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Unterelchingen Wie ein Dorf von Asylbewerbern profitieren kann

Im schwäbischen Unterelchingen waren Ängste und Sorgen bei vielen Bürgern groß, als sie im November 2013 erfuhren: Ihr 2.300-Einwohner-Ort bekommt eine Asylbewerberunterkunft. Mittlerweile hat sich die Stimmung völlig gewandelt.

Von: Christoph Arnowski

Stand: 22.08.2015

Die Umarmungen von Flüchtlingen und den Freiwilligen vom Elchinger Freundeskreis Asyl sind herzlich, man hat sich viel zu erzählen. Wer die "Kleidertruhe" in dem kleinen schwäbischen Ort Unterelchingen im Landkreis Neu-Ulm besucht, spürt es sofort: Hier herrscht ein echtes Miteinander, Menschen, die sich anfangs fremd waren, sind zu echten Freunden geworden.

Erst verunsichert ...

Rolf Rohde vom Freundeskreis Asyl

Die "Kleidertruhe" ist eine Art kleines, gut sortiertes Sozialkaufhaus. Alles, was man zum Anziehen braucht, ist hier zu haben, aber auch Geschirr und andere Haushaltswaren liegen für die Asylbewerber bereit. Alles Spenden, die Bürger aus dem kleinen Ort und der Umgebung abgeben. Nebenan ist eine Fahrradwerkstatt mit etlichen gespendeten Drahteseln, die die Flüchtlinge ausleihen können. Und wer will kann auch gleich lernen, wie sie repariert werden. Organisiert hat dies alles der Elchinger Freundeskreis Asyl. Er hat sich vor zwei Jahren gebildet, als die Nachricht, dass bald 80 Asylbewerber in ein leerstehendes Gasthaus einziehen würden, viele in dem 2.300-Einwohner-Ort verunsicherte, nicht wenige sogar ängstigte.

... dann hilfsbereit

Familie Chikhou aus Syrien

"Die Stimmung ist angespannt, ja teilweise sogar aggressiv gewesen", erinnert sich Bürgermeister Joachim Eisenkolb an die Tage im November 2013. Dass sich das völlig verändert hat, ist das Verdienst des Freundeskreises, in dem mittlerweile 80 Elchinger(innen) mitmachen. Sie geben Deutschunterricht, während der Schulzeit gibt es eine Hausaufgabenbetreuung. Auch bei Behördenangelegenheiten helfen die Freiwilligen den Asylbewerbern, ebenso bei der Suche nach einer Wohnung, wenn sie nicht mehr in der Sammelunterkunft leben müssen.

Wenn es so weit ist, steht im Möbellager genügend bereit, um die Menschen mit allem Notwendigen auszustatten. Rund 40 anerkannte Flüchtlinge haben bereits ein eigenes Zuhause gefunden. Die Familie Chikhou aus Syrien etwa lebt seit Dezember in einem kleinen Reihenhaus im Nachbarort Thalfingen. "Die Leute in der Nachbarschaft respektieren uns", freut sich der 41 Jahre alte Elektroingenieur, "wir fühlen uns nicht als Fremde, wir haben schon viele Freunde hier". Genauso wie seine beiden kleinen Söhne Roy und Rojer, die noch viel besser Deutsch sprechen als ihre Eltern.

Ein neues Gemeinschaftsgefühl

Marlene Hucker vom Freundeskreis Asyl

"Von Elchingen kann man lernen", sagt der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger, "wie es sein muss, wenn Flüchtlinge kommen. Dass man ihnen mit Offenheit und Menschlichkeit begegnet, und mit der Frage: Wie kann man helfen?" Marlene Hucker und ihre vielen Mitstreiter(innen) vom Freundeskreis Asyl haben das auf vielfältige Art und Weise getan.

Mittlerweile erfahren sie von fast allen Mitbürgern Unterstützung: "Wer Zeit hat, hilft. Richtig dagegen ist eigentlich niemand mehr", sagt die ältere Dame. Durch die vielfältigen Aktivitäten haben die Bürger von Unterelchingen ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl entwickelt. "Ich lebe hier seit 30 Jahren", erzählt der Rentner Rolf Rohde, "früher kannte ich viele nur vom Sehen. Jetzt erleben wir gemeinsam Dinge, wir helfen uns gegenseitig und lernen uns dabei viel besser kennen, es ist ein ganz anderes Miteinander."

Der Bürgermeister ist stolz auf seinen Ort

"Wir haben gelernt, dass wir uns nicht verschließen können vor dem, was in der Welt passiert. Diese Herausforderung, die wir dadurch haben, die haben die Elchinger angenommen. Das ist für unseren Ort auf jeden Fall auch eine Bereicherung."

Bürgermeister Joachim Eisenkolb.

  • Christoph Arnowski | Bild: Bayerischer Rundfunk Christoph Arnowski

    Seit 1988 Rundschau-Reporter und ARD-Inlandskorrespondent des Bayerischen Fernsehens


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manfred, Sonntag, 30.August, 14:42 Uhr

13. gewinn

schlimm, dass manche menschen nur penetrant negatives sehen und die chance ignorieren, die dieser zustrom an zukünftigen mitgliedern unserer gesellschaft bringt !
eine minderheit von ewiggestrigen und , pardon, relativ bescheidener bildung, können die chancen nicht sehen, die sich hier bietet: kulturelle vielfalt, steuereinnahmen, antrieb für die wirtschaft, eine offene gesellschaft, die in europa ihresgleichen sucht.
immer nur bratkartoffeln und christstollen sind langweilig, man möchte doch auch mal was anderes.
die usa haben 20% einwohner afrikanischer abstammung, 25 % hispanos - und der staat funktioniert. es gibt rassisten und gewalt gegen diese "noch"- minderheit, nichtsdestotrotz werden sie bald die mehrheit im land sein, und dieses land ist dann immer noch die usa!

manfred, Sonntag, 30.August, 13:20 Uhr

12. hilfe

Ich finde es toll, dass es so viele helfer in deutschland gibt! Man sollte nicht jeden tag nur nachrichten über den flüchtlingsstrom sehen, sondern viel häufiger die hilfestellung, die gemeinden, städte, einzelpersonen, vereine usw geben , erwähnen. Das könnte vor allem den menschen in ostdeutschland etwas von ihrer angst fremden gegenüber nehmen.
hut ab und vielen herzlichen dank an alle, die sich engagieren !!!

Heinz Schäfer, Sonntag, 30.August, 11:53 Uhr

11. Wie ein Dorf....

Wenn Ihre Darstellung zuträfe, wäre das schön. Nur fällt es immer schwerer, den Medien zu glauben. Zwar bin ich gegen den weiteren Zuzug von Ausländern, d.h. aber nicht, daß es nicht die Pflicht von Menschen bleibt, im persönlichen Umfeld zu helfen - auch wenn damit wie im Fall der ausländischen Einwanderer nur staatliches Versagen gemildert wird.

Annette, Donnerstag, 27.August, 22:56 Uhr

10. Ein toller Ort, ...

... dessen tolle Einwohner mir Mut machen. Respekt!

KAB Thalfingen Rose Nestele, Montag, 24.August, 16:09 Uhr

9. Realität und keine Schönfärberei

Vielen Dank für den positiven Bericht, dies tut gut nach den vielen Schreckensmeldungen der letzten Tage. Der Bericht zeigt die Realität wie sie in vielen Helferkreisen gelebt und erlebt wird. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten doch die angenehmen Begegnungen überwiegen. Ein Lächeln tut jedem Menschen gut, das ist ein Geben und Nehmen. Die Flüchtlinge sind dankbar für die Hilfe und für jedes freundliche Wort. Manchmal ist es fast beschämend wie sie ihre innere Not verbergen und trotzdem lachen, versuchen ihre Würde zu behalten.
Als Christ ist es für mich normal Menschen in Not zu helfen. Auch Dankbarkeit ist mein Motiv. Dankbarkeit, dass ich in Deutschland in Sicherheit und Frieden lebe und meine Heimat nicht verlassen muß.
Der Sprachunterricht wird von der Lagfa Bayern gefördert.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Steht im Grundgesetz.