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Trächtige Kühe und leidende Kälber "Wir brauchen ein Schlachtverbot"

Viele geschlachtete Rinder sind trächtig - die Kälber sterben einen qualvollen Tod. Ein ARD-Bericht zum Thema sorgte 2014 für Entsetzen und Empörung. Doch viel getan hat sich seither nicht.

Von: Doris Fenske

Stand: 03.02.2017

Es war am 25. März 2014: Ein Fernsehbeitrag der ARD hat einer breiten Öffentlichkeit Bilder aus Schlachthöfen gezeigt, die schockieren und empören: Beim Zerlegen von Schlachtkühen werden weit entwickelte Föten aus der Gebärmutter geholt. Ungeborene Kälber, die bereits ein dichtes Fell haben und zum Teil schon lebensfähig wären, landen zusammen mit Innereien im Schlachtabfall.  

Qualvoller Erstickungstod

Sobald das Muttertier betäubt wird, beginnt der minutenlange Todeskampf für den Nachwuchs. Die Kälber ersticken, während das Muttertier getötet wird. Kühe schlachten, die kurz vor der Geburt stehen – das ist ethisch nicht tragbar und in erheblichem Maße tierschutzrelevant. Da sind sich längst alle einig. Denn das Thema ist nicht neu.

Pilot-Studie: Bis zu zehn Prozent der Schlachttiere trächtig

Bereits 2011 war in Fachkreisen bekannt geworden, dass die Zahl trächtig geschlachteter Kühe in Deutschland höher ist als bis dahin irgendjemand angenommen hätte. Tierärztin Prof. Katharina Riehn hatte damals im Auftrag der Universität Hamburg eine Pilotstudie vorgelegt, die eine Umfrage von 53 deutschen Schlachthöfen auswertete. Das Ergebnis: bis zu zehn Prozent trächtig geschlachteter Rinder.

"Das Schlachten trächtiger Rinder ist kein Einzelereignis, das heißt, es ist nichts, was zufällig passiert, sondern was regelmäßig an deutschen Schlachthöfen vorkommt."

Tierärztin Katharina Riehn

Auch die Bundestierärztekammer schlug von Anfang an Alarm. Und Kai Braunmiller, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz, appellierte an die Politik: "Wir brauchen ein Schlachtverbot für hochtragende Rinder, das im Tierschutzgesetz oder in der Tierschutz-Schlachtverordnung verankert ist und das die Möglichkeit gibt, Tierhalter zu sanktionieren."

Doch was ist seither passiert?

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat umgehend versprochen „das Schlachten hochträchtiger Rinder so schnell wie möglich zu verbieten“. Im Januar 2016 bekräftigte der Agrarminister im Bayerischen Rundfunk: "Ich gehe davon aus, dass bis Ende des Jahres ein Verbot erreicht ist."

Das war nicht der Fall. Kommt aber jetzt Bewegung in das Gesetzgebungsverfahren?

Die Regierungsfraktionen von CDU, CSU und SPD nehmen voraussichtlich in der kommenden Woche ihre Beratungen über eine mögliche Änderung des Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetzes wieder auf. Laut einer Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist dies "der schnellste Weg", um das angestrebte Ziel zu erreichen.

Das bestehende Tiererzeugnisse Handels-Verbotsgesetz soll um eine Passage erweitert werden:

Geplante Ergänzung:

"… Dass es verboten ist, Säugetiere, die sich im letzten Drittel der Trächtigkeit befinden, zum Zwecke der Schlachtung abzugeben. Ausnahme: Die Tötung eines solchen Tieres ist nach tierseuchenrechtlichen Bestimmungen vorgeschrieben oder angeordnet."

Frühestens im März könnte der Gesetzentwurf der Regierungskoalition in den Bundestag eingebracht werden. Seit Bekanntwerden der Problematik sind hochgerechnet etwa 200.000 trächtige Rinder in Deutschland geschlachtet worden.

Studie der Universität Hamburg

Ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium initiiertes Forschungsprojekt sorgte dafür, dass Daten und Ursachen auf einer breiten Basis für trächtig geschlachtete Nutztiere ermittelt werden. Diese von Katharina Riehn an der Universität Hamburg geleitete Studie läuft 2017 aus, bisher steht fest: 2,2 Prozent der in Deutschland geschlachteten Rinder sind trächtig. Dabei wurden alle Trächtigkeitsstufen vom ersten bis zum 9. Monat berücksichtigt.

Ungeborene Kälber nicht betäubt

An bayerischen Schlachthöfen herrscht seit 1. April 2015 eine Dokumentationspflicht für Rinder, die sich im letzten Drittel der Trächtigkeit befinden. Allein im Freistaat befanden sich seit Aufzeichnungsbeginn knapp 5.000 weibliche Rinder zum Zeitpunkt der Schlachtung im letzten Trächtigkeitsdrittel. Praxisreife Methoden, um die ungeborenen Kälber zu betäuben, gibt es nicht. Auch wenn es 2017 zu einer Gesetzesänderung kommen könnte: Ein rechtlicher Schutz für Föten an sich wird damit nicht festgelegt. Wer aber in Zukunft hochträchtige Tiere zum Schlachthof bringt, könnte mit einem Bußgeld bestraft werden.

Warum werden trächtige Kühe geschlachtet?

