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Das zweite Leben Die vergessenen Opfer von Terroranschlägen

Über die Attentäter und die mutmaßlichen Hintergründe nach einer terroristischen Tat wird viel berichtet. Die Opfer und Hinterbliebenen werden allerdings ganz schnell wieder vergessen. Dabei müssen sie trotz aller körperlichen und seelischen Wunden einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen, um im Beruf, in der Familie, im ganz normalen Alltag zu bestehen.

Von: Judith Gridl, Anna Klühspies

Stand: 23.07.2017

Melina, Kineh und Matilda haben den Anschlag in Nizza überlebt. Wir treffen sie am Breitscheidplatz, dem Ort des Berliner Anschlags. Für sie kein leichter Weg: Zu ähnlich sind die Bilder, die sie an ihre Klassenfahrt nach Nizza erinnern:   

Melina | Bild: BR

"Also bei mir ist das halt so: Dadurch weil ich auf der Promenade dabei war - also nicht unbedingt wenn ich einen LKW sehe - habe ich Angst, sondern vielmehr wenn ich in Massen bin, also im Kino kann man sich das vorstellen…"

Melina

"Ja im Kino vor allem."

Matilda

"… oder jetzt war halt auch der Anschlag in Manchester …"

Melina

Auf dem Pausenhof steht ein Gedenkstein für die drei Opfer ihrer Schule. Es ist jetzt ein Jahr her, dass sie ihre Freundin Salma beim Anschlag in Nizza verloren haben:

"Bei Salma war das einfach: Ihr Lachen war so ansteckend, das war wirklich so, jeder musste mitlachen. Ich bin halt wirklich froh, sie kennen gelernt zu haben, weil sie einer der nettesten Menschen war."

Melina

Am Abend des französischen Nationalfeiertags ist die Schulklasse aus Berlin gerade auf der Strandpromenade unterwegs. Tausende Zuschauer wollen das große Feuerwerk sehen. Dann, das Unfassbare: Ein weißer LKW rast in die feiernden Menschen. Die Schülerin Amal ist mittendrin:

Amal | Bild: BR

"Hab’ mich umgedreht und hab nur gesehen, dass ein megagroßer, weißer Lastwagen auf mich zugerast ist. Wollte wegrennen und schreien. Und bin dann Richtung Meer gerannt. Und dann ist schwarz."

Amal

Nach dieser Nacht erfährt die Klasse: Zwei Mitschülerinnen und ihre Lehrerin sind unter den Toten.

Amal wurde vom LKW mitgeschleift und schwer verletzt. Noch immer kämpft sie sich nach vielen Operationen zurück ins Leben.

"Ich hatte, als ich im Krankenhaus war, ne sehr negative Zeit. Ich hatte so starke Depressionen, ich hab’ die Gardinen zugemacht, hab’ mich ins Bett gelegt. Und dann habe ich überlegt, mich einfach an der Zukunft festzuhalten. Also was kannst du noch machen, was du machen wolltest? Und das Reisen, natürlich jeder Jugendliche, fast jeder Jugendliche will reisen, aber bei mir ist das sogar noch viel größer, sag ich jetzt mal, dieser Wunsch."

Amal

Die Schüler sind seit dem Anschlag in Nizza eng miteinander verbunden: Die schrecklichen Erlebnisse lassen sie nicht los. Die Gruppe gibt sich gegenseitig Halt:

"Das ist schon auch was anderes, sich mit den Leuten zu umgeben, mit denen man da zusammen war, als mit außenstehenden Personen. Das ist schon eine ganz innige und einzigartige Beziehung, die man zueinander hat."

Franziska

Berlin, nur fünf Monate später. Wieder ist es ein Lastwagen, der innerhalb von wenigen Augenblicken Menschenleben zerstört. Das Vorgehen des Attentäters ist identisch mit dem in Nizza. Und doch ist vieles anders: Angehörige und Opfer fühlen sich allein gelassen.

Der einzige, der mit uns darüber sprechen möchte, lebt in New York: Stephan Herrlich hat seinen Bruder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin verloren. Zum ersten Mal redet er öffentlich über das, was seine Familie durchmachen musste:

Stephan Herrlich | Bild: BR

"Es ist so, dass wir die ersten drei Tage keine Informationen erhalten haben darüber, was vorgefallen ist. Und wir wissen jetzt, dass mein Bruder in der Gerichtsmedizin gelegen hat. Ab 11.30 Uhr nachts, also an dem Abend des Anschlags. Und da mit dem Personalausweis auch identifizierbar gewesen ist. Nichtsdestotrotz hat man uns gegenüber keine Informationen herausgegeben, sondern nur gesagt: Man kann nichts sagen."

