1

Steuerstrafverfahren in Bochum Die Wahrheiten des Werner Mauss

In Bochum beginnt am Montag eines der spektakulärsten Steuerstrafverfahren aller Zeiten. Es geht um Deutschlands größten Geheimagenten Werner Mauss, Papst Benedikt XVI., den Staat Israel und um jede Menge Geld.

Von: tagesschau.de

Stand: 23.09.2016

Werner Mauss, Privatagent, 1988 im ZDF | Bild: pa/dpa/Katja Lenz

Für die Herkunft der Dutzenden Millionen Euro, die Steuerfahnder auf einem Konto in Luxemburg entdeckten, gibt es zwei Erklärungen. Beide sind überraschend. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Geld versteckt worden ist, von einem ehemaligen Staubsaugervertreter, der sich zum Multimillionär hochgearbeitet hat.

Die Verteidigung des ehemaligen Staubsaugervertreters hingegen beruft sich darauf, dass das Geld einem Konsortium mächtiger Staaten zuzurechnen ist, angeführt von Israel und mit höchstem Segen aus dem Vatikan. Mit diesen beiden Wahrheiten wird sich ab Montag das Landgericht Bochum befassen. Dort beginnt die Verhandlung in einem der größten Steuerprozesse der jüngeren Geschichte - und wahrscheinlich dem skurrilsten.

Im Mittelpunkt steht Werner Mauss, eine deutsche Legende. Mauss war vieles in seinem Leben: Landwirt, Verkäufer für "Vorwerk"-Staubsauger, Pilot, leidenschaftlicher Reiter und der erste und letzte echte Geheimagent dieses Landes. Er arbeitete für das Bundeskriminalamt, für den Verfassungsschutz, für den Bundesnachrichtendienst. Für Versicherungen schaffte er gestohlene Autos zurück, im Auftrag von Ölkonzernen sorgte er dafür, dass sie in Ruhe ihre Pipelines durch den kolumbianischen Urwald ziehen konnten. Das hat den 76-Jährigen zu einem reichen Mann gemacht.

Die Millionen und der Geheimbund

Nun wird Mauss vorgeworfen, rund 15 Millionen Euro Steuern aus Zinserträgen hinterzogen zu haben. 2012 kauften Fahnder eine Steuer-CD der Schweizer Bank UBS, darauf fanden sie Hinweise auf zwei Stiftungen, die im Jahr 2008 in Luxemburg über Einlagen im Wert von 37 Millionen Euro verfügten. Begünstigt war ein Claus Möllner - einer der vielen Decknamen von Werner Mauss. Versteuert war das Geld in Deutschland nicht, zwischenzeitlich soll Mauss nach Ansicht der Ermittler sogar mehr als 50 Millionen Euro nicht deklariert haben.

Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist die von Mauss selbst. Die ist deutlich aufregender als eine profane Steuerhinterziehung. Ja, es gebe das Geld, erklärte Mauss den Ermittlern. Es sei auch richtig, dass es im Namen der Stiftungen auf der Bank liege und nicht von ihm versteuert sei. Das müsse es aber auch nicht, weil es gar nicht sein Geld sei. Ein Geheimbund habe ihm das Geld anvertraut, schon vor Jahren, um damit unkompliziert Mauss' Kampf gegen Terror und das Verbrechen zu finanzieren. 1985 hätten Männer erstmals ein Konto bei der UBS, damals noch in der Filiale in Panama, mit Geld gefüllt. Per Koffer.

Später wurde das Geld laut Mauss zur UBS in Luxemburg transferiert. Mauss bekam eine Vollmacht und konnte, wie er sagt, auf Anweisung seiner Geldgeber über das Guthaben verfügen. In den panamaischen Unterlagen heißt der vermeintliche Geheimbund "Autoridades de seguridad del oeste", zu Deutsch etwas schlichter "Westliche Sicherheitsbehörden".

