5

Tagesmutter Vertrauen ist gut, Kontrolle besser

Eine Münchner Tagesmutter sitzt in Untersuchungshaft. Sie soll ein zehn Monate altes Baby so heftig geschüttelt haben, dass es mit Hirnblutungen ins Krankenhaus musste. Danach betreute die Frau wochenlang noch andere Kinder, bis sie schließlich verhaftet wurde. Für die Stadt ein Einzelfall, aber stimmt das wirklich? Und werden Tagesmütter ausreichend kontrolliert? Kontrovers auf Spurensuche.

Von: Beate Greindl

Stand: 01.02.2017

Mitte September 2016 in München: Es ist Mittag, Schlafenszeit, ein 10 Monate altes Baby wird geschüttelt. Die mutmaßliche Täterin: die Tagesmutter Angelika S.. Sie wurde jahrelang vom Münchner Jugendamt an Eltern vermittelt, die einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind suchten.

Pressekonferenz von Polizei und Stadt München

Als der Fall bekannt wird, gibt es auf der Pressekonferenz von Polizei und Stadt München viele Fragen - vor allem an die Sprecherin des Jugendamts, Hedwig Thomalla. Doch auf die Fragen, wie außergewöhnlich dieser Fall sei, und ob so etwas schon mal vorgekommen sei, heißt es nur: "Mir ist kein derartiger Fall bekannt."

Nicht der erste Fall in München

Dabei hat sich bereits vor acht Jahren etwas ganz ähnliches schon einmal in München abgespielt. Nathalie Karl hat dabei ihr Kind verloren. Die Tagesmutter, empfohlen vom Jugendamt, hatte ihren Sohn damals totgeschüttelt.

"Sie war überfordert, weil sie ihn nicht zum Schlaf bringen konnte, hat ihn geschüttelt, hat ihn zunächst einmal schlafen gelegt und dann festgestellt, nach einer Weile, dass sie ihm geschadet hat."

Nathalie Karl

Der Grabstein des kleinen Christopher, der an einem Schütteltrauma starb.

Der kleine Christopher starb mit 14 Monaten an den Folgen des Schütteltraumas. Seine Geburtstage verbringt die Mutter immer am Münchner Ostfriedhof. Der aktuelle Fall schockiert sie. Es sei unfassbar, das so etwas wieder passieren konnte, sagt sie.

Die Tagesmutter war schon früher gewalttätig.

Besonders unverständlich am neuen Fall: Die Tagesmutter war schon früher gewalttätig. Sie hat ein einjähriges Kind heftig geschlagen. Mit der Zahlung einer Geldauflage entgeht sie aber einem offiziellen Urteil.
Wir fragen nach beim Jugendamt. Warum durfte Angelika S. trotzdem weiter als Tagesmutter arbeiten? Warum wurde die Pflegeerlaubnis verlängert? Über den Vorfall war das Amt informiert.

"Aus den Akten wie wir sie einsehen können, ergibt sich, dass man damals zu dem Schluss gekommen ist, dass die rechtliche Basis nicht gegeben ist, um die Pflegeerlaubnis zu entziehen."

Hedwig Thomalla, Pressesprecherin Sozialreferat

Frauenhände mit rotlackierten Fingernägeln in Handschellen | Bild: picture-alliance/dpa/Romain Fellens zum Artikel Münchner Tagesmutter verhaftet Säugling geschüttelt und schwer verletzt

Eine Münchner Tagesmutter sitzt wegen versuchten Totschlags eines Säuglings in Untersuchungshaft. Die 53 Jahre alte Frau habe den Ermittlungen zufolge den knapp zehn Monate alten Buben so geschüttelt, dass er eine schwere Hirnblutung erlitt. Von Lena Deutsch und Ute Rauscher [mehr]

Es stellen sich noch mehr Fragen: Am 19. Sept 2016 schüttelt Angelika S. mutmaßlich den kleinen Lukas in ihrer Wohnung. Das verletzte Kind kommt mit starken Gehirnblutungen auf die Intensivstation. Es wird für immer behindert bleiben. Nur kurze Zeit muss die Tagesmutter aussetzen, dann lässt das Jugendamt sie wieder Kinder betreuen, angeblich mit Einverständnis aller Eltern. Auch ein Baby ist dabei. Eine zweite Betreuerin schickt das Amt zur Sicherheit mit.
Aam 18. Oktober stellt die Behörde dann Strafanzeige - gegen unbekannt. Ganze drei Monate lang betreut Angelika S. noch Kleinkinder, während Lukas um sein Leben ringt. Erst am 18. Januar wird sie verhaftet.

