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Taufmissbrauch Kirchen unter Verdacht

Der Fall des zum Christentum konvertierten Afghanen, der einen Buben tötete, hat auch eine Debatte über den Missbrauch von Taufscheinen ins Rollen gebracht. Die Kirchen beziehen Position: Christ wird man nicht auf Bestellung.

Von: Julia Kammler

Stand: 10.06.2017

Trauergäste sitzen am 09.06.2017 in Arnschwang (Bayern) vor einer Andacht für den in einer Flüchtlingsunterkunft in Arnschwang getöteten fünfjährigen Buben in der Sankt-Martins-Kirche. Foto: Timm Schamberger/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bild: dpa-Bildfunk/Timm Schamberger

In der Debatte um Flüchtlingstaufen hat Innenminister Joachim Herrmann diese Woche Kritik an den christlichen Kirchen geübt. Er erwarte, "dass sie sich sehr genau anschauen, ob einer wirklich zum Christentum übertritt", so Herrmann.

Auslöser war der Fall eines abgelehnten afghanischen Asylbewerbers, der zum Christentum konvertiert war und deshalb nicht abgeschoben wurde. Letztes Wochenende tötete der bereits straffällig gewordene Mann bei einer Auseinandersetzung in seiner Flüchtlingsunterkunft einen fünfjährigen Buben. Zurück bleibt Ratlosigkeit und die Frage: Liefern die Kirchen Flüchtlingen durch die Taufe einen Asylgrund?

Missionieren Zeugen Jehovas und Freikirchen Flüchtlinge?

Christ – oder nicht Christ? Das ist hier die Frage. Die Antwort soll ein einfaches Stück Papier liefern, der Taufschein. "Manchmal, so gibt es Gerüchte, werden sogar Taufscheine verkauft", sagt Axel Seegers, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Erzbistum München und Freising. Immer wieder versuchen zudem diverse Religionsgemeinschaften Flüchtlinge zu missionieren.

"Es gibt ganz unterschiedliche Gruppen, wir wissen das definitiv von den Zeugen Jehovas, wir wissen das von einzelnen christlich-fundamentalistischen Freikirchen, von einigen anderen christlichen Kirchen, die die Situation ausnutzen. Sie kommen Menschen, die in Not sind, mit einer Weltanschauung, mit einer Religion, mit einer christlichen Botschaft entgegen."

Axel Seegers

Damit wollen sie ihre Mitgliederzahlen aufpolieren. Steigende Mitgliederzahlen würden zwar auch die katholische und evangelische Kirche schmücken, aber: "Ich kann sagen, dass sich das Interesse, katholischer Christ zu werden, sehr in Grenzen hält. Ich weiß von sechs, sieben Fällen, quer über das Bistum verteilt. Also sind es keine riesigen Gruppen, die da wie Karawanen anstehen", sagt Domdekan Bertram Meier vom Bistum Augsburg. Auch in den anderen bayerischen Diözesen ist die Zahl muslimischer Asylbewerber, die zum Christentum konvertieren wollen, überschaubar. Meier fügt hinzu:

"Wir schauen ganz genau hin, denn ein Religionswechsel sollte nicht dazu instrumentalisiert werden, leichter eine Anerkennung in Deutschland zu bekommen."

Bertram Meier

Der einjährige Taufkurs schreckt ab

Der Taufschein an sich ist sowieso kein Asylgrund. Christsein keine Garantie, in Deutschland bleiben zu dürfen. Das werde allen muslimischen Asylbewerbern, die sich taufen lassen wollen, bereits im ersten Gespräch gesagt, so Gabriela Grunden, zuständig für Konversion und Erwachsenentaufe im Erzbistum München und Freising. Und so steht es auch in entsprechenden Handreichungen der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Gabriela Grunden:

"Das ist für manche dann auch hilfreich zu sagen, wie tief ist denn mein Wunsch Christ zu werden. Es kommt vor, dass dann Leute wirklich nicht mehr auftauchen, und die anderen, die sich wirklich gut informiert haben und sagen, das ist mein Weg, das ist für mich die Religion nach der ich leben möchte, die gehen in den einjährigen, den zweijährigen Kurs und springen dann auch nicht mehr ab."

Gabriela Grunden

In der Regel dauert die Taufvorbereitung in der katholischen Kirche gut ein Jahr. In dieser Zeit wird der Taufwillige seelsorgerlich begleitet und geprüft, ob er es ernst meint mit dem Christwerden. Dasselbe gilt in der Evangelischen Kirche in Bayern: Zunächst werden von den jeweiligen Pfarrerinnen und Pfarrern die Gründe für die Konversion geprüft. Erst wenn diese überzeugen, geht es in den Taufunterricht.

Der Taufschein ist kein Asylbeschleuniger

Der Ablauf gilt für jeden, der sich taufen lassen will, egal, ob deutscher Staatsbürger oder Mensch mit Migrationshintergrund, ob bisher einer anderen Religion angehörig oder keiner, so die evangelische Landeskirche. Fakt ist: Katholischer oder evangelischer Christ wird man nicht von heute auf morgen. Es gibt keinen Sonderrabatt für Flüchtlinge. Fakt ist auch: Taufschein bedeutet nicht automatisch Asyl, denn über den Asylgrund entscheiden allein die Behörden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilt mit:

"Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben. Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung."

Mitteilung Bundesamt für Migration und Flüchtlinge


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