Die "Mainstream-Medien" verschwiegen solche angeblich wahren Zusammenhänge – das wird Klagemauer-TV nicht müde zu betonen. Täglich werden teilweise mehrere Sendungen online gestellt. Die Beiträge nennen „Studios“ in ganz Deutschland, Österreich oder der Schweiz als Urheber. Das Impressum nennt nur eine unscheinbare Schweizer Adresse am Bodensee. Von den Studios in Augsburg, Roth, Nürnberg, Nürnberg Süd, Karlsruhe oder Dresden fehlt jede Angabe von Adressen oder Namen der Produzenten. Klar ist jedoch nach wenigen Klicks, dass hinter Klagemauer-TV der Schweizer Prediger Ivo Sasek und seine „Organische Christus Generation“ (OCG) steht.

Verleumdung und Verschwörung

Der Sektenexperte Harald Lamprecht.

Anfang der Nullerjahre fiel er mit Thesen zur Kindererziehung auf, die ihn in den Fokus der Medien und Sektenbeauftragten rückten. Kindern müsse der Wille „gebrochen“ werden. In dem Buch „Mama, bitte züchtige mich!“ lobten seine damals noch minderjährigen Kinder die Vorteile der Schläge mit der Rute und die OCG produzierte eine „Gemeindeschulung“ in der „Aua!“-schreiende Kinder zu vorgelesenen Bibelversen zu hören waren. Die Presse nannte ihn „Prügelguru“. Auf Anfrage schreibt Ivo Sasek heute dem BR, dass er verleumdet worden sei. Er habe seine Kinder nicht mit Prügel, sondern mit Liebe und Sorgfalt aufgezogen.  Damals begann Ivo Sasek eine neue Agenda zu entwickeln, meint der Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens, Harald Lamprecht:

"Hier findet man zum ersten Mal so richtig programmatisch, dass seine Konflikte mit Kirchenvertretern, mit der Staatsmacht und den Medien aus seiner Sicht als letztendlich von Dämonen gesteuert interpretiert werden. Und ich finde darin die frühen Zeugen der Verschwörungstheorie."

Harald Lamprecht, Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens

Ivo Sasek 2003 in Dresden.

Mittlerweile ist für ihn die ganze Welt der Schauplatz einer Verschwörung. Wie fromme Christen glaubt Sasek an die Endzeit, den letzten Aufstand des Teufels. Nur findet der für ihn ganz real statt, in Allianz mit außerirdischen und menschlichen Verschwörern. Ebenso nennt er in Predigten, die Kontrovers vorliegen, Geheimbünde wie die Freimaurer, Bildberger oder eine satanische, jüdische Sekte als heimliche Strippenzieher. Europäische Demokratien wie in der Schweiz, Frankreich oder Deutschland seien in Wirklichkeit Diktaturen. Das Ziel des Komplotts sei eine Weltregierung, als Herrschaft des Teufels, und die fast vollständige Vernichtung der Menschheit.

Der Tanz mit den Nazis

Sasek gründete das Flugblatt „Stimme und Gegenstimme“, Klagemauer-TV und die Antizensur Koalition, die jährlich unter anderem Esoterikern, Verschwörungstheoretikern, aber auch Rechtsextremisten und dem Präsidenten der Schweizer Scientology, Jürg Stettler, eine Bühne bot. Es sind seine Organe im Kampf gegen die angeblichen Verschwörer.

Screenshot des Films „Hellstorm“, der als „Höllensturm“ in einer Kurzvariante veröffentlicht wurde.

Im Oktober lud Klagemauer den Film „Höllensturm“ hoch – er ist eine Kurzversion des Films „Hellstorm“ des amerikanischen Regisseurs und Neonazis Kyle Hunt, der mit seinem „white man march“ auf den seiner Meinung nach stattfindenden weltweiten Genozid an Europäern aufmerksam machen wollte. In seinem Film thematisiert Hunt angebliche alliierte Kriegsverbrechen und erklärt, die Nazis hätten Deutschland wieder zu einem frohen und hoffnungsvollen Land gemacht. Auf diesen Abschnitt verzichtete Klagemauer-TV, ließ aber den Abspann unverändert, der hitlergrüßende Kinder, tanzende Menschen vor Hakenkreuzflaggen und Idyll-Bildern aus Nazideutschland zeigt.

Erst nach der BR-Anfrage ist dieses Ende nicht mehr online. „Nie wieder Krieg sollte der Sinn dieser Sendung sein! Nichts Zweites! Keine weitere Kriegspropaganda mehr durch US-Kriegstreiber“, schreibt Ivo Sasek. Doch auch er selbst streift immer wieder den Geschichtsrevisionismus und Positionen der extremen Rechten. In einer Predigt spricht er beispielsweise von einer „befohlenen“ Geschichtsschreibung. Und erklärt in einer anderen, dass es den Weltherrschaftsplänen des Teufels diene, dass jeder jahrzehntelang vom Holocaust und Nationalsozialismus höre.  Dass er das immer noch so sieht, führt Sasek in seiner Stellungnahme aus:  

"Durch das ständige Hetzen gegen sogenannte Religionsvergehen (was in Wahrheit aber durch rein religiös getarnte Terroristen geschieht) oder gegen Nationalbewusstsein (Holocaust wegen Nationalstolz) wird die Zustimmung der Völker bewirkt, um sowohl jeden Nationalstaat als auch jede Religion aufzulösen. Daraus hervorgehen soll der 1ne Weltstaat mit nur noch 1ner-Weltregierung, mit nur noch 1ner-Weltreligion, 1ner Weltwährung usw."

Ivo Sasek 2016 in einer Stellungnahme gegenüber dem BR

Ein Studio in Mertingen

Das Druckerei-Gebäude der Sekte in Mertingen (rechts).

Wer welche redaktionelle Verantwortung bei Klagemauer-TV hat, ist nicht bekannt. Genauso, wo genau die Sendungen aufgenommen werden. Nach Recherchen von Kontrovers befindet sich das Augsburger „Studio“ in Mertingen. Dort trafen sich zuletzt mehrere Dutzend Erwachsene und Kinder zur Fernseh-, Bücher- und Flugblatt-Produktion. Kinder und Jugendliche halfen bei der Tonaufnahme der Sendung, entwarfen Fernsehgrafiken und kopierten DVDs.

Wer für die Produktion verantwortlich ist, ist unklar – ebenso wem das Gelände gehört. Auf einem Schild steht der Name einer Maschinenbaufirma und des Vereins „Leben in Christus“. Der Schweizer Ivo Sasek will nicht verantwortlich sein: „Was die Mertinger Kinder tun, geht uns hier in Walzenhausen nichts an.“ Aber dann bestätigt er, dass „wenige“ mitwirken würden. Alles geschehe freiwillig und ohne Zwang. Von den Inhalten des von ihnen mitgestalteten Verschwörungsprogramms bekämen die Kinder dabei kaum etwas mit.

Server in der Schweiz

Eigentlich wäre für einen Internetsender wie Klagemauer-TV die Bayerische Landeszentrale für neue Medien zuständig. Doch die Produktion sei rechtlich nicht reguliert, heißt es auf BR-Anfrage. Entscheidend sei die Ausstrahlung: „Wenn die Server mit den Inhalten wie in diesem Fall in der Schweiz stehen, können wir nicht dagegen vorgehen.“


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