Damit eine Kuh zuverlässig möglichst viel Milch gibt, sollte sie jedes Jahr ein Kalb bekommen. Ob sie trächtig ist, kann der Tierarzt feststellen oder der Landwirt mit einem Milchtest ermitteln. Doch beide Methoden können fehlerbehaftet sein. Trächtige Tiere zum Schlachten abzugeben, könnte deshalb vereinzelt aus Unwissenheit passieren.

Schlachtung aus wirtschaftlichen Gründen

Doch Experten wie Katharina Riehn von der Universität Hamburg führen noch andere Gründe an: wirtschaftliche Zwänge. Milchkühe leiden häufig an Euterentzündungen, Klauenproblemen oder Stoffwechselstörungen. Werden die Gesundheitsprobleme nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann die Geburt zum Risiko werden und zum Totalverlust führen. Um das zu vermeiden, wägen manche Betriebsleiter ab und geben ein Tier doch lieber trächtig zum Schlachten.

Niedrige Preise für Kalbfleisch

Auch niedrige Preise für Kälber könnten für die Tierschutzproblematik mitverantwortlich sein. Der  männliche Nachwuchs bestimmter Milch-Hochleistungsrassen wie der schwarzweißen Holstein-Rinder hat einen erschreckend niedrigen Wert. Denn die männlichen Tiere setzen zu wenig Fleisch an und sind für die Bullenmast unrentabel. Wenn für ein männliches Kalb der Rasse Holstein-Friesian gerade mal 50 Euro zu erzielen sind, kann auch das die Entscheidung mit beeinflussen, ein trächtiges Muttertier schlachten zu lassen.


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Hans - H Wemken , Sonntag, 12.Februar, 22:14 Uhr

56. Schlachten trächtiger Kühe

Sehr geehrte Redaktion,
mit wieviel erhabene Aroganz Sie doch einen unerträglichen Blödsinn gegen die Landwirtschaft ausbreiten. Warum sollte ein Landwirt seine gesunde trächtige Kuh schlachten lassen, das ist immer ein schlechtes Geschäft. Sowas passiert wohl am ehesten unerfahrene Hobbybauern. In meiner 46- jährigen ldw. Tätigkeit habe ich unzählige Stunden in der Tag- und Nachtzeit auch an Sonn- Feiertagen im Kuh- und Sauenstall verbracht um Geburten zu begleiten und erkrankte Tiere notwendige Hilfe zukommen zu lassen. Und wie oft mußte nachts der Tierarzt hinzu gezogen weden, obwohl ein Nachtzuschlag in Rechnung gestellt wurde. Ich kann Ihnen versichern , es ging immer um die Gesundung der Tiere auch wenn die Kosten nicht immer mehr wirtschaftlich waren.
So ist es Regel in der gesammten Landwirtschaft.
Wenn ich dagegen Ihre städtische Gesellschaft beobachte , stelle ich einen ungeheuren Opportunismus fest. Tierwohl steht über Menschenwohl. Vermassung des gesellschaftlichen Mite

neunsinger mariele, Sonntag, 12.Februar, 16:41 Uhr

55. milchkuh - entsorgung

sehr geehrtes Redaktionsteam,
vielen dank für diesen schrecklichen film,habe auch einen beitrag in br 2 dazu gehört; unglaublich und man kann es nicht glauben das solche zustände über jahre und bekanntermaßen nicht abgestellt werden,die verantwortlichen wohl nicht willens sind dies zu unterbinden, warum wird nichts unternommen? bei vermeintlichen bauernregel, die doch auch ein gewisses mass an weisheit enthalten, geht die aufregung bis ganz nach oben.
wie war die reaktion auf ihren beitrag ?
herzlichst m. neunsinger

Janine, Freitag, 10.Februar, 17:53 Uhr

54. Schlachtverbot

Wenn man schon Profit aus Tierleben machen muss..was ich absolut nicht gut finde. Ich bin Vegetariarin ich trinke seit Jahren keine Milch & bemühe mich jetzt auch darum komplett Tierprodukt frei zu werden, eben weil es nicht sein kann das der Mensch so respektlos dem Tief & dem Leben gegenüber ist!! Der Mensch sieht nur den Gewinn & geht dafür über Leichen. Es muss ein Ende nehmen das der Mensch glaubt das Tiere nur dazu dienen uns zu sättigen, das war nie witklich der Sinn der Existenz der Tiere!! Das war nur von Anfang an aus der Laune viell. sogar in manchen Ländern & Zeiten aus der Not herraus. Das rechtfertigt die Grausamkeit & Leichtfertigkeit mit der , der Mensch dem Tier entgegnet kein Stück.

Petra Stahnke, Freitag, 10.Februar, 14:29 Uhr

53. Das Schlachten von trächtigen Kühen.

Der Mensch denkt er ist die Krönung der Schöfung und will über alles und jeden bestimmen.Wir sollten jedes Leben respektieren,das wäre ein Zeichen von
Stärke und Verantwortung.So muß man sich einfach nur schämen ein Teil dieser rücksichtslosen Geselschaft zu sein.2

Karolin Rodenhauser, Freitag, 10.Februar, 14:12 Uhr

52. Schlachten trächtiger Kühe

Sofort aufhören mit dieser Quälerei !!!!!