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Nach Verdacht auf sexuellen Missbrauch Diözese Würzburg sah bei Anstellung keinen Grund nachzufragen

Hätte die Diözese Würzburg schon 2000 bei Anstellung eines Priesters Verdacht schöpfen müssen und wäre so möglicherweise ein Missbrauch 2002 in einer kleinen Rhöngemeinde verhindert worden? Diese Fragen stellen sich viele, nachdem bekannt wurde, dass das Bistum den heutigen Ruhestandspriester wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hat.

Von: Achim Winkelmann

Stand: 08.06.2017

Missbrauch in der katholischen Kirche durch Priester | Bild: picture-alliance/dpa/Friso Gentsch

Aktuell geht es um einen zeitlich früheren Fall Anfang der 1990er Jahre in Österreich, der durch Recherchen einer Opferinitiative bekannt wurde. Das Bistum allerdings weist den Vorwurf zurück, man habe sich bei der Anstellung des Priesters nicht umfassend informiert. Damals, sagt Pressesprecher Bernhard Schweßinger, habe ein positives Zeugnis des vorherigen Arbeitgebers, ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Eintrag und die Weiheurkunde vorgelegen.

"Die Diözese Würzburg sah keinen Anlass, über die bereits vorliegenden Informationen hinaus weitere Auskünfte bei allen weiteren Stationen einzuholen."

Bernhard Schweßinger, Bistumssprecher

Dass sich der Bewerber 1996 in Rumänien von einem griechisch-katholischen Bischof weihen ließ, rief bei dem Bistum dabei kein Misstrauen hervor. Vielmehr sei es nach Kirchenrecht die Aufgabe des weihenden Bischofs, das Vorleben des Weihekandidaten intensiv zu prüfen, so das Bistum Würzburg. Der rumänische Bischof habe den Mann in einer Bestätigung als "vorbildlichen Seelsorger" und "unseren hochgeschätzten Priester" bezeichnet.

Initiative spricht von Versäumnissen

Johannes Heibel, der Vorsitzende der Opferinitiative, die den Fall recherchiert hat, spricht dennoch weiter von gravierenden Versäumnissen des Bistums. Heibel sieht sehr wohl Anhaltspunkte, die früh auf Sonderbarkeiten im Verhalten des Priesters hingedeutet hätten. Der Sozialpädagoge hat nach eigener Aussage an vielen ehemaligen Lebens-Stationen mit Menschen gesprochen, die den Priester als geradezu pubertär im Verhalten und damit denkbar ungeeignet für den Beruf darstellten.

"Warum hat man sich etwa nicht umfassend vor der Anstellung des Priesters über ihn erkundigt, etwa bei seinem österreichischen Kloster oder dem Regens des Priesterseminars in Trier? Mir ist unbegreiflich, dass den Würzburgern die vielen Wege im Lebenslauf nicht aufgefallen sind. Das muss man doch hinterfragen!"

Johannes Heibel, Vorsitzender Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.

Der 55-Jährige, der erneut im Focus steht, stammt nicht aus dem Bistum Würzburg und wurde 1996 in Rumänien zum Priester geweiht. Der Mann lebte in den 1990er Jahren in einer Ordensgemeinschaft in einem österreichischen Kloster. 2000 kam er in das Bistum Würzburg. 2002 wurde der Priester wegen sexuellen Missbrauchs in einer kleinen Rhöngemeinde vom Amtsgericht zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Danach wurde der Priester in den Ruhestand versetzt. Außerdem entschied die römische Glaubenskongregation, dass der Priester nach Abschluss einer Therapie nicht wieder in der ordentlichen Seelsorge eingesetzt wird. Die Wahl seines Wohnortes, die weiterhin auf Unterfranken fiel, liege ausschließlich in seiner Entscheidung, so das Bistum. Das Bischöfliche Ordinariat Würzburg erfuhr erstmals in den vergangenen Wochen von dem möglichen Missbrauch Anfang der 1990er Jahre. Nach eigenen Recherchen und der Konfrontation des Priesters mit dem Vorwurf erstattete Generalvikar Thomas Keßler schließlich Anzeige.


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