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Einwohner der syrischen Stadt Madaya "Bitte rettet uns - wir sterben!"

Ausgemergelte Menschen, die Gras und Blätter essen, weil sonst nichts mehr da ist - die Lage in der syrischen Stadt Madaya ist mehr als dramatisch. Video-Material aus sozialen Medien dokumentiert das Leid der Menschen. Von Sabine Rossi.

Von: tagesschau.de

Stand: 06.01.2016

"Wir appellieren an die Vereinten Nationen und die gemeinnützigen Organisationen: Bitte tut euer Bestes, um uns zu helfen!", fleht eine Frau in die Kamera. Ein Mann bricht in Tränen aus, während er schildert, dass es weder Essen noch Wasser und Strom geben würde: "Menschen dieser Welt, bitte rettet uns - wir sterben!"

Die Stadt Madaya ist seit rund einem halben Jahr belagert. Zu den Bewohnern gelangen kaum noch Nahrungsmittel und Medizin. Auf Videos im Internet sind abgemagerte Männer, Frauen und Kinder zu sehen. Aktivisten geben an, dass bereits 15 Einwohner verhungert sind. Madaya wird von der Armee des Regimes belagert. Aber es ist nicht der einzige Ort in Syrien. Hunger ist zu einer Waffe geworden, die beide Seiten einsetzen.

"Wir essen Blätter"

Im Internet kursieren Bilder: Ausgemergelte Gesichter sind darauf zu sehen, alte Männer und Jungen, über deren Rippen die Haut spannt, an ihren Armen sind keine Muskeln mehr, nur noch Knochen. "Seit mehr als einem Monat haben wir nichts, keinen Reis und kein Essen", sagt ein Bewohner von Madaya. "Wir essen Blätter. Ich bin von einem Baum gefallen, als ich Brennstoff holen wollte. Jetzt sind meine Rippen gebrochen."

In Madaya, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Libanon, und im benachbarten Zabadani haben Kämpfer das Sagen, Gegner des Regimes von Präsident Baschar al-Assad. Seit mehr als einem halben Jahr ist Madaya deshalb belagert und so gut wie von der Außenwelt abgeschlossen. Der Weg aus der Stadt ist auf der einen Seite vermint und von Scharfschützen versperrt, auf der anderen Seite kontrolliert die syrische Armee die Straßen und mit ihr verbündete Kämpfer der Hisbollah.

Ein Kilogramm Reis kostet 30 Euro

Lebensmittel und Medikamente gelangen nicht mehr nach Madaya - oder kaum noch. Auf dem Schwarzmarkt sind die Preise ins Unermessliche gestiegen. Ein Kilogramm Zucker oder Reis soll mehr als 30 Euro kosten. Ein Foto im Internet, das angeblich aus Madaya stammt, zeigt ein Auto. Hinter dessen Windschutzscheibe liegt ein Zettel. "Tausche den Wagen gegen zehn Kilo Reis oder fünf Kilo Babymilchpulver", steht darauf. Viele Mütter sollen so unternährt sein, dass sie ihre Kinder nicht stillen können. Aktivisten geben an, dass bereits 15 Einwohner verhungert sind.

"Ich richte meinen Appell an die Welt, an die Menschheit, an die Moslems, an die Araber", sagt ein führender Regimegegner in Madaya dem arabischen Fernsehsender Al-Jazeera. "Seht euch unsere Lage an! Wo bleibt ihr? Rettet uns! Unsere Kinder, Frauen und Männer verhungern!"

Letzte Hilfslieferungen im Oktober

Im Oktober war es dem Internationalen Roten Kreuz und seiner Partnerorganisation, dem Roten Halbmond, zuletzt möglich, Essen und Medikamente nach Madaya zu bringen. Den Hunger in den Augen der Menschen habe er bereits da gesehen, sagt Pawel Krzysiek von Internationalen Roten Kreuz in Damaskus im Gespräch mit dem ARD-Studio Kairo.

Zivilisten in den Dörfern als Faustpfand

Madaya ist jedoch nicht die einzige Stadt in Syrien, deren Bewohner abgeschottet und ausgehungert werden. Sowohl das Regime als auch seine Gegner setzen den Hunger als Waffe ein. Im Nordwesten Syriens, in der Provinz Idlib, belagern Assad Gegner zwei Dörfer, die überwiegend von Regimeanhängern bewohnt werden. Für beide Seiten sind die Zivilisten in diesen Dörfern ein Faustpfand. Vor gut einer Woche tauschten sie einige Hundert verletzte Kämpfer und ihre Familie aus. Das Rote Kreuz war an den Transporten beteiligt. Lebensmittel und Medizin durften die Helfer dabei aber nicht in den Ort bringen.

"Der Austausch beruht auf einer Vereinbarung, die beide Seiten getroffen haben", sagt Pawel Krzysiek. "Weder das Rote Kreuz noch der Rote Halbmond waren in die Verhandlungen eingebunden. Alles, was wir tun, ist mit den Konfliktparteien abgestimmt. Wir können nicht mehr machen, als sie uns erlauben."

Vier Millionen Syrer leben in schwer erreichbaren Gegenden

Oft dauere es lange, bis das Rote Kreuz die entsprechenden Genehmigungen erhält und sowohl das Regime als auch seine Gegner einwilligen, dass Mehl und Reis zu den hungernden Menschen gelangen. Krzysiek schätzt, dass etwa vier Millionen Syrer in Gegenden leben, die nicht oder nur schwer zu erreichen sind. Sie warteten jeden Tag darauf, dass endlich Hilfe kommt.

Bundesregierung fordert Zugang

Die Bundesregierung hat unterdessen von den Konfliktparteien in Syrien gefordert, Hilfsorganisationen in die belagerte Stadt Madaja zu lassen. Der Menschenrechtsbeautragte Christoph Strässer (SPD) äußerte in Berlin "größte Sorge" über die Lage der Zivilbevölkerung. Zugleich appellierte er an Länder wie Russland und den Iran, sich bei Machthaber Baschar al-Assad dafür einzusetzen, dass "humanitärer Zugang" gewährleistet werden kann.

Syrische Regierung will Hilfstransporte durchlassen

Die syrische Regierung hat angekündigt, humanitäre Hilfe in drei belagerte Orte durchzulassen. Unter anderem sollten Lieferungen in das Dorf Madaja nahe der Grenze zum Libanon gebracht werden, das die Regierungstruppen seit Juli umstellt haben, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfen in Syrien . Gleichzeitig solle auch Hilfe in die Schiitendörfer Fua und Kfarja im Norden des Landes gelangen, die von Rebellen belagert werden. Die Lieferungen sollten in den kommenden Tagen starten


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