28

Belastete Styropor-Platten Das giftige Erbe des Dämmstoff-Booms

Jahrzehntelang wurden Häuser mit Polystyrolplatten wärmegedämmt. Die sind hochbrennbar und wurden deshalb mit einem Flammschutz behandelt. Der aber ist giftig und muss seit 30. September als Sondermüll entsorgt werden - mit weitreichenden Konsequenzen für Baubranche, Kommunen und Bauherren.

Von: Michael Zametzer

Stand: 06.10.2016

Dämmplatten mit HBCD dürfen nicht mehr ohne weiteres in die Müllverbrennung

Aus dem Kunststoff Polystyrol lässt sich viel machen - zum Beispiel das bekannte Styropor, als Verpackungsmaterial oder zur Wärmedämmung von Gebäuden. Weil Styropor gut brennt, wurden die Dämmplatten jahrzehntelang mit einem Flammschutzmittel behandelt: HBCD - Hexabromcyclododecan. Am Haus verbaut ist der Stoff nicht giftig. Landen die Platten aber auf der Mülldeponie, kann der das HBCD ins Grundwasser und so in den Nahrungskreislauf kommen und zum Beispiel die Entwicklung von Embryonen und Säuglingen schädigen.

Deshalb ist HBCD seit 2014 weltweit verboten. Und noch mehr: Seit 30. September gelten Styropor-Dämmstoffe, die mit HBCD behandelt sind, als Sondermüll.

"Es ist ein Grundübel der deutschen Wirtschaft, dass man bei der Produktion dieser Materialien nie an das Ende, an die Entsorgung denkt."

Helmut Schmidt, Abfallwirtschaftsbetrieb München

An der Fassade nicht schädlich, als Müll schon - HBCD-Dämmplatten

Und bisher war auch die Entsorgung alter Dämmplatten kein Problem: Sie wurden einfach im Müllkraftwerk verbrannt. Schließlich ist Styropor ein Erdöl-Produkt und hat einen hervorragenden Brennwert.

Jetzt gelten die aber als Sondermüll und dürfen ohne eine spezielle Zertifizierung nicht mehr verbrannt werden. Zwei Drittel der bayerischen Müllverbrennungsanlagen nehmen die belasteten Platten nicht mehr an. Dazu gehören auch die Anlagen der Stadt München. Für Helmut Schmidt, Werksleiter des Münchner Abfallwirtschaftsbetriebs,

"Ich haben bei meinen Kunden einen Preis abgegeben und muss meine Kunden jetzt mit einem neuen Preis konfrontieren."

Kay Preissinger, Dachdeckermeister

Besonders auf großen Flachdächern wurde viel HBCD-belastetes Dämmaterial verbaut

Auch Dachdeckermeister Kay Preissinger aus Nürnberg hat immer wieder mit den giftigen Hinterlassenschaften der Vergangenheit zu kämpfen. Besonders problematisch sei die Entsorgung von Dämmmaterial aus Gewerbebetrieben und Fabrikhallen, die über große Flachdächer verfügen. Dort wurden Dämmplatten auf einer großen Fläche verbaut.

Preißinger, der auch Vorstand der Landesinnung des Dachdeckerhandwerks ist, sieht auch die Produzenten der Dämmstoffe in der Pflicht. Schließlich haben die die Platten Jahrzehntelang auf den Markt gebracht - und kräftig verdient.

"Wir fühlen uns, wie schon öfter - auf bayerisch gesagt - von der Industrie richtig verarscht, weil wir jetzt wieder mit irgendwelchen Giften konfrontiert werden. Das haben wir beim Asbest durchgemacht, das haben wir bei den Mineralfasern gehabt, und jetzt beim HBCD."

Kay Preissinger, Dachdeckermeister

HDCD-Dämmplatten dürfen nicht mehr auf Deponien entsorgt werden. Der Giftstoff ist wasserlöslich und kann ins Grundwasser gelangen.

Die Konsequenz aus dem Entsorgungsengpass: Die Preise steigen. Werksleiter Helmut Schmidt sagt, es gäbe mittlerweile Preise von 5000 Euro pro Tonne der HBCD-behandelten Dämmplatten. Ein Unternehmen habe sogar 15.000 Euro pro Tonne in den Raum gestellt. Bis eine Lösung gefunden ist, muss das Material irgendwo gelagert werden. Das Problem: Die alten Dämmstoffplatten haben ein großes Volumen. Das macht den Lagerraum teuer.

"Die Betreiber der Anlagen müssen nachrüsten. Das wird aber so schnell nicht gehen. Also brauchen wir eine Zwischenlagermöglichkeit. Beim Kunden im Garten können wir es nicht liegen lassen."

Kay Preissinger, Dackdeckermeister

Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat in einer Stellungnahme, die dem Bayerischen Rundfunk vorliegt, darauf verwiesen, dass die Voraussetzungen zur Verbrennung von HBCDD-haltigen Abfällen für eine Reihe von Anlagen erfüllt seien:

"In Bayern gibt es derzeit 14 Müllverbrennungsanlagen, die technisch in der Lage sind, HBCDD-haltige Abfälle sicher zu entsorgen. Nach unserem Kenntnisstand sind alle bayerischen Müllverbrennungsanlagen ohne Änderung der jeweiligen Anlagenzulassungsgenehmigung rechtlich in der Lage, HBCDD-haltige Abfälle anzunehmen. Grundsätzlich obliegt die Entsorgung dem freien Markt."