23 Millionen Dollar seien zunächst eingezahlt worden. Wer genau dahinter steckt, das könne Mauss nicht sagen - geheim. Nur so viel: Der Vatikan sei involviert, der Staat Israel ebenfalls, dazu humanitäre Organisationen. Deutschlands Dienste seien informiert gewesen, hätten sich aber finanziell nicht beteiligt. Der Geheimfonds sei bis heute aktiv, Mauss im Einsatz. Und auf dem Konto sind über Jahre stattliche Zinserträge angefallen.

Die Wahrheit des Vatikan

Für den Vatikan sei Mauss jüngst in China aktiv gewesen, sagt er. Aber mehr noch, er habe Papst Benedikt XVI. gerettet. Das ist Mauss' Wahrheit, in der langen Version geht sie so: Die sizilianisch-kolumbianische Rauschgiftmafia hatte es, so Mauss, 2012 auf den Papst abgesehen. Ein Giftanschlag stand unmittelbar bevor, weil der Papst den Geldgeschäften der Mafia im Wege stand. Nur durch sein Eingreifen, so Mauss, habe der Papst gerettet werden können. Daraufhin sei Benedikt XVI. zurückgetreten - als erster Papst seit 700 Jahren Kirchengeschichte.

Die Wahrheit des Vatikan ist eine andere, auch wenn man dort nicht viele Worte über die Umstände des Papst-Rücktritts verlieren möchte. Georg Gänswein, Kurienerzbischof und Privatsekretär von Benedikt XVI., schrieb auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung": "Die Geschichte einer sizilianisch-kolumbianischen Rauschgift-Mafia und eine Ermordung von Papst Benedikt XVI. ist eine Behauptung ohne fundamentum in re", ohne Grundlage also. Der Rücktritt habe "mit der genannten Behauptung/Erfindung nichts, aber auch gar nichts zu tun." Gregory Burke, offizieller Sprecher des Heiligen Stuhls, sprach von "völligem Unsinn".

Ein Brief aus Israel

In Mauss' Wahrheit ist Israel der Verwalter des Geldes. Der ehemalige Verteidigungsminister Amir Peretz soll demnach der Sprecher des Geheimbundes sein. Peretz und Mauss kennen sich, so viel ist klar. Danach wird es schon kompliziert. Mauss' Anwälte haben Fotos zu den Akten gegeben, auf denen sich Peretz und Mauss die Hand schütteln, gemeinsam mit der Familie hat der Israeli den Deutschen in die Knesset, das israelische Parlament, eingeladen. Videoaufnahmen zeigen, wie Mauss im Gästebereich des Parlaments begrüßt wird - unter dem Decknamen "Seiler". Ein handschriftlicher Brief des Politikers liegt vor. Damit soll offenbar die Existenz eines Geheimfonds bestätigt werden.

Mit der Hilfe eines israelischen Journalisten haben NDR und SZ Peretz dazu befragt. Er kenne Mauss, ja. Mauss habe Israel in der Vergangenheit Informationen besorgt. Die habe Peretz aber selbst nicht weiter überprüft, sondern direkt an die entsprechenden Behörden weitergeleitet. Als der Agent ihm sagte, sein Leben sei in Gefahr, da wollte er helfen und habe einen Brief geschrieben. Was darin stehe, käme von Mauss selbst. Von einem Steuerverfahren sei nie die Rede gewesen.

Lesen Sie im zweiten Teil: Was mit dem Geld aus dem Geheimfonds geschehen sein soll.

Spenden an die CDU

Zu den großen Widersprüchen zwischen Mauss' Wahrheiten und denen der Ermittler gibt es eine Reihe von kleinen Widersprüchen, vor allem was die Verwendung der Gelder angeht. Mauss hatte es nach eigener Aussage zum Kampf gegen den Terror und das Verbrechen zur Verfügung gestellt bekommen.

In den Ermittlungsakten finden sich indes Kontoauszüge, die klar darauf hindeuten, dass Mauss über das Konto eines Anwalts und eine Briefkastenfirma mehrere Tausend Euro an die CDU gespendet hat: An den Kreisverband Cochem-Zell und an den Landesverband Rheinland-Pfalz. Dort wurden sie nach Angaben eines Sprechers wie Spenden des Anwalts behandelt, da sie über dessen Konto überwiesen worden sind. Den Namen der Briefkastenfirma in der Betreff-Zeile habe man übersehen. Mauss selbst ließ über einen anderen Anwalt ausrichten, dass er weder an den Landesverband noch an die CDU in Cochem-Zell gespendet habe. Weitere Fragen beantwortete er nicht.

