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Studiengänge auf Englisch TU München will ganz modern sein

Brillante Idee oder Bullshit? An der TU München sollen Masterstudiengänge nur auf Englisch angeboten werden. Diese Zukunftsidee stößt nicht überall auf Zustimmung.

Von: Peter Kveton

Stand: 27.05.2017 | Archiv

Britische Fahne Union Jack | Bild: colourbox.com

"Distance learners in british online exercises …“  Vorlesung auf Englisch mit bayerischem Einschlag

Sie verstehen nur Bahnhof? Dann geht es Ihnen wie so manchen Studenten an der Technischen Universität München – kurz TU -  wenn sie einem ihrer echten Professoren lauschen. Florian vor dem Esche ist Studentenvertreter, er bestätigt, dass es – zumindest manchmal – nicht einfach ist, wenn deutsche Professoren deutschen Studenten ihr Fach auf Englisch versuchen näher zu bringen:

"Es ist tatsächlich oft ziemlich absurd, den deutschen Professoren auf Englisch zuzuhören. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es teilweise besser ist, den Professoren auf Deutsch zuzuhören, anstatt zu versuchen, sie auf Englisch zu verstehen."

Studentenvertreter vor dem Esche

TU-Präsident und Englischförderer Herrmann

Vor einigen Jahren hat die TU den Weg eingeschlagen, allmählich alle Master-Studiengänge ausschließlich auf Englisch anzubieten, mit Ausnahme der Lehrerausbildung und der angehenden Ärzte. Einen formalen Beschluss dazu gibt es nicht – den brauche es auch gar nicht, denn es gebe Entwicklungen, die Notwendigkeiten abbildeten, lautet die Begründung von TU-Präsident Wolfgang Herrmann.

"Die Wissenschaft wird immer internationaler und vor allem die Berufsmärkte für die wir unsere Studierenden ausbilden und so ergibt es sich, dass die englische Sprache als Sprache der Wissenschaft und der Wirtschaft beherrscht werden will von unseren Studierenden, die selbst nach englischsprachigen Unterrichtsformen fragen."

Wolfgang Herrmann

Und TUM-Präsident Herrmann gibt Gas:

"So hat es sich ergeben, dass wir vor wenigen Jahren nur 20 Prozent der Masterstudiengänge auf Englisch angeboten haben, während es inzwischen 40 Prozent sind."

TU-Präsident Wolfgang Hermmann

"The students become active and involved, they enjoy meetings with other students. ..."

Tatsächlich sorgen deutsche Professoren, die sich plötzlich mit Vorlesungen auf Englisch abmühen müssen, für viel Hohn und Spott im Internet. So heißt es in einem Blog:

"Meine Erfahrungen mögen nicht repräsentativ sein, aber alle Veranstaltungen, die von deutschen Dozenten auf Englisch gehalten wurden, waren an meiner Uni immer völlig unverständlich. - Der durchschnittliche deutsche Hochschuldozent kann zwar mit Ach und Krach auf Englisch publizieren, aber mit der Ausssprache scheint es mir doch noch zu hapern. The german accent in the university, I break together ... und die Gaststudenten lachen sich einen Ast."

Blogeinträge von Studierenden

Alleinstellungsmerkmal der TU München

Während an anderen Universität verschiedene Vorlesungen eben auch auf Englisch angeboten werden, soll an der TU das Deutsch allmählich ganz verschwinden. Mit diesem Vorhaben steht die TU bundesweit allein, sagt Hermann Dieter, eigentlich Biochemiker und Toxikologe, aber auch engagiert im "Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache":

"Es ist ein Alleinstellungsmerkmal der TU München, die das jetzt für alle Studiengänge durchsetzen will, das ist einmalig."

Hermann Dieter

Michael Piazolo ist Hochschulprofessor und Landtagsabgeordneter der Freien Wähler. Auch er fürchtet, die Qualität der Lehre könnte unter sprachlichen Problemen leiden:

"Insbesondere auch, wenn deutsche Professoren deutsche Studierende auf englisch unterrichten. Das geht normalerweise nicht besonders gut."

Michael Piazolo

Piazolo findet deutsch müsse immer dabei sein:

"Gerade, wenn es um sehr diffizile Zusammenhänge geht, dann ist es auch klar, dass ein deutscher Professor das besser auf deutsch erklären kann. Im Englischen gehen einem vielleicht auch mal die Wörter aus."

Michael Piazolo

Auch sein Kollege Oliver Jörg, Hochschulexperte der CSU, ist nicht gänzlich überzeugt von dem Weg, den die TU eingeschlagen hat:

"Einerseits wollen wir die Internationalisierung und haben natürlich das Problem, dass viele auf der Welt nicht deutsch können, und da ist es natürlich wichtig, dass wir - die Wissenschaftssprache ist Englisch - dass wir da den Studierenden auch entgegen kommen. Ob jetzt alle Studiengänge auf Englisch sein müssen, da mache ich ein dickes Fragezeichen dahinter."

Oliver Jörg (CSU)

Billigstudium in Deutschland

Tatsächlich kommt jeder vierte Student in Deutschland inzwischen aus dem Ausland und der englische Unterricht fördert diesen Trend auch noch. Wer englisch studieren will, muss nicht mehr viel Geld für Unis in USA oder England ausgeben, in Deutschland geht das viel billiger, wie auch Herrmann Dieter vom "Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache" bestätigt:

"Das ist richtig. Der Vorteil ist, in Deutschland ist es viel billiger und deshalb kommen so viele hierher, das ist leider der Grund."

Hemann Dieter

Und der Qualität ist das auch nicht förderlich, wie eine Untersuchung bei Architekturstudenten in Kassel belegt:

"Es gibt ein sehr deprimierendes Papier aus Kassel. Die Architekturdozenten schreiben, die Studenten kommen weder mit Deutsch- noch mit Englischkenntnissen, sie liefern Examenshausarbeiten ab, die kaum noch einer versteht. Die Dozenten vergeben trotzdem Noten, weil sie sich nicht mit dem Problem herumschlagen wollen. Was passiert: die Noten werden immer besser für immer schlechtere Leistungen."

Hermann Dieter

Herrmann Dieter verweist außerdem auf den Fall der Hochschule Politecnico in Mailand – auch die wollten fast alle Studiengänge nur noch auf Englisch anbieten – bis ein Gericht dazwischen grätschte:

"Nach dem Bachelor fast alle Studiengänge auf Englisch umzustellen, das darf die Politecnico nicht, mit Bezug auf die Verfassung und den hohen Rang der Landessprache als Verkehrssprache auch in der Wissenschaft."

Hermann Dieter

TU-Präsident Wolfgang Herrmann kennt alle diese Bedenken – aber er bleibt dabei: Die Wissenschaftssprache der Zukunft ist aus seiner Sicht Englisch, und darauf will er seine Studenten möglichst gut vorbereiten:

"Die englische Sprache ist von entscheidender Bedeutung für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Technik und in den Naturwissenschaften. Umgekehrt aber bilden wir auch unsere ausländischen Studierenden, das sind ja immerhin 24 Prozent im Moment im Umgang mit der deutschen Sprache aus. Wenn es nach mir ginge, dann würd' man am liebsten Bayerisch reden, aber das bleibt halt der Berghütt'n vorbehalten."

Wolfgang Herrmann.


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websaurier, Montag, 29.Mai, 11:14 Uhr

17. Ich bin sprachlos und zwar englisch und deutsch...


Den "deutschsprachigen Deutschen" das Studieren in Deutschland erschweren...
Dafür im Gegenzug den englischsprachigen Studenten ein billiges Studium in Deutschland ermöglichen...

Ich weiß nicht mehr, was ich von diesem Land eigentlich noch halten soll?
Sind denn alle mittlerweile verbl.....

  • Antwort von Senior, Mittwoch, 07.Juni, 21:09 Uhr

    Hallo websaurier,
    letztendlich nur konsequent die Forderung von Herrn Herrmann, denn auch ein Volker Beck hat in einem Interview gefordert, die Deutschen sollen die Sprache der Einwanderer lernen, um die Integration voranzutreiben. Frägt sich nur welche...
    Deutsche Auswanderer sind ja bekannt dafür, sich zu assimilieren; warum nicht auch die Daheimgebliebenen?
    ,

Academie francaise, Sonntag, 28.Mai, 18:37 Uhr

16. Frankreich, Du hast es besser

Man stelle sich vor, die Sorbonne würde anregen, ihre Vorlesungen künftig in Mandarin abzuhalten.
Da würde man die Ideentraeger unverzüglich im Urwald französisch Guyanas aussetzen.
Hier aber wird ernsthaft über einen solchen Unfug diskutiert.

Isabell, Sonntag, 28.Mai, 16:23 Uhr

15.

Als Student der TU München möchte ich hier auch meinen Senf dazugeben. Ich habe geteilte Erfahrungen gemacht mit den englischen Vorlesungen. Teilweise sehr gut, teilweise ... suboptimal. Letztlich liegt es an einem selbst, den Stoff zu erarbeiten - die Sprechstunden der Professoren werden sicher weiterhin auf Deutsch abgehalten, es wäre also jetzt nicht ein Argument zu sagen, dass Studenten abgehängt werden. Daß einige Nasen mit allgemeiner (angeblicher) Hochschulreife die einfachsten Sachen wie das Formulieren eines verständlichen deutschen Satzes nicht mehr hinbekommen, nun, dass ist die Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems und jahrelanges Herunterkorrigieren.

Der Sinn, an einer deutschen Universität ausschließlich auf Englisch zu unterrichten, erschließt sich mir allerdings nicht. Wenn ich in Deutschland studieren und arbeiten will, lerne ich die Landessprache. Außerdem, wie im Artikel genannt, gibt es genügend Vorlesungen, die auf Deutsch und auf Englisch angeboten werden.

Konrad Duden, Sonntag, 28.Mai, 12:29 Uhr

14. Lernt erst mal die Landessprache von hier

Die Buebchen und Meadchen mit Einserabitur sollen ja noch nicht mal korrekt in hiesiger Landessprache kommunizieren können.
Aber professorales Stuemperenglisch soll gut für die sein. Man glaubt es nicht.

Warum noch Deutschkurse für Migranten?, Sonntag, 28.Mai, 12:08 Uhr

13. Not all cups on the shelf

Ach ja,
das gehört dann wohl auch zur
deutschen L E I T K U L T U R.

Es wird langsam Zeit, die Verwendung der DEUTSCHEN Sprache als verbindliches Medium im Grundgesetz zu verankern.

Das wäre doch mal ein Ansatz für die Pegida-Partei. Die ständige Ausländerhetze kann sowieso keiner mehr hören.