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Missbrauchsskandal Weinstein-Affäre erfasst Amazon

Im Skandal um den Hollywood-Produzenten Weinstein gerät nun auch das Amazon-Filmstudio unter Beschuss. Dessen Leiter Price wurde mittlerweile suspendiert. Die Schauspielerin McGowan hatte schwere Vorwürfe erhoben.

Von: tagesschau.de / Nicole Markwald

Stand: 13.10.2017

Harvey Weinstein | Bild: picture-alliance/dpa/ Al Powers

In schwarzem T-Shirt, grauen Jeans und Turnschuhen steht Harvey Weinstein vor dem Haus seiner Tochter in Los Angeles und lässt sich kurz von den anwesenden Paparazzi fotografieren. "Geht es dir gut?" fragt einer. "Nein, mir geht's nicht gut", antwortet der 65-Jährige, "ich brauche Hilfe." Danach macht sich Weinstein auf dem Weg zum Flughafen und fliegt im Privatjet nach Arizona, wo er sich in Behandlung begeben will, heißt es.

Hat es schon einmal einen so rapiden und schnellen Abstieg eines Mächtigen gegeben? Das fragt die "Los Angeles Times". Das "Time Magazin" hat ein Schwarzweiss-Bild von seinem Gesicht auf dem Titelblatt, daneben drei Worte: "Producer, Predator, Pariah", was so viel bedeutet wie "Produzent, Sexualverbrecher, Geächteter".

Ermittlungen werden wieder aufgerollt

Innerhalb weniger Tage ist aus einem der mächtigsten Männer Hollywoods ein Außenseiter geworden. Unzählige Frauen haben von Begegnungen mit ihm berichtet, in denen er ihnen zu nahe kam, sie sexuell belästigte, auch von Vergewaltigung ist die Rede. Inzwischen hat die New Yorker Polizei bekannt gegeben, eine eigentlich bereits abgeschlossene Ermittlung gegen Weinstein aus dem Jahr 2004 erneut aufrollen zu wollen. Britische Medien berichten, dass auch die Londoner Polizei Ermittlungen erwäge.

Vorwürfe gegen Amazon


Auch das Amazon-Filmstudio gerät im Missbrauchsskandal um Hollywood-Mogul Harvey Weinstein unter Beschuss. Das Studio suspendierte seinen Chef Roy Price. Zuvor hatte die US-Schauspielerin Rose McGowan (44, "Death Proof - Todsicher") Amazon-Chef Jeff Bezos auf Twitter öffentlich angegriffen: Sie habe Price "wieder und wieder" gesagt, dass "HW" sie vergewaltigt habe, ohne dass dieser reagiert habe. "Er sagte, das sei nicht bewiesen worden. Ich sagte, ich sei der Beweis", twitterte McGowan an die Adresse von Jeff Bezos, ohne die Initialen "HW" aufzuschlüsseln. Price selbst wird vorgeworfen, eine Mitarbeiterin der Amazon Studios mit sexuellen Bemerkungen bloßgestellt zu haben. "Roy Price ist ab sofort beurlaubt", sagte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Für die Projekte, die Amazon derzeit mit Weinsteins Produktionsfirma durchführe, "erörtern wir unsere Möglichkeiten".

Eine immer wieder gestellte Frage in dieser Woche: Wenn es so viele Betroffene gibt - warum melden sie sich jetzt erst zu Wort? Jodi Kantor ist eine der Reporterinnen der "New York Times", die den Skandal recherchierte und veröffentlichte. Gegenüber slate.com sprach sie zu den Beweggründen der Frauen, die sie für ihren Artikel interviewte:

"Sie hatten das Gefühl, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat, dass man mit solchen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen kann, ohne dafür in den Dreck gezogen zu werden. Dazu kommt: Der Weinstein von vor zwei Wochen war weniger mächtig als noch vor ein paar Jahren - viele hatten zwar immer noch Angst vor ihm, aber es gab auch das Gefühl, er habe seinen Zenit überschritten."

Jodi Kantor

Wichtig sei ihr vor allem gewesen, dass es neben den Aussagen betroffener Frauen auch anderes belastendes Material gibt - Nachweise über Geld, das möglicherweise geflossen ist oder interne Memos aus der Firma.

"Die so genannte Besetzungscouch, die gibt es in Hollywood - hier mal ein Produzent, der einen anzüglichen Spruch macht, da ein Vorgesetzter, der eher nicht aus Versehen Brust oder Hintern begrapscht."

Jodi Kantor

"System Weinstein hat andere Dimension"

Aber das System Weinstein, so die Journalistin, habe völlig andere Dimensionen:

"Wir haben nachgewiesen, dass es ihm leicht gemacht wurde. Er hat Frauen in der Regel in Hotelzimmer gelockt unter den Vorzeichen eines Arbeitstreffens. Um ein Drehbuch zu besprechen oder die Strategie für die Oscar-Kampagne, zum Beispiel. Ihre Agentur hat ihr diesen Termin mitgeteilt - alles ganz offiziell. Und wenn er mit ihnen allein war, hat er sie bedrängt."

Jodi Kantor

Am Wochenende kommt die Oscar-Akademie zusammen, um zu besprechen, ob Weinstein ausgeschlossen werden soll. Der britische Filmverband BAFTA hat seine Mitgliedschaft wegen der Vorwürfe bereits ausgesetzt.

Das von Weinstein mitbegründete Filmstudio teilte mit, von den Vorfällen nichts gewusst zu haben. Die "New York Times" berichtet dagegen, dass der Vorstand bereits seit 2015 Kenntnis davon gehabt habe, dass Weinstein mehreren Frauen Geld gezahlt hatte, um sich ihr Schweigen zu erkaufen.


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EMGI, Freitag, 13.Oktober, 14:50 Uhr

1. Etwas schaler Nachgeschmack

Diese Verhältnisse in der Filmwirtschaft sind doch nichts Neues sondern seit langem bekannt. Der Begriff der "Besetzungscouch" geistert nun schon hinlänglich lange herum. Keine Frage: wenn Herr Weinstein eine der hoffnungsvollen Jungdarstellerinnen vergewaltigt haben sollte, dann ist er dafür hart zu bestrafen. Dann fragt sich aber auch, weswegen die Anzeige nicht sogleich erfolgte. Ansonsten: das war es offenbar damals den Damen um der Karriere willen wert. Da sagt ja offenbar keine, sie sei vergewaltigt worden sondern man habe sie "bedrängt". Wenn das ein nicht völlig anormales Vorgehen in der Filmwirtschaft ist, dann weiß frau worauf sie sich einlässt und muss sich entscheiden: Karriere oder eben auch nicht. Abwehrstrategie: nur noch bei weiblichen Produzenten anheuern. Was aber eben einen schalen Nachgeschmack hinterlässt: damals mitmachen und heute das Opfer sein wollen. Kommt aber gut, den man kann so schön darüber berichten.