Bayerisches Landesamt für Umwelt

Nur scheint der freie Markt mit dem erhöhten Müllaufkommen nicht zurecht zu kommen.

Das Bayerische Umweltministerium, so heißt es aus dem Landesamt weiter, stehe allerdings mit Behörden, Entsorgungsunternehmen und Verbänden derzeit in engem Kontakt und diskutiere Vorschläge zur Verbesserung der Situation.


28

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Hadschi Halef Omar ben Hadschi etc. etc. etc., Freitag, 07.Oktober, 19:50 Uhr

14. naive Frage:

warum lässt man nicht einfach ein Gewächs an den Wänden hinauf wachsen?
Dämmt, blüht schön, kann sogar Früchte tragen, gibt Tierlein eine Heimat, färbt sich vielleicht im Herbst sogar bunt, ist ungiftig, erzeugt Sauerstoff und verbessert das Stadtklima...
nur zwei Nachteile:
nix für "...nicht nur sauber sondern reiiiin"-Gläubige
kein Geldgewinn für Ruach und Gierschlund!
und wird somit wahrscheinlich auch nicht von Fachmännern, -Frauen und sonstigen Oberheiligen empfohlen werden.

EMGI, Freitag, 07.Oktober, 15:19 Uhr

13. War alles bekannt

Ich habe schon den Dämmstofffreaks vor Jahren zu ihrem Sondermüll an der Hauswand gratuliert und lange Haltbarkeit gewünscht. Da wurde man angeschaut wie ein Bekloppter. Mittlerweile wissen die Herrschaften sicherlich, was gemeint war.

  • Antwort von Erich, Freitag, 07.Oktober, 20:15 Uhr

    @EMGI,

    unsere Regierenden nennen das nicht verarsche, sondern halten das Ganze für ein Wirtschaftsprogramm. Denen ist das völlig wurscht, ob die alles vergiften. Wenn die dann immer im TV stehen und was von der Nachhaltigkeit und dem wachsenden ökologischen Wirtschaftszweig reden und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, dann kann man jetzt abschätzen, was für Ahnungslose Gesinnungstäter das sind!
    Das Ganze ist ja nicht erst seit gestern bekannt, sondern seit Jahren. Aber gegen diesen Ideologie-Terror, kommt man mit Vernunft nicht an.

lobbyist, Freitag, 07.Oktober, 07:21 Uhr

12. Gut und Günstig!

Ja ,und wir alle sind auf diesen Unsinn reingefallen.

BASF einer der größten Hersteller , hat hier Bombengeschäfte dank der Politik gemacht.

Und natürlich alle Hausverwaltungen,die noch von den ausführenden Firmen Provisionen für diesen Unfug kassiert haben.
Übrigens ganz legal und gesetzeskonform,gilt nicht als Korruption.

Hier sollte der Gesetzgeber handeln, den das Hausverwalter Provisionen bei Auftragsvergaben von beauftragten Firmen kassieren ist meiner Meinung Korruption.
bzw. dieses Geld steht eigentlich den Eigentümern der Immobilie zu.

Deutschland korrupt!!! Nein, niemals.

Gerd Ribbeck, Zimmerermeister & Holzhausbauer, Donnerstag, 06.Oktober, 23:10 Uhr

11. Warum nicht natürlich dämmen ?

Boar .! Lernt denn keiner dazu..? Immer wieder fällt das Volk auf die Lobbyisten rein. Es geht doch super einfach mit den natürlichen Ressourcen! ! Holzfasern, Hanf, Seegras, Wolle usw. Und man hat noch auch viel mehr Vorteile als nur isolieren... den sommerlichten Hitzeschutz, sehr guten Schallschutz, absolut keine Giftes und bei Nutzungsende kann man es Kompostierung ! Null Gifte ! Ökologische Grüße, Gerd Ribbeck, Zimmerermeister

  • Antwort von Lieber recherchieren, Freitag, 07.Oktober, 09:39 Uhr

    Womit glauben Sie, werden diese sog. natürllichen Dämmsstoffe zu Platten gepresst und gemäß Brandschutzverordnung versehen, damit sie als Baustoff überhaupt zugelassen sind????? Ganz zu schweigen, wenn sie feucht werden sollten. Dann gibt`s Moder, Schimmel und Gestank. Jeder Dämmstoff hat seinen eigenen Vorteil. Zudem: Jedes bayerische MHKW kann ohne Änderung seiner Zulassung nach wie vor HBCD rückstandsfrei verbrennen. Frage nach beim Bayerischen Umweltministerium.AZ: 77e-U8740.0-2014/8-37. Also erst schlau machen, bevor man Panik schürt. GIlt auch für den BR-Autor.

  • Antwort von DerT, Montag, 17.Oktober, 19:39 Uhr

    Hanf und Ratten verstehen sich übrigens hervorragend!

    Ein Nest nach dem anderen haben wir aus der sehr teuren Hanfdämmung ausgehoben. Unzählige Fallen aufgestellt und monatelang Probleme gehabt.

    Der Vorteil - die Hanfplatten waren komplett naturbelassen und wir konnten sie auf dem Recyclinghof mit zu den Grünabfällen geben...

Styropor, Donnerstag, 06.Oktober, 22:07 Uhr

10. Vermieterposse

Bei uns im Garten verrotteten seit Mai einige Plastiksäcke mit vermutlich vom Handwerker XY sehr günstig