Ein Luxusleben als Legende, Ferraris als Dienstwagen

Im Landkreis Cochem-Zell lebt Mauss seit Jahren. Dort hat er sich ein Anwesen errichtet, das so groß ist, dass man auf einem Wanderweg daran entlanglaufen kann. Es begrüßt Besucher mit Überwachungskameras sowie mit einem gemauerten Turm wie von einer Ritterburg und echten Zinnen. Im nördlichen Bereich seines Grundstücks hat er sich eine Reithalle von unglaublichen Ausmaßen gebaut. Einem Gutachten zufolge, das Teil der Akte ist, soll die Reithalle fast 4,5 Millionen Euro gekostet haben. 20 Millionen Euro soll wohl das gesamte Anwesen wert sein. Bei einer Hausdurchsuchung im Dezember 2012 entdeckten die Steuerfahnder mehrere teure Autos - Ferraris und Mercedes.

Die Reithalle, die Autos, die laufenden Kosten für das riesige Grundstück - zumindest einen beträchtlichen Teil davon soll Mauss nach Ansicht der Staatsanwaltschaft von jenem Geld bezahlt haben, das auf dem nicht deklarierten Konto in Luxemburg lag. Auch eine Hormonkur hat Mauss laut den Unterlagen darüber bezahlt, jahrelang gab er zehntausende Euro aus, um fit zu bleiben.

Regelmäßig soll er bei der UBS-Filiale in Luxemburg große Mengen Bargeld abgeholt haben, um seinen Lebensstil zu pflegen. Mauss' Wahrheit ist auch hier eine andere. Der exzessive Lebensstil diene unter anderem dem Aufrechterhalten von Legenden, die Autos seien Dienstfahrzeuge, Mauss habe private Ausgaben stets aus seinem versteuerten Vermögen bestritten und strikt zwischen dem Geheimfonds und seinem eigenen Geld getrennt. Die Hormonkur habe er im Übrigen in Absprache mit den Geldgebern durchgeführt, schließlich seien die daran interessiert, dass er seinen Geschäften noch lange nachgehen kann.

Für die Staatsanwaltschaft ein Lügengebäude

Zumindest in Deutschland ist Mauss lange raus aus dem Spionage-Geschäft. Seit 2000, so die offizielle Antwort der Bundesregierung, arbeite man nicht mehr mit ihm. Fälle, die er früher in den Spelunken der Unterwelt löste, klären heute hochspezialisierte Profiler auf. Wo Mauss früher Ganoven gerissene Fallen stellte, führen heute Funkzellenabfragen zu den Verdächtigen.

2008 versuchte Mauss noch einmal, sich ins Geschäft zu bringen. Unbekannte hatten den Sarg des Multimilliardärs Friedrich Karl Flick gestohlen. Eine posthume Entführung sozusagen. Entführungen waren lange Mauss' Spezialgebiet. Irgendwann tauchte der Sarg in Ungarn wieder auf, die Umstände sind nicht ganz geklärt. Mauss sagt selbst, er habe später den Kopf der Bande, einen ungarischen Rechtsextremisten, ermittelt.

Nun steht Mauss' Wahrheit zumindest in Sachen Geheimfonds auf dem Prüfstand. Zehn Verhandlungstage sind zunächst angesetzt, ob das Gericht den israelischen Ex-Verteidigungsminister Peretz oder andere, von Mauss benannte Zeugen wirklich vernehmen können wird, bleibt abzuwarten. In der Anklage, Aktenzeichen 365 Js 335/12, gibt die Staatsanwaltschaft zumindest schon einen Vorgeschmack darauf, was sie von Mauss' Geschichten hält: Alles sei ein großes Lügengebäude.


1

Kommentare

Inhalt kommentieren

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein: