27

Terror und Soziale Medien Wie die Polizei informiert - und die User reagieren

In der Silvesternacht wandte sich die Münchner Polizei über Twitter und Facebook direkt an die Bürger, um die Terrorwarnung bekannt zu geben - mehrsprachig und mit Livestream. Das Echo war gewaltig.

Stand: 02.01.2016

Der erste Tweet von der Polizei kam um 22.40 Uhr:

"Aktuelle Hinweise, dass in #München ein Terroranschlag geplant ist. Bitte meidet Menschenansammlungen und die Bahnhöfe Hauptbahnhof + Pasing."

Erster Tweet der Polizei

Es folgte: "Wir halten Euch über die aktuelle Lage auf dem Laufenden!" Kurze Zeit später sind die Bahnhöfe geräumt und abgeriegelt. Die Stimmung in der Stadt ist angespannt, so kurz vor Neujahr sind viele Menschen auf der Straße. Es herrscht große Unsicherheit. Wenig ist bekannt, viel wird spekuliert. Wer wissen will, was los ist, folgt der Münchner Polizei auf Twitter. In kurzer Zeit erhöht sich deren Followerzahl um 50 Prozent. Denn das Social-Media-Team kuratiert die wenigen verfügbaren Informationen vorbildlich. Im Laufe der Nacht wird man neben deutschen auch englische, türkische, italienische und französische Tweets lesen können. Ein Service, auch für die vielen Silvester-Touristen in der Stadt. 

"Wir wollen in erster Linie die Bürger informieren, erhoffen uns aber auch Verständnis für die polizeilichen Maßnahmen."

Wolfgang Behr, Polizeisprecher München

An einem solchen Abend beispielsweise den Hauptbahnhof zu räumen, sei ein enormer Eingriff. Carsten Reinemann, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München ergänzt: "Twitter ist als Kanal für die Polizei ideal, weil man schnell reagieren kann und ungefiltert nicht nur normale Bürger erreicht, sondern auch viele Journalisten."

Was bringt das den Bürgern?

Die Polizei könne in einer akuten Krise dazu beitragen, die Verunsicherung der Menschen etwas zu lindern, sagt Reinemann. Denn diese stelle sich in einer unklaren und bedrohlichen Situation schnell ein. Allein die Tatsache, dass die Polizei in den sozialen Medien präsent sei, verlinkt werden kann et cetera, trage vermutlich schon zur Beruhigung bei.
Und natürlich können die Menschen reagieren - wie die Polizei es in diesem Fall vorschlug: wachsam sein, Bahnhöfe und Menschenansammlungen meiden. Der Grat bei der Information über solche Situationen ist schmal - was würde passieren, wenn man die Bürger nicht informiert?

"Kommuniziert man nicht, dann können sich gerade in den sozialen Medien extrem schnell Gerüchte und Falschmeldungen verbreiten."

Carsten Reineman, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Viel Lob in den Sozialen Medien

Tweets mit Lob

Die meisten Nutzer reagierten jedoch sehr positiv auf den multilingualen Service und die Informationspolitik des Social-Media-Teams in dieser Nacht. Mehr als 3.000 Kommentare sammelten sich unter einem Beitrag bei Facebook, der erste Warn-Tweet der Polizei wurde mehr als 4.000 Mal geteilt. 

Kritik auf Twitter

Wenig kritische Stimmen

Nach dem großen Lob über die schnelle Reaktion der Polizei auf den Sozialen Kanälen, gibt es jetzt eine verhaltene Diskussion über die Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Vereinzelt ist von "Panikmache" und "Falscher Alarm" die Rede; andere kritisieren die unkonkreten Angaben zu den möglichen Terroristen. Auch ist gelegentlich bei Twitter zu lesen, dass solche Terrorwarnungen Ressentiments gegen Ausländer und Flüchtlinge schüren.


27