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Tarifverhandlungen der Metaller Weniger arbeiten, mehr Zeit für Familie

In der Metall- und Elektroindustrie beginnen die Tarifverhandlungen. Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Lohn. Vielen Arbeitnehmern ist aber wichtiger, dass die Gewerkschaft auch für eine 28-Stunden-Woche streitet. Die Arbeitgeber halten davon wenig.

Von: Jenni Rieger für tagesschau.de

Stand: 15.11.2017

Mitglieder der IG Metall im Februar 2015 bei einem Warnstreik vor dem Werkstor der Neptun-Werft in Rostock. | Bild: picture-alliance/dpa

Mustafa Kalay arbeitete noch nicht lange als Mechatroniker in Stuttgart, als der letzte große Arbeitszeitkampf der IG Metall scheiterte. Im Jahr 2013 war das. Mit wochenlangen Streiks hatte die Gewerkschaft damals versucht, die 35-Stunden-Woche auch in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie durchzusetzen. Vergeblich. Nun steht der nächste große Tarifstreit an. Und diesmal ist Mustafa Kalay mittendrin. Die Gewerkschaft fordert sechs Prozent mehr Lohn. Aber Kalay geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um Zeit. Seine Zeit.

"Arbeiten kann ich noch bis 67 oder länger, aber meine Kinder wachsen jetzt auf, und deshalb möchte ich jetzt mit ihnen mehr Zeit verbringen, mehr erleben, mehr mitbekommen, was sie den ganzen Tag machen."

Mustafa Kalay

28-Stunden-Woche mit teilweisem Lohnausgleich

Kalays Tochter ist drei Jahre alt. Demnächst erwartet die junge Familie weiteren Nachwuchs. Kalay hätte deshalb gerne mehr Zeit für seine Familie. Damit deckt sich sein Wunsch mit der zweiten zentralen Forderung der IG Metall bei diesem Tarifstreit. Die Gewerkschaft fordert ein Recht auf eine 28-Stunden-Woche mit teilweisem Lohnausgleich.

"Ich denke, es ist okay, wenn ich jetzt ein bisschen weniger arbeite und dafür mehr bei meiner Familie bin. Für mich ist es wichtig, dass ich über meine Arbeitszeit entscheiden darf und auch das Recht dazu habe."

Mustafa Kalay

Zeit als höchstes Gut der Arbeitnehmer

Mit seiner Einstellung steht Kalay exemplarisch für eine Entwicklung, die Arbeitsforscher schon lange zu beobachten meinen. Offenbar ist nicht mehr Geld das höchste Gut vieler Arbeitnehmer, sondern Zeit. Weniger Maloche, mehr Selbstverwirklichung - "Work Life Balance" eben. Was bislang nur Selbständigen und Angestellten hipper Start-ups der Generation Z vorbehalten schien, soll jetzt auch in der Industrie angekommen sein.

Soll. Beispielsweise bei der Firma Stihl, Weltmarktführer für Kettensägen aus Waiblingen bei Stuttgart und Arbeitgeber von fast 15.000 Mitarbeitern weltweit, hat man andere Erfahrungen gemacht. Personalvorstand Michael Prochaska sagt: "Bei uns wollen viele nicht weniger, sondern eher mehr arbeiten. Junge Ingenieure, die sich bei uns bewerben, bestehen auf einer 40-Stunden-Woche. An 35 haben sie oft kein Interesse." Wer in einer Phase seines Lebens - warum auch immer - kürzer treten wolle, der beantrage Teilzeit. "Das hat bisher gut funktioniert", so Prochaska.

Streitpunkt Lohnausgleich

Die Forderungen der IG Metall sieht man in der Firma Stihl kritisch. Flexibilität bei den Arbeitszeiten sei durchaus wünschenswert, so Prochaska, aber dann doch bitte in beide Richtungen - nach oben und unten. Ansonsten stünden der Industrie schwere Zeiten bevor. Vor allem, wenn es tatsächlich zu dem von der IG Metall geforderten Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung käme.

"Da möchte ich ehrlich gesagt gar nicht dran denken", so Prochaska. "Wenn so etwas viele unserer Mitarbeiter in Anspruch nähmen, dann würde uns das sehr treffen." Seine Firma investiere viel in neue Technologien. "Wir brauchen Elektroingenieure und ITler. Und gerade hier im Raum Stuttgart herrscht ein unheimlicher Wettbewerb, alle suchen Fachkräfte. Wenn wir die nicht mehr kriegen, dann bedeutet das in der Konsequenz, dass immer mehr Arbeit aus Deutschland abwandert."

Denn wenn viele Arbeitnehmer weniger arbeiten wollen, braucht es mehr Personal. Und das ist schon heute oft schwer zu finden.

Fachkräftemangel als Druckmittel

Tatsächlich sollen in Deutschland bis zum Jahr 2030 drei Millionen Fachkräfte fehlen. Das hat das Forschungsinstitut Prognos errechnet. In der Rechnung geht es nicht nur um Ärzte und Pfleger, sondern auch um Ingenieure. Das ist ein Ausblick, der Arbeitgeber mit Sorge erfüllt und der der Gewerkschaft neues Selbstbewusstsein gibt. Denn je begehrter die Fachkräfte sind - so scheint es - desto selbstbewusster können sie auftreten. Die Forderung "Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitigem Lohnausgleich" schien vor einigen Jahren vielleicht noch unvorstellbar. Heute wird sie selbstbewusst vorgetragen.

"Es gibt zwei Gruppen, für die wollen wir einen Zuschuss organisieren, so dass zumindest ein Teil ausgeglichen wird," sagt Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden Württemberg. "Das sind einmal die Beschäftigten, die eine Auszeit machen, um jemanden zu pflegen oder ein Kind zu erziehen, und dann für die Beschäftigten, die in besonders belastenden Arbeitszeitmodellen wie beispielweise in der Schichtarbeit sind."

Recht auf Freizeit

Zu der ersten Gruppe würde Kalay gehören - der Familienvater, der mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen will. Exemplarisch für die zweite Gruppe steht Uwe Schenkel. Er ist seit 30 Jahren Schichtarbeiter. Und er ist nicht gewillt, in diesem Arbeitsmodell weiter hundert Prozent zu geben. "Ich steck das alles einfach nicht mehr so gut weg wie früher" sagt Schenkel. "Die Schichten, die Nachtarbeit. Ich bin jetzt 51 und will so nicht weitermachen."

Die 28-Stunden-Woche würde für ihn bedeuten, mehr Zeit für sein Hobby, das Motorradfahren, zu haben. Er hätte mehr Nachmittage, an denen er in seiner Garage schraubt, mehr Wochenenden, an denen es mit dem Motorrad auf die Straße geht - einfach mehr Zeit. Und wenn es nach der IG Metall ginge, hätte er gleichzeitig nicht viel weniger Geld.

Und wenn das nicht klappt? "Diese Tarifrunde wird sicher kein Spaziergang", so IG-Metall-Bezirksleiter Zitzelsberger. "Denn schließlich geht es um mehr als nur um Geld." Die Entgelt-Tarifverträge in der Metallbranche laufen zum 31. Dezember aus. Sollte bis dahin keine Einigung erzielt worden sein, drohen Streiks.


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