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Umstrittene Hormonspiralen Ärzte als Botschafter für Mirena und Co

Hormonspiralen wie Mirena und Jaydess sind Blockbuster für den Hersteller Bayer. Frauenärzte empfehlen sie offenbar als Verhütungsmittel der Wahl. Das könnte auch damit zu tun haben, dass führende deutsche Gynäkologen Honorare von Bayer erhalten.

Von: Julia Smilga, Carola Brand

Stand: 27.04.2017

Pille war gestern, Hormonspirale ist heute  - so will es die Pharmaindustrie den Frauen Glauben machen. Hormonspiralen wie Mirena und Jaydess sind für den Konzern Bayer ein Erfolgsprodukt. Im Jahr 2016 verdiente das Unternehmen über eine Milliarde Euro damit. In den Top Ten der umsatzstärksten Pharmaprodukte belegen die  Hormonspiralen Platz vier.

Offenbar empfehlen viele niedergelassene Frauenärzte Hormonspiralen als Verhütungsmittel der Wahl. Aber sind die Frauen wirklich alle so zufrieden mit dieser Verhütungsmethode wie gerne behauptet?

Mögliche Nebenwirkungen: Depression, Migräne, Gewichtszunahme

Umstrittene Hormonspirale

Katharina Micada verhütete 10 Jahre lang mit der Hormonspirale Mirena, bis sie sich fragte, woher ihre  extreme Gewichtszunahme, der Schwindel, die Depressionen und ihre Migräne kommen. 2015 gründete Katharina Micada eine kritische Hormonspiralengruppe bei Facebook

"Wir sind inzwischen über 2.200 Frauen, jeden Tag kommen etwa 5 neue dazu. Sehr typisch ist, dass die Frauen sagen: Ich habe die und die Nebenwirkungen oder Symptome und kann das sein, dass das von der Spirale kommt? Weil sehr oft der Frauenarzt diesen Zusammenhang eben negiert. Und wir verweisen dann meistens auf den Beipackzettel wo eben all das drinsteht."

Katharina Micada, Hormonspiralen-Kritikerin

Etwa 160 Euro kostet die Hormonspirale in der Apotheke, für bis zu 400 Euro wird sie in den deutschen Praxen verkauft. Inklusive der ärztlichen Leistung für das Einsetzen. Außerdem wird die Patientin dadurch für mehrere Jahre an die Praxis gebunden, weil sie zu halbjährlichen Ultraschallkontrollen kommen soll. Ebenfalls Privatleistung.

Beeinflusst Bayer die Weiterbildung von Ärzten?

Für den Bayer-Konzern sind Hormonspiralen ein Erfolgsprodukt

Stellen sich viele Frauenärzte taub, sobald die Patientinnen mit Beschwerden kommen? Oder wissen Gynäkologen nicht, was sie tun, weil sie selbst nicht umfassend informiert werden? Jan Pehrke vom  Vorstand des Vereins "Coordination gegen Bayer Gefahren" hat den Eindruck, die Weiterbildung von Ärzten werde durch die Pharmaindustrie beeinflusst:

"Bayer oder andere Pharmakonzerne verlegen sich auf die Strategie, sich direkt an die Ärzte zu wenden oder an die Fachgesellschaften. Da guckt Bayer schon genau nach einflussreichen Ärzten, nach Ärzten, die eine Position in den Fachgesellschaften haben oder die eine leitende Funktion an den Unis haben."

Jan Pehrke von Coordination gegen Bayer Gefahren

Bayer zahlt Honorare an führende Gynäkologen

Es sind leitende Gynäkologen wie Thomas Römer oder Kai Bühling. Thomas Römer ist Leiter der Gynäkologischen geburtshilflichen Abteilung am Evangelischen Krankenhaus Köln Weyertal, Kai Bühling ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Frauengesundheit, die sich um die Weiterbildung der Frauenärzte kümmert. Laut der Datenbank des Recherchezentrums Correctiv hat im Jahr 2015 die Deutsche Gesellschaft für Frauengesundheit 51.000 Euro von Bayer bekommen. Thomas Römer erhielt von Bayer knapp 20.000 Euro.

Auf Anfrage des Funkstreifzugs streitet Römer nicht ab, von Bayer 20.000 Euro erhalten zu haben. Er schreibt dazu:

"Honorare für Vorträge und Studien zur Hormonspirale sind darin nicht enthalten."