Trotz ihrer Vorgeschichte genießt die Tagesmutter im Jugendamt einen exzellenten Ruf. Seit 1994 betreut sie Kinder. Das große Vertrauen der Behörde gegenüber ihren Tagesmüttern ist erstaunlich. Immerhin ist bereits ein Kind gestorben, ein anderes wurde schwer verletzt.

Kinder mit Psychopharmaka ruhig gestellt

Diese Tagesmutter stellte ihre Kinder mit Psychopharmaka ruhig

Doch es gab sogar noch einen Fall, der in München für Schlagzeilen sorgte: Eine Tagesmutter stellt ihre Kinder mit Psychopharmaka ruhig. 25 Kinder hat sie betreut, viele von ihnen leiden unter psychischen und körperlichen Folgen. Durch unangemeldete Kontrollbesuche hätte man die Tagesmutter wohl schneller überführen können.

Unangemeldete Kontrollen bei Tagesmüttern

"Das Jugendamt und die Mitarbeiter in den Sozialbürgerhäusern setzen letztendlich darauf, dass sich ein Vertrauensverhältnis herausbildet zwischen der betreffenden Tagesmutter und Mitarbeitern in den Sozialbürgerhäusern und setzt deshalb auf angemeldete Hausbesuche."

Hedwig Thomalla, Pressesprecherin Sozialreferat

Ute Richnowski kann das nicht begreifen. Seit vielen Jahren arbeitet sie selber als Tagesmutter und kennt sich in der Branche sehr gut aus.

"Ich wär sofort dafür, wenn die unangemeldet kommen. Warum? Ich hab nichts zu verbergen. Jetzt kommen die zweimal im Jahr, melden sich an, dann kann man alles, machen, was sonst nicht ok ist, zack, zack machen. Sie wissen ja, dass die kommen, dann wird gewienert und geputzt und alles umgestellt."

Ute Richnowski, Tagesmutter

Laut bayerischem Kinderbetreuungsgesetz müssen Tagesmütter, die staatliche Förderung erhalten, unangemeldete Hausbesuche akzeptieren. Doch umgesetzt wird das nicht. Wie viele andere Eltern hat Nathalie Karl das nicht gewusst. Sie ging davon aus, dass die Behörden genauer hinsehen – zum Schutz der Kinder.

"Man verlässt sich auf den Namen Stadtjugendamt. Das ist eine große Behörde, der man ein gewisses Mass an Kompetenz zutraut."

Nathalie Karl

Wie werden Tagesmütter zugelassen?

Grundsätzlich kann sich jeder zur Tagesmutter ausbilden lassen, egal welchen Beruf er oder sie vorher ausgeübt hat. In der Regel müssen dafür spezifische Fortbildungskurse von mindestens 160 Unterrichtsstunden belegt werden. Zusätzlich ist seit 2005 eine Pflegeerlaubnis vom Jugendamt Pflicht. Diese offizielle Zulassung braucht jede Tagesmutter, die fremde Kinder länger als drei Monate und mehr als 15 Stunden wöchentlich betreuen will. Pflichtnachweise für die angehende Tagesmutter sind ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Gesundheitsbescheinigung. Dazu zählt auch ein Erste-Hilfe-Kurs für Babys. Dieser wird unter anderem. von Hilfsorganisationen und Krankenkassen angeboten.
Welche Kriterien außerdem für die Pflegeerlaubnis erfüllt werden müssen, legt das zuständige Jugendamt fest. Sie können von Stadt zu Stadt verschieden sein. Die Pflegeerlaubnis wird auf fünf Jahre erteilt.


5