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Selbstmordattentate in Brüssel Attentäter war in Türkei als Extremist bekannt

Einer der Attentäter des Brüsseler Terroranschlags wurde nach Angaben des türkischen Präsidenten Erdogan im vergangenen Juni aus der Türkei ausgewiesen und nach Belgien abgeschoben. Türkische Medien schreiben, dass es sich um Ibrahim El Bakraoui, einen der Selbstmordattentäter vom Flughafen handeln soll.

Von: Kai Küstner, Till Erdtracht, Max Muth

Stand: 23.03.2016

Der türkische Präsident Erdogan sagte, der Mann sei am türkisch-syrischen Grenzübergang Gaziantep festgenommen worden. Die Türkei habe die belgischen Behörden am 14. Juli formal über seine Abschiebung in Kenntnis gesetzt und gewarnt, dass es sich bei dem Mann um einen "ausländischen Kämpfer" handeln würde. Dennoch hatten sich die belgischen Sicherheitsbehörden offenbar für eine Freilassung entschieden. Belgien habe keine Verbindungen zum Terrorismus nachweisen können.

Brüderpaar sprengte sich in die Luft

Türkische Medien berichteten unter Berufung auf ungenannte Quellen im Außenministerium in Ankara, bei dem ausgewiesenen Terroristen habe es sich um Ibrahim El Bakraoui gehandelt. Den hatten die belgischen Behörden heute identifiziert. Ibrahim El Bakraoui sei der Mann in der Mitte des Fahndungsfotos vom Airport, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw in Brüssel. Der 29-Jährige hatte sich am Dienstag im Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt. Bakraouis Bruder Khalid soll für den Selbstmordanschlag in der Brüsseler Metro verantwortlich sein.

Verwirrung um gesuchten Laachraoui

links: noch nicht identifiziert, Mitte: Ibrahim Bakraoui (tot), rechts: laut Medienberichten Najim Laachraoui

Laut belgischen Medienberichten ist auch der seit Tagen gesuchte Terrorverdächtige Najim Laachraoui tot. Er sei einer der Selbstmordattentäter am Brüsseler Flughafen Zaventem gewesen, berichtete der Sender RTBF am Mittwochabend. Unklar ist, ob die Polizei weiter die Person mit weißer Windjacke und dunklem Hut sucht, die auf dem Fahndungsfoto rechts im Bild einen Gepäckwagen vor sich herschiebt. Der soll nach der Explosion aus dem Flughafen gerannt sein. Medien hatten jedoch berichtet, dass es sich bei dem Mann um Laachraoui handeln soll.

Bei den Anschlägen im Flughafen und in einer U-Bahn-Station im Europaviertel waren am Dienstag mindestens 31 Menschen getötet und 270 weitere verletzt worden. Das Auswärtige Amt erklärte, mehrere Deutsche seien verletzt worden, mindestens einer von ihnen schwer. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen galt in Belgien weiter die höchste Terror-Warnstufe.

15 Kilo Sprengstoff gefunden

Laachraoui zählt nach Erkenntnissen der Ermittler zum Netzwerk des inzwischen festgenommenen Saleh Abdeslam, einem der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Paris. Laachraoui soll die Sprengstoffgürtel für die Attentäter angefertigt haben, die im November in der französischen Hauptstadt 130 Menschen töteten.

Medien meldeten am Vormittag, Laachraoui sei in Brüssel festgenommen worden. Dies wurde später von der Polizei dementiert. Nach Angaben der Behörden wird nach einer ganzen "Reihe von Personen" noch gesucht.

Bei Wohnungsdurchsuchungen in Brüssel wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft 15 Kilo Sprengstoff gefunden. Es handele sich um dieselbe Art - TATP -, die bei den Pariser Anschlägen verwendet worden sei. Dies untermauert die These, dass die Anschläge von Brüssel und Paris von ein und derselben Terrorzelle verübt wurden. Bei der Razzia wurden auch Chemikalien, eine Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" sowie ein mit Nägeln gefüllter Sprengsatz entdeckt.

Hinweis kam von Taxifahrer

Ein Taxifahrer hatte einem Medienbericht zufolge die Polizei auf die Spur der Flughafen-Attentäter gebracht: Er soll die Männer in der Wohnung abgeholt und sich anschließend gewundert haben, dass sie sich nicht mit ihrem Gepäck helfen lassen wollten.

Auf dem Fahndungsbild ist zu sehen, dass die beiden mutmaßlichen Selbstmordattentäter an ihrer linken Hand jeweils einen schwarzen Handschuh tragen. Es wird vermutet, dass sie unter den Handschuhen die Auslöser versteckten, mit denen sie die in den Koffern auf dem Gepäckwagen verborgenen Sprengsätze zündeten.

"All jenen, die sich entschieden haben, einen barbarischen Feind zu unterstützen, sagen wir: Wir werden geschlossen und vereint bleiben."

Charles Michel, belgischer Regierungschef

Am Tag des Terrors erlebte Brüssel zunächst eine hektische, fast panische Phase, in der ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften, Militärs und Panzerwagen an sensiblen Punkten zusammengezogen wurde. Dann aber eine fast gespenstische Phase des Stillstands, weil keine U-Bahn, kein Bus, keine Straßenbahn sich mehr bewegte.

Fußball-Länderspiel vorsichtshalber abgesagt

Viele hunderte Menschen nahmen gestern an einer spontanen Gedenkfeier im Herzen der Haupstadt teil. Sie legen Blumen nieder, sie entzünden Kerzen, sie malen mit Kreide Botschaften auf den Asphalt. "Vive la vie – es lebe das Leben", so lautet eine davon. Wenn wir jetzt unseren Lebensstil ändern, dann haben die Terroristen gewonnen – da sind sich hier alle einig. Auch Belgiens König versucht in seiner Fernsehansprache eine Botschaft der Geschlossenheit, der Zuversicht an seine Landsleute zu senden.

Der Flughafen Brüssel bleibt auch am Donnerstag noch geschlossen. Doch U-Bahnen und Busse sollen langsam wieder den Betrieb aufnehmen. Schulen und Kindergärten sind geöffnet. Auch wenn Eltern und Lehrer angewiesen sind, weiter wachsam zu sein. 

Das für nächsten Dienstag geplante Testspiel der belgischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Portugal wurde abgesagt. Sicherheitserwägungen hätten zu dieser Vorsichtsmaßnahme geführt, teilte der belgische Verband mit.

Hier fanden die Explosionen in Brüssel statt

  • ARD-Korrespondent Kai Küstner | Bild: WDR/Markus Krüger Kai Küstner

    Seit 2013 ist Kai Küstner Korrespondent im ARD-Studio Brüssel.


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