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Rückblick auf Prozess Zehn Jahre nach sexuellem Missbrauch in Eschenau

Heute vor genau zehn Jahren begann der Prozess gegen einen damals 60-jährigen Mann, der in dem gleichnamigen kleinen Dorf mit knapp 200 Einwohnern am nördlichen Rand des Steigerwalds mehrere Mädchen sexuell missbraucht hatte. Letztlich wurde der Mann deswegen zu einer viereinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Ein anderer Eschenauer hatte sich im Zuge der Ermittlungen gegen ihn das Leben genommen.

Von: Norbert Steiche

Stand: 10.10.2017

Die evangelische Kirche von Eschenau im Steigerwald. | Bild: Walter Depner, Knetzgau, 28.09.2016

Viele hatte damals entsetzt, wie Menschen in dem Dorf mit den Opfern und ihren Familien umgegangen sind. Sie wurden des Rufmords bezichtigt und dafür, dass sie den Ort quasi in den Schmutz ziehen würden. Die Frauen wurden zu Tätern abgestempelt. Dabei hatten sie sich zum Teil erst nach Jahrzehnten getraut, die Taten anzuzeigen. Heute  - zehn Jahre nach dem Prozessbeginn – haben die Frauen aus Sicht eines Opfers, das anonym bleiben will, bislang nahezu keine Rehabilitation erfahren.

"Wenn ich woanders bin, ja, da umarmen mich Frauen und sagen ‚Dank, dass Du den Mut gehabt hast und dass du das gemacht hast‘, aber im Dorf auf keinen Fall. Wir haben das ja jetzt am eigenen Leib gespürt, dass uns die Leute gerne vertrieben hätten, mein Bruder ist ja auch weggezogen. Aber ich habe halt einfach gesagt, nein, egal was ist, wir haben nichts getan mit meiner Mutter, und wir werden das solange aushalten, wie meine Mutter lebt."

Ein Opfer

Mediatoren führten Gespräche

Damit die Familien im Dorf wieder aufeinander zugehen können, wurden Experten geholt. Mediatoren versuchten mit allen Beteiligten Gespräche zu führen. Die Gräben überwinden, dafür brauche es jedoch noch Zeit, vielleicht gelinge ein Aufeinanderzugehen auch erst der nächsten Generation, sagt Rudolf Symmank,  der gewählte Ortssprecher im Dorf. Wörtlich sagt er:

"Es bedarf einfach einer längeren Zeit, um das reifen zu lassen. Nicht den Frieden überzustülpen, sondern den Frieden langsam wieder von unten herauf wachsen zu lassen. Das ist mein Wunsch - und es dauert einfach seine Zeit."

Ortssprecher Rudolf Symmank

Dass sie Flüchtlinge wie Afghanen oder Syrer integrieren könnten, das hätten die Eschenauer vorbildlich gezeigt, sagt Stefan Paulus, der Bürgermeister der Gemeinde Knetzgau, zu der Eschenau gehört. Er habe versucht, die Menschen zu bewegen, wieder auf die Opfer und ihre Familien zuzugehen. Das aber sei schwierig, sagt er.

"Eine mutige Leistung"

Er habe appelliert und viele Einzelgespräche geführt, aber „nach zehn Jahren muss ich leider sagen, dass es mir und uns allen nicht gelungen ist, die sogenannten Opferfamilien wieder so im Dorf zu integrieren, dass auch deren Leistung – und es war eine mutige Leistung, das damals publik zu machen – dass das von allen honoriert wird. Es gibt viele, die das mutig fanden, die das mir auch sagen, die das auch die Familien spüren lassen, aber es ist doch noch ein Graben da, der noch nicht ganz zugeschüttet ist.“

Frieden - ein "Langzeittraum"

Der evangelische Pfarrer Kai Garben ist auch für Eschenau zuständig. Er versuche, den Prozess des Aufeinanderzugehens immer wieder anzustoßen, sagt er:

"Dass es Brücken gibt und welche, die sich in irgendeiner Art und Weise bei irgendjemandem mal entschuldigen, das gibt es, davon weiß ich, aber es ist natürlich alles ein Prozess. Wir sind da auf einem Weg. Es ist konstruktiv und es kommt langsam, aber sicher."

Pfarrer Kai Garben

Ein Eschenauer hatte bereits den Vorschlag gemacht, ein Friedensfest zu feiern. Eine gute Idee, sagt Pfarrer Kai Garben:

"Wir müssen uns nicht lieben und schwer in den Armen liegen. Man muss gut miteinander umgehen können in Wertschätzung und Achtung mit Blick auf die jeweiligen Lebensbiographien. Aber ich denke, es ist ein Langzeittraum – wie auch immer – und ich habe auch immer gesagt: Ich stehe immer zur Verfügung, ich mache das, aber ihr müsst das auch wollen. Ich werde das nicht anordnen, weil letztendlich müssen die das Gefühl haben: Jetzt ist es reif, und das kann ich nicht erzwingen und da tue ich meinen Teil dazu, was geht. Schritt für Schritt."

Pfarrer Kai Garben


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