Stephan Herrlich

Er hat ein politisches Anliegen: Der Staat muss sich um die Opfer von Terroranschlägen kümmern. Denn es gab niemanden, der Verantwortung übernahm:

"Kann man fragen: Wer konkret hätte da handeln müssen? Man kann feststellen, dass der Ball komplett auf den Boden gefallen ist, es gab keine Verantwortlichkeit, niemand, der irgendwie strukturiert auf einen zugekommen wäre und gesagt hätte: Das ist die Situation. Hier sind Notfallseelsorger, hier Ansprechpartner, hier sind die Informationen, die wir heute haben, das sind die nächsten Schritte, die passieren werden. All das hat nicht stattgefunden."

Stephan Herrlich

Drei Wochen nach dem Anschlag meldet sich der Anwalt Roland Weber freiwillig beim Berliner Senat. Bis dahin hat sich niemand um die Angehörigen gekümmert: Er will diese Lücke schließen:

Opfer Terroranschlaege | Bild: BR

"Immer wieder war die Forderung erhoben worden, wir hätten sehr viel schneller sofort eine Stelle benötigt, die uns kompetent hätte sagen können, welche Anträge wo zu stellen sind, welche Traumatherapeuten in Frage kommen, wo man finanzielle Entschädigungsleistungen erhält und dergleichen mehr."

Roland Weber, Opferbeauftragter Berlin

Die Politik reagiert. Allerdings erst drei Monate später. Es gibt nun einen offiziellen Opferbeauftragten der Bundesregierung: Kurt Beck, ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Er ist allerdings nur für die Opfer von Berlin zuständig. Bei den anderen Anschlägen, gibt es niemand, der sich um die Angehörigen und Opfer kümmert.  

Opfer Terroranschlaege | Bild: BR

"Ich kann es nicht beantworten, warum es dort niemanden gibt."

Kurt Beck, Opferbeauftragter Bundesregierung

Denn auch in Zukunft wird es keine bundesweite Anlaufstelle für alle Terror-Opfer geben, obwohl diese dringend notwendig wäre.  

Den Opfern solcher Attentate fällt es schwer, in ein normales Leben zurück zu finden. Auch für die drei Freundinnen aus Berlin ist das so - trotz gegenseitiger Unterstützung.  

"Als der Berlin-Anschlag war, da war es wieder richtig schlimm für mich. Da hatte ich einen richtigen Rückfall, sag ich mal. Dann aber als der in Schweden war oder London ging es schon wieder. Es ist traurig zu sagen, aber mittlerweile gewöhnt man sich schon dran. Es kommt hintereinander, es war wirklich, damals als Nizza war: So einen Anschlag gab es noch nie, und dann kamen wieder welche auf eine solche Art. Schon eine kranke Welt."

Melina

Opfer und Angehörige von Terroranschlägen müssen sich weitgehend allein zurück ins Leben kämpfen - ohne staatliche Hilfe. Dass muss sich ändern!


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Many, Montag, 24.Juli, 10:13 Uhr

6. Egal

was passiert, es sind immer die armen Täter. Täterschutz kommt vor Opferschutz das ist bei unserer Justiz schon immer so.
Außerdem bringt es Schlagzeilen in der Presse und dafür gibt es Bares. Für den Täter, falls er/sie gefasst werden, findet sich auch
ein guter Anwalt, denn es gibt eine kostenlose Werbung in den Medien. Das Opfer hat oft keine Möglichkeit sich gut vertreten zu lassen. Nach einem Jahr kommen dann all die Berufsbetroffenen und spenden Trost. Das kostet nicht viel und macht sich gut im
Wahlkampf. Für Opfer und Angehörige kommt dann vieleicht ein Anhörungsbogen von einer Versicherung.

Wanda, Sonntag, 23.Juli, 16:42 Uhr

5. Logisch

Ist doch typisch: der arme Täter bekommt jede mediale Aufmerksamkeit wegen seiner interessanten Vergangenheit. Und die Opfer ? Geben medial nicht viel her, sind allenfalls für den "Grünen Ring" interessant...

  • Antwort von Truderinger, Sonntag, 23.Juli, 17:13 Uhr

    Ach Wanda und wer beschäftigt sich denn besonders intensiv mit dem Hintergrund dieses Täters? Genau!:-)

Seppl, Sonntag, 23.Juli, 15:55 Uhr

4. Neuanfang?

Der Artikel ist ja wirklich mal ein guter Anfang.

Bisher hatte ich den Eindruck, dass es Opfer erster und zweiter Klasse gibt. Opfer von Islamistischen Anschlägern gehören dabei zur zweiten Klasse.

  • Antwort von Truderinger, Sonntag, 23.Juli, 16:36 Uhr

    Mir ist es ein völliges Rätsel, wie Sie zu dieser absonderlichen Einschätzung kommen! Ich hatte eher den Eindruck, man musste sich in erster Linie deswegen so intensiv mit dem Täter beschäftigen, weil ein paar rechtsverpeilte Realitätsgegner bis heute einen egal wie abenteuerlich herbeikonstruierten islamistischen Bezug suchen!

Ute H., Sonntag, 23.Juli, 13:30 Uhr

3. Ach nein jetzt plötzlich?

Von wem wurden die Terroropfer denn "vergessen"? Von den Politikern aller Parteien und der gesamten Deutschen Presse! Null Berichterstattung, null Interviews mit den Opfern, null Hilfe durch den Staat. Da könnt Ihr Euch alle gemeinsam schämen und dieser eine Artikel macht das noch lange nicht wett. Wir wissen genau warum Ihr komplett vertuscht wie es den Opfern hinterher geht. Das sind Eure Opfer! Die Ihr durch komplett wahnsinnige Politik, unterstützt von einer einseitigen und heuchlerischen Berichterstattung erst ermöglicht habt.

  • Antwort von Martina, Sonntag, 23.Juli, 15:48 Uhr

    Ach und Sie glauben, die Opfer finden es toll, wenn Leute wie Sie doch offensichtlich die Opfer missbrauchen, um gegen die ungeliebte Regierung zu wettern?

  • Antwort von Ute H., Sonntag, 23.Juli, 16:34 Uhr

    So kann man sich natürlich auch die Welt zurecht drehen. Die Regierung pfeift auf die Opfer Ihrer eigenen Politik und diejenigen die darauf hinweisen sind dann die Bösen welche die Opfer "missbrauchen" wollen. Wie verdreht im Kopf muss man eigentlich sein um nicht mal mehr zum elementarsten Anstand fähig zu sein?

  • Antwort von Haderner, Sonntag, 23.Juli, 23:29 Uhr

    Ute H.
    Was hat dieser spezielle Fall mit Politik zu tun ?
    Mit dem Kultusministerium, dass nicht genügend Psychologen für Mobbingopfer
    bereitstellt. Da würde ich ihnen recht geben.
    Aber das können sie nicht meinen, wenn sie von wahnsinniger Politik schreiben.
    Dann noch die Opfer !
    Wenn ein Familienmitglied von mir Opfer gewesen wäre und Journalisten
    mir ihr Mikro vor die Nase gehalten hätten, hätte ich die hochkant rausgeworfen.
    Es gibt Menschen, die ihr trauerndes Gesicht nicht in jeder Zeitung sehen wollen.
    Solchen Journalisten würde ich jeden Anstand absprechen.

Hallo, Sonntag, 23.Juli, 12:49 Uhr

2. Täterorientierung

Unser Staat orientiert sich völlig am Täter.
Er sucht in der Praxis den Kontakt zum Verbrecher und nicht zum Opfer.
Verfahren, Strafen, Resozialisierung, das ist die Aufgabe des Staates.
Um die Opfer und deren Angehörigen kümmern sich vor allem nicht-staatliche Organisationen. Wenn sie sich kümmern...

Hinter dieser Vorgehensweise stecken völlig veraltete Denkweisen und Regelwerke. In vielen europäischen Ländern wird der (Rechts)Staat ständig optimiert, es kommt auch der Punkt an dem gesagt wird: "Ok, so funktioniert es nicht besonders gut, lasst uns was neues ausprobieren." Und dann wird was neues ausprobiert.
Der deutsche Rechtsstaat ist aus der Kaiserzeit und die Deutschen lieben ihn so sehr, dass sich in der heutigen Zeit einfach Missstände bilden müssen, wie die im Artikel beschriebenen. Er ist höchstens zu kleinen Reförmchen fähig.
Bei uns wird niemand angeklagt wenn es die Politik nicht will! Juristisches Mittelalter. Was willst du da erwarten?