Aus einer Mail von Dr. Thomas Römer an den Funkstreifzug

Bühling und  Römer verfassen Studien  und Fachartikel zu Hormonspiralen, beide sind aktiv in der Weiterbildung von Frauenärzten, beide äußern sich wohlwollend über die Hormonspirale.

Hormonspiralen und der weibliche Zyklus

"Verhütungsschirmchen" werden Hormonspiralen in der Werbung genannt.

Römer verfasste beispielsweise für ein Weiterbildungsseminar für Frauenärzte den Vortrag "Intrauterine hormonelle Kontrazeption". Darin betont er: Hormonspiralen unterdrücken nicht den Eisprung im weiblichen Zyklus. Allerdings: Sogar in einer von Bayer finanzierten Studie hatten bei Mirena 23 Prozent der Frauen keinen Eisprung im ersten Jahr. Pharma-unabhängige Studien nennen höhere Zahlen - bis zu 50 Prozent der Frauen hatten keinen Eisprung mehr. 

Die Berater des Verbands pro familia machten schon vor Jahren auf die Ungereimtheiten zwischen Herstellerangaben und Studienlage aufmerksam.

"Die Aussage in der Informationsbroschüre für Anwenderinnen, dass Mirena den natürlichen Zyklus nicht beeinflusst, ist eindeutig falsch."

aus einem Rundbrief des Verbands pro Familie 2004

Bayer größter Förderer der Frauenärztlichen Bundesakademie

Ein Arzt steckt sich Geld in die Kitteltasche. | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Umstrittene Studien der Pharma-Industrie Millionenzahlungen an Ärzte bleiben geheim

Die Pharmaindustrie hatte eigentlich die große Transparenz versprochen: Doch nach Recherchen von NDR, WDR, SZ und Correctiv erhalten Ärzte weiterhin geheime Millionenzahlungen für umstrittene Studien. Spitzenreiter ist demnach Novartis. Von Christian Baars, NDR [mehr]

Der größte Organisator von Kongressen für Gynäkologen ist die Frauenärztliche Bundesakademie, die zum Berufsverband der Frauenärzte gehört. 2015 erhielt diese Bundesakademie von Bayer 194.210 Euro als "Sponsoring". Laut der Datenbank des  Recherchezentrums Correctiv ist Bayer damit der größte Förderer der Ärzte-Akademie. Das Geld floss in die Organisation von etwa 52 Veranstaltungen, teilt der Berufsverband der Frauenärzte dem Funkstreifzug mit.

Bayer bezahlt, da fragt sich: Wie unabhängig sind die Referenten und wie industrienah sind die Informationen, die auf diesen Veranstaltungen an die Frauenärzte weitergegeben werden? Der Berufsverband der Frauenärzte beantwortet die Frage so:

"Als Referent verpflichten Sie sich im Rahmen Ihrer Publikationen, Vorträge und anderen öffentlichen Äußerungen auf Ihre Zusammenarbeit mit Firmen namentlich hinzuweisen, wenn der Gegenstand Ihrer öffentlichen Äußerung gleichzeitig Gegenstand Ihrer Vertragsbeziehung ist."

Berufsverband der Frauenärzte

Das bedeutet – die Referenten müssen lediglich ihre Interessenskonflikte benennen. Den Inhalt ihrer Vorträge überprüft niemand.

Intransparenz beim Einfluss auf ärztliche Leitlinien

Gerd Glaeske, Pharmakologe an der Universität Bremen kritisiert, dass sich Ärzte zu sehr auf die Werbeaussagen der Hersteller verlassen. Ein noch gravierenderes Problem ist in seinen Augen, wenn die Verfasser ärztlicher Leitlinien eng mit der Pharmaindustrie verbunden sind.

Gerd Glaeske

"Insofern erwarte ich geradezu, dass unter jedem Artikel, den irgendjemand schreibt, steht - welchen Interessenskonflikt hat er möglicherweise. Ich denke man muss wissen, woher diese Meinungen kommen, durch wen sie unterstützt werden und in welcher Weise sie möglicherweise beeinflusst sind."

Dr. Gerd Glaeske, Pharmakologe Universität Bremen


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