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Tabuthema Totgeburt Von der Wichtigkeit, Abschied zu nehmen

Jede fünfte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Wenn das Kind zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 500 Gramm wiegt, spricht man von Totgeburt. Ein Albtraum für die Eltern. Und ein Tabuthema, über das kaum gesprochen wird.

Von: Berit Breitsamer

Stand: 20.04.2017

Ein Grab auf dem Ostfriedhof in München. Bunte Steine, ein Herz mit wehenden Bändern. Astrid Gosch-Hagenkord kommt regelmäßig hierher. "Liva Hagenkord" steht auf dem kleinen Stein, "gestorben am 14.2.2006, geboren am 16.2.2006." Heute hat Astrid Gosch-Hagenkord eine Rose dabei.

"Es war zuerst zuhause, dass ich keine Kindsbewegungen mehr gespürt habe. Ich war mir am Anfang natürlich unsicher. Es war meine erste Geburt."

Astrid Gosch-Hagenkord

Keine Herztöne

Ein Wunschkind. Astrid Gosch-Hagenkord wartet noch eine Nacht, ist sich dann sicher, dass etwas nicht stimmt. Als ihre Hebamme keine Herztöne findet, fährt Astrid Gosch-Hagenkord in die Klinik.

"Natürlich hat man immer noch Hoffnung. Aber auf dem Ultraschallbild hat man dann gesehen, da wo das Herz hätte schlagen sollen, war nur ein schwarzes Loch."

Astrid Gosch-Hagenkord

Zwei Tage noch bis zum errechneten Geburtstermin. Sie versucht, ihren Mann anzurufen.

"An dem Tag war er noch unterwegs und hat mir so eine CD mit Mozart für Babies besorgt. Da war nur noch Fassungslosigkeit. Man kann sich's einfach nicht vorstellen, grad wenn man neun Monate drauf hingefiebert hat."

Astrid Gosch-Hagenkord

Zeit zum Abschiednehmen

Die Inschrift auf dem Grabstein verwirrt im ersten Moment: Erst zwei Tage nach dem Todesdatum das Geburtsdatum. Aber so war es eben. Und was für Astrid Gosch-Hagenkorn wichtig war, wünscht sie allen Eltern in dieser Situation: Zeit bekommen, wenn es medizinisch möglich ist. Denn natürlich kann es auch riskant sein, das tote Kind zu lange im Bauch zu behalten. Aber dieses "eine Nacht drüber schlafen können" – das ist wichtig.

"Das erst einmal ein Stück weit zu begreifen, um dann auch zu der Überlegung zu kommen, wie soll die Geburt stattfinden, wer soll dabei sein, wie möchte ich das machen. Auch bei mir war dieser Tag wichtig - es klingt jetzt brutal, ich hab dann wirklich das tote Baby in meinem Bauch gespürt, und es war dann wirklich ganz klar: es muss jetzt raus."

Astrid Gosch-Hagenkord

Kraftakt für die Mütter

Etwa jedes fünfte Kind stirbt vor der Geburt, viele in den ersten Wochen. Es redet nur keiner drüber. Ab 500 Gramm Geburtsgewicht spricht man nicht mehr von einer Fehlgeburt, sondern einer Totgeburt. Und wenn das Baby schon größer ist, muss es geboren werden wie jedes lebende auch. Ein Kraftakt für die Mutter, der aber wichtig ist, um trauern zu können. So war es auch bei Astrid Gosch-Hagenkord.

"Als sie dann da war, war trotzdem erstmal Freude da, das war sehr eigenartig, weil die Endorphine trotzdem gewirkt haben."

Astrid Gosch-Hagenkord

Sie hat Angst, ihre Tochter zu sehen. Doch die sieht einfach aus wie ein schlafendes Baby. Nur eben - kein erster Schrei. Eine stille Geburt.

"Der Gedanke war, komm, jetzt einfach nur den Mund aufmachen, irgendwie ein Geräusch geben. Das kommt einem doch sehr unwirklich vor. Da sind die Hebammen dann auch raus und ich hatte sie dann eben im Arm und wir hatten dann Gott sei dank lange Zeit für uns."

Astrid Gosch-Hagenkord

Ein Moment, der nie wieder kommt

Abschied nehmen. Diesen Moment nutzen. Denn er kommt nicht wieder.

"Viele Eltern haben die Erfahrung gemacht, wenn sie dieses Kind sich nicht angeguckt haben, dass das ihr Leben ein Loch bleibt und eine Wunde, die nicht verheilen will, weil das fehlt."

Astrid Gosch-Hagenkord

Sie hat die wenigen Erinnerungen an ihre tote Tochter aufgehoben.  Sie zeigt uns die kleine bunte Kiste. Und so wie ihr tun die Erinnerungen vielen Eltern gut. Ein Foto, eine Haarlocke, die Geburts- und Sterbekarte.

Elf Jahre ist das alles her. Astrid Gosch-Hagenkord hat noch ein gesundes Kind bekommen. Und sie hat sich zur Geburts- und Trauerbegleiterin ausbilden lassen. Um anderen Eltern zu helfen, denen es geht wie ihr.


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