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60 Jahre Presserat "Die Arbeit geht uns nicht aus"

Der Deutsche Presserat kontrolliert seit 60 Jahren die Presse - oft in Form einer Rüge. Doch durch die neuen Medien wird die Arbeit immer mehr und komplexer. Gleichzeitig muss sich der Rat aber auch zunehmend selbst der Kritik stellen.

Von: Alexander Steininger für tagesschau.de

Stand: 01.12.2016

Zeitungsstapel | Bild: colourbox.com

Nach dem Absturz des Germanwings-Airbus im März 2015 kommt ein Foto in Umlauf. Es zeigt angeblich den verantwortlichen Co-Piloten, der den A320 an einer Bergwand zerschellen ließ. Zeitungen drucken das Bild. Später stellt heraus: Der Mann auf dem Foto ist jemand anderes. Aber da belagern Journalisten schon die ahnungslose Freundin des verwechselten Mannes. Doch damit nicht genug: In der Folge druckte eine Boulevardzeitung Fotos der Todesopfer ab; besorgt hatte sie sich die Bilder offenbar auf Facebook, ohne das Einverständnis der Hinterbliebenen einzuholen.

Nach solcher Berichterstattung hagelt es meist Kritik - und Eingaben beim Deutschen Presserat. Allein nach dem Germanwings-Absturz gingen 430 Beschwerden ein, mehrfach rügte der Rat Verstöße gegen den Opferschutz.

"Keine Interviews mit Geiselnehmern"

Auch andere spektakuläre Fälle haben den Presserat in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt. Im September 1988 interviewten Reporter die Geiselnehmer von Gladbeck, Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner, während sie Menschen in ihrer Gewalt hatten; ein Journalist stieg sogar zu den bewaffneten Kriminellen und ihren Geiseln ins Auto. Damals stellte der Presserat nüchtern fest, dass es "keine Interviews mit Geiselnehmern während ihres Verbrechens" geben dürfe.

Ein weiteres Beispiel: 2012 veröffentlichte eine Satirezeitschrift eine Foto von Papst Benedikt mit einem (digital eingefügten) Urinfleck auf der Soutane - die Darstellung sei entwürdigend und ehrverletzend, stellt der Presserat fest und sprach eine Rüge aus.

Zahnloser Tiger?

Diese Rügen erfolgen auf Grundlage des Pressekodex, der Regeln für die tägliche Arbeit von Journalisten enthält. Dabei geht es etwa um Persönlichkeitsschutz, Trennung von Werbung und Redaktion oder den Schutz vor Diskriminierung. Die Rüge ist die schärfste Waffe, die der Presserat hat - wirkliche Konsequenzen hat sie jedoch nicht. Fast alle Medienhäuser haben sich verpflichtet, Rügen in den betreffenden Medien auch zu veröffentlichen. Doch tun sie es nicht, hat das Gremium keine Sanktionsmöglichkeit. Kritiker bemängeln daher, dem Selbstkontrollorgan der Medienbranche fehle der Biss.

Als "zahnlosen Tiger" sehen Medienwissenschaftler wie Horst Pöttker das Gremium aber nicht: "Zwangssanktionen, wie Bußgelder, sind nicht angebracht, dafür haben wir Gerichte", so Pöttker im Gespräch mit tagesschau.de. Dennoch fordert er vom Presserat, sich mehr in die öffentliche Diskussion einzuschalten und transparenter zu werden. Um seinen Urteilen mehr Gewicht zu verleihen, sollten die Beschwerdeausschüsse öffentlich tagen und auch Publikumsvertreter (und nicht nur Verleger und Journalisten) in ihre Reihen aufnehmen. "So würde der Rat mehr als gesellschaftliches Organ und nicht als reine Selbstkontrolle der Medienwelt wahrgenommen", so Pöttker.

Beschwerden auf Rekordniveau

Zumindest was die Zahl der Beschwerden angeht, kann sich der Presserat offenbar nicht über fehlende Bekanntheit beklagen: Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Beschwerden einen Höchststand: 2358 Eingebungen erreichten die Zentrale in Berlin. Insgesamt sprach das Gremium 35 Rügen aus. 2016 dürften die Zahlen zwar etwas niedriger liegen - bislang gingen 1590 Beschwerden ein und es wurden 22 Rügen ausgesprochen (Stand: 1. Dezember 2016). Dennoch: "Die Arbeit geht uns nicht aus", sagt Geschäftsführer Lutz Tillmanns.

"Bild" Spitzenreiter bei Rügen

Trauriger Spitzenreiter bei den Ermahnungen ist seit Jahrzehnten die "Bild"-Zeitung. Sie vereint fast ein Viertel alle jemals ausgesprochenen Rügen auf sich. Und nicht nur das: Teilweise startet die Zeitung regelrechte Kampagnen gegen den Presserat. 2014 druckte "Bild" das Foto eines minderjährigen Straftäters ab. Der Presserat monierte dies vor allem mit Verweis auf Jugendschutz. Die Zeitung forderte ihre Leser daraufhin auf, beim Presserat anzurufen und gegen die Entscheidung zu protestieren - was auch Hunderte Menschen taten.

Hohe Zahl an Beschwerden

Doch nicht nur die Zahl der Beschwerden steigt. "Die Arbeit des Presserats ist komplexer geworden, weil die journalistische Arbeit komplexer geworden ist", sagt Tillmanns. "Sie ist schneller geworden durch das Internet." Allerdings schlage sich in den Beschwerden auch zunehmend pauschale Unzufriedenheit mit "den Medien" nieder. Viele Zuschriften, die den Presserat erreichen, seien sehr aggressiv.

Nationalität von Straftätern nennen?

Die Grundlage für Beschwerden und Rügen ist der Pressekodex, der 1973 erlassen wurde. Seitdem wurde er mehrmals überarbeitet. Derzeit gibt es Diskussionen über Richtlinie 12.1 des Kodex - die Nennung der Nationalität von Straftätern. Dort heißt es:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Doch seit den massenhaften Übergriffen - vor allem arabischer Männer - in der Silvesternacht, dringen mehrere Tageszeitungen und Medienhäuser auf eine Lockerung, unter anderem weil ihre Leser diese Informationen inzwischen auch über andere Quellen erfahren können. Einige Journalisten monieren, selbst die Polizei würde solche Details zum Teil herausgeben. Auch Medienwissenschaftler Pöttker findet dies legitim. Die Gefahr, dass dadurch Minderheiten diskriminiert oder stigmatisiert werden könnten, sieht er nicht: "Wir müssen von einem mündigen Publikum ausgehen, das die Wahrheit verstehen und einordnen kann".

Zwar hat der Presserat solchen Forderungen eine Absage erteilt. Dennoch zwingen veränderte Medienformen und neue gesellschaftliche Realitäten das Organ, seine Arbeit an künftige Herausforderungen anzupassen. Ein wichtiges Thema sind die sozialen Netzwerke. "Die Betreiber der sozialen Medien müssen auch in den Bereich der Verlegerselbstkontrolle einbezogen werden", fordert Pöttker. Tillmanns plädiert zudem dafür, den Geltungsbereich des Pressekodex von Printmedien und deren Onlineauftritten auf "alle journalistisch-redaktionellen Angebote von Telemedien und auch auf den Rundfunk" auszuweiten.

Eins bleibt für ihn jedoch auch nach 60 Jahren eine wichtige Maxime des Presserats: Man wolle Journalisten Hilfestellung liefern, etwa durch Leitfäden und Empfehlungen. Deshalb, so Tillmanns, bleibe "nicht Schnelligkeit oberstes Ziel, sondern Nachhaltigkeit".

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