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Fragwürdige WhatsApp-Nachricht Schüler in bunt statt schwarz

Der unter Schülern kursierende Kettenbrief, der zu Solidarität mit den Opfern von Paris durch das Tragen schwarzer Kleidung und zum gleichzeitigen Protest gegen die Politik Angela Merkels aufruft, hat in Bayern offenbar keine Resonanz gehabt. Die Schüler scheinen nicht darauf eingegangen zu sein.

Von: Claudia Gürkov, Maximilian Heim und Patrick Obrusnik

Stand: 17.11.2015

Stichpunktartige Recherchen unter anderem an den größten Gymnasien Unterfrankens ergaben, dass sich dort keine größere Zahl an Schülern an dem Whatsapp-Aufruf beteiligt. "Fehlanzeige", erklärte Harald Hirsch, stellvertretender Schulleiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Schweinfurt, auf das 1.150 Schüler gehen. Auch am Friedrich-Dessauer-Gymnasium Aschaffenburg mit seinen etwa 1.400 Schülern sei der Aufruf "kein Thema", betonte Schulleiter Michael Lummel.

Hansgeorg Binsteiner, stellvertretender Schulleiter am Würzburger Röntgen-Gymnasium mit 1.000 Schülern, ist "nichts Besonderes aufgefallen. Und eine größere Anzahl an schwarzgekleideten Schülern wäre mir aufgefallen." Die Schülermitverwaltung habe selbstständig auf die schrecklichen Nachrichten reagiert und einen Kondolenz-Bereich eingerichtet: mit einem Kondolenzbuch und Blumen. "Dies ist eine wichtige Botschaft gewesen für die französische Schüler-Gruppe, die in den vergangenen Tagen am Röntgen-Gymnasium zu Besuch gewesen ist", sagte Binsteiner.

Auch eine ganze Reihe von Schulleitern in München und Umgebung sowie in Schwaben haben dem Bayerischen Rundfunk bestätigt, dass ihre Schüler nicht schwarz gekleidet in die Schule gekommen sind.

Kettenbrief kursiert unter Schülern

Zahlreiche Schüler haben die seltsame App-Nachricht erhalten, manche sogar bis zu 20 Mal. Wörtlich heißt es in dem Text:

Screenshot der WhatsApp-Nachricht

"Wir möchten, dass alle, die diese Nachricht lesen, am Dienstag den 17.11.2015 nur komplett schwarz angezogen sind, um zu zeigen, wie es euch mitnimmt. Mit etwas Glück, wenn alle mitmachen, merkt vielleicht auch Angela Merkel, dass es so nicht weitergehen kann."

Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks ist der Text unter anderem in Klassenchats von WhatsApp aufgeschlagen. Betroffen sind alle Regierungsbezirke. Das geht aus den Antworten auf einen Aufruf von BR24 hervor. Unter anderem bestätigten Rektoren, Eltern und Schüler aus Starnberg, Höchstädt, Würzburg, München, Regensburg und sogar Heidelberg im benachbarten Baden-Württemberg, dass die Nachricht in der Schülerschaft kursiert.

Unbekannter Urheber

Ob die Nachricht gezielt von einer politischen Gruppierung verbreitet wurde oder einfach unglücklich formuliert ist, das ist unklar. Inzwischen hat sich auch die österreichische Initiative „Mimikama“, deren Experten verdächtige Netzinhalte untersuchen, zu Wort gemeldet.

Ihre Einschätzung: Es handelt sich vermutlich nicht um die Nachricht einer politischen Gruppierung – sondern eher um einen Aufruf von Menschen, die ein Zeichen setzen wollen. Den oder die Urheber konnte die Prüfstelle aber auch nicht ausfindig machen.

Später kursierte über Whatsapp ein weiter Brief, dessen Urheber ebenfalls nicht bekannt ist. Darin werden die Schüler aufgefordert nicht schwarz, sondern bunt gekleidet zur Schule zu kommen.

"Leute, morgen NICHT schwarz kommen sondern bunt anziehen! Das ist vom Kultusministerium jetzt so festgelegt, weil das schwarze so negativ ist und quasi zeigt, dass man gegen die Flüchtlingspolitik von Merkel ist. ... Sagt das bitte allen Klassen weiter!"

Weiterer anoymer Whatsapp Kettenbrief

Bunt statt schwarz

Manche Schulleiter hatten mit Durchsagen und Anweisungen an die Lehrkräfte reagiert. Josef Parsch, Schulleiter am Gymnasium in Starnberg, geht davon aus, dass allein an seiner Schule 1.000 Schüler die Nachricht bekommen haben. Parsch sagte dem Bayerischen Rundfunk:

"Das Schreiben ist dazu angetan, einen geschmacklosen Zusammenhang zwischen der aktuellen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und den Anschlägen in Paris herzustellen. Hier ist Aufklärung gefragt!"

Josef Parsch, Schulrektor aus Starnberg

Die Schüler würden seine Einschätzung teilen, so Parsch. Ein Rektor des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums in München hat laut Kultusministerium seine Schülerschaft als Reaktion auf den Kettenbrief dazu aufgerufen, möglichst bunt gekleidet zum Unterricht zu erscheinen.

Schüler distanzieren sich vom Kettenbrief

Weil die Schüler in Starnberg die Nachricht im Namen der Schülersprecher bekommen haben, reagierten diese sofort mit einer Durchsage und distanzierten sich von dem Kettenbrief. Es könne nicht angehen, dass jemand in ihrem Namen solche Sachen verbreite, so die Starnberger Gymnasiasten. Stattdessen wollten sie eine Gedenkwand für die Opfer von Paris aufstellen und eine Gedenkminute abhalten. Viele Schüler hätten die versteckte politische Botschaft sehr wohl erkannt und die Nachricht gelöscht, das bestätigen Eltern dem Bayerischen Rundfunk.

Kettenbrief wirft generelle Fragen auf

Der Kettenbrief wirft eine generelle Frage für Lehrer und Eltern auf. Wie soll man umgehen mit solchen Botschaften, die in kurzer Zeit tausende Schüler erreichen? Eine Mutter aus München, deren 14-jährige Tochter den Kettenbrief mehrmals bekommen hat, beantwortet diese Frage für sich so:

"Ich habe ihr gesagt, dass ich die Trauer an und für sich sehr schön fände, wenn sie in schwarz gehen würde. Was mir nicht gefällt, habe ich ihr gesagt, dass am Ende eine politische Botschaft steckt, die sie noch gar nicht begreift – und dass ich deshalb nicht möchte, dass sie diese Kettenbriefe weiter reicht."

Mutter einer 14-Jährigen


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