Nachrichten

Versöhnungsgeste Das Eis zwischen Bayern und Tschechien schmilzt

In einer historischen Rede hat Tschechiens Premier Necas im Bayerischen Landtag für den Ausbau der Beziehungen zwischen Bayern und seinem Land geworben. Die gemeinsame Vergangenheit verpflichte zu einer gemeinsamen Zukunft.

Stand: 21.02.2013

Es war eine emotionale Rede, die der tschechische Premier vor den bayerischen Abgeordneten gehalten hat. Necas sprach von einer Schicksalsgemeinschaft. Es war die erste Rede eines Regierungschefs aus dem Nachbarland. Necas nahm in seiner Rede auch auf die Vertreibung der Sudetendeutschen im Zweiten Weltkrieg Bezug.

"Wir bedauern, dass durch die Vertreibung und zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen nach Kriegsende aus der ehemaligen Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung unschuldigen Menschen viel Leid und Unrecht angetan wurde."

Petr Necas im Bayerischen Landtag

Frühere Eigentumsverhältnisse könnten jedoch nicht wiederhergestellt werden, so Necas weiter. Nach dem Ende seiner Rede applaudierten die Abgeordneten dem tschechischen Premier stehend. Ministerpräsident Seehofer reichte Necas demonstrativ die Hand.

Stamm: "Historischer Augenblick"

Landtagspräsidentin Barbara Stamm bezeichnete den Auftritt von Necas als einen historischen Augenblick. "Nach Jahrzehnten der Trennung, der Sprachlosigkeit und der Vorurteile auf beiden Seiten haben wir wieder zu einem freundschaftlichen Miteinander gefunden", sagte Stamm. Das sei ein Glück für beide Völker. Zuvor hatte die Landtagspräsidentin betont, dass das Eis zwischen Bayern und Tschechien geschmolzen sei.

Sie dankte Necas und Ministerpräsident Seehofer, dass sie den Weg der Freudschaft eingeschlagen hätten. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte Necas' Reise bereits am Mittwoch als "sehr historisch und sehr gut" bezeichnet. Unmittelbar vor dem Treffen hatte Seehofer gegenüber dem Bayerischen Rundfunk im Hinblick auf strittigen Fragen zu den Sudetendeutschen und den Benes-Dekreten erklärt:

"Wir werden die Geschichte in diesem Punkt in einigen Jahren neu schreiben können, weil wir angefangen haben mit guter Nachbarschaft und Freundschaft."

Ministerpräsident Seehofer

Sudetendeutschen begrüßen Necas Worte

Auf Zustimmung und Lob stieß die Rede des tschechischen Regierungschefs auch bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ihr oberster Repräsentant, Bernd Posselt verwies darauf, dass Necas ausdrücklich von Vertreibung gesprochen habe. Es sei eine mutige Rede gewesen.

Schweres Erbe

Prag ist München geografisch näher als jede andere europäische Hauptstadt. Doch über Jahrzehnte hat der Streit um die Vertreibung der Sudetendeutschen die Beziehungen zwischen Bayern und Tschechien belastet. Kurz vor Weihnachten 2010 war mit Horst Seehofer erstmals ein bayerischer Ministerpräsident offiziell nach Prag gereist.

Inzwischen sind sich beide Seiten informell einig, dass das Thema entschärft wird - auch wenn die tschechische Regierung die langjährige CSU-Forderung nach einer Aufhebung der Benes-Dekrete nie erfüllt hat. Die Dekrete waren die Grundlage für die Ausweisung der deutschen und ungarischen Bevölkerung aus der früheren Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bayern und Tschechien


18

Keine Kommentare mehr möglich.

Horst Dietrich, 65187, Dienstag, 26.Februar, 05:14 Uhr

35. deutsch-tschechische Versöhnung

Als vertriebener Ostpreuße stehe ich ganz auf der Seite meiner sudetendeutschen Frau. Als Kinder (9 und 5 Jahre) haben wir die Vertreibung aus der Heimat überlebt und sie trotz vieler Demütigungen nie aus unseren Herzen verdrängt. Stets gehörten wir zu den ersten, die sie, teils illegal, bereist haben. Mit Tschechen, Polen, Litauern und Russen kamen herzliche anhaltende Freundschaften zustande. Aufrichtige Gespräche über die Vergangenheit seit der Zeit, als noch die Volksgruppen gemischt oder in guter Nachbarschaft über Grenzen zusammenlebten, haben diese selten getrübt.
Leider aber vernebelt man in der BRD seit etlichen Jahrzehnten in Schulen, Medien und Politik bei der Vergangenheitsbewältigung die Geschichte vor deutschen „Einmärschen“ bei den Nachbarn in der Nazizeit. So gab es zu Weizsäckers Werbung um Verständnis für die Folgen deutscher Übergriffe (brutale Rache) kaum Widersprüche. Mit Weglassung von Zeitabschnitten davor wurde die Geschichte gefälscht.
Churchill sagte mal: „Entweder hat man die Deutschen am Hals“ und weiter zynisch: „oder an den Füßen!“ Dazwischen scheinen sie also wenig zu kennen. „Politisch korrekte“ beflissene Streicheleinheiten können aber auf Dauer nicht Basis ehrlicher Partnerschaft sein. Freundschaftliche Beziehungen sind nicht einzig Beschwörungen der gemeinsamen Zukunft. Die Wunden verlangen, über die ganze Vergangenheit ganz offen sprechen zu können, ohne eine gute Nachbarschaft zu gefährden. Dazu gehört, daß man sich in das zu oft subjektive Empfinden der früher politisch verführten Freunde und Kontrahenten hineindenkt. Die Bekenntnise von Premier Necas und zuvor schon Präsident Havel sind gute Voraussetzungen. Es ist gut, daß die Repräsentanten der Sudetendeutschen sich nicht allein auf diese Zukunft einlassen. Nach Präsident Klaus, dem jahrelangen Bremser in den Beziehungen, wollen wir doch nun auf baldige Einsichten seines Nachfolgers Zeman und seiner Anhänger hoffen. Nur dann kann „Versöhnung“ durch alle getragen werden.

Margot Smolka, Sonntag, 24.Februar, 15:15 Uhr

34. Deutsch-tschechische Freundschaft

Als Nachkomme sudetendeutscher Eltern, freue ich mich über die Entschuldigung des tschechischen Premiers. Es macht zwar leider nichts ungeschehen, aber es ist immerhin eine Geste. Uns den "Lastenausgleich" immer wieder aufs Butterbrot zu schmieren - wie es viele immer noch tun - finde ich jedoch unmöglich. Diese lächerlichen paar DM für Grund und Haus sind doch keine Entschädigung. Außerdem wurden nicht nur finanzielle Schäden angerichtet, sondern auch alle Strukturen zerstört, Dorfgemeinschaften und Nachbarschaften, Verwandte in ganz Deutschland verstreut. Wir wurden unseres Erbes beraubt. Das wiegt viel mehr als ein paar Mark. Die Deutschen haben doch alle das NS-Regime begrüßt, warum sollten eigentlich nur die Sudetendeutschen und alle anderen Vertriebenen darunter leiden. Jetzt werden die Bilder von 1938 gezeigt. Was war denn mit den übrigen Deutschen, haben die nicht Hitler zugejubelt und haben sich von ihm blenden lassen? Leider. Da braucht keiner mit dem Finger auf uns deuten. Ich finde trotzdem, wir sollten aufeinander zugehen. Der Widerruf der Dekrete wird die Vertreibung nicht rückgängig machen und wir von der jüngeren Generation haben doch eh kein Interesse mehr, in diese gottverlassenen tschechischen Nester zurückzukehren. Viele Sudentendeutsche werden das Gefühl nicht los, der Sündenbock der Nation zu sein. Es ist ihnen Unrecht geschehen und das sollte beim Namen genannt werden und nicht totgeschwiegen, wie es Jahrzehnte geschehen ist. Und genau das hat jetzt Herr Necas getan. Wenn das auch wirtschaftliche Interessen hat, ist dies auch kein Schaden, denn in Tschechien ist noch viel zu tun. Wenn die Heimat meiner Eltern wieder ein blühendes Land würde, würde ich das nur begrüßen.
Margot Smolka

heiro, Samstag, 23.Februar, 12:20 Uhr

33. Gute Wirtschaftsbeziehungen

Welche Rolle spielt beim Verhalten von Necas eigentlich die Wirtschaft? Ohne gute nachbarschaftliche Beziehungen geht auf die Dauer nichts. Wer verlegt seinen Standort in ein Gebiet, in dem er nicht willkommen ist. Deutschland ist der widerwillige Zahlmeister Europas. Wenns hart auf hart kommt, will man auf die offene Hand hoffen.
Inzwischen entscheidet die Wirtschaft
Seehofer stehen Wahlen bevor und er kann auf keinen Wähler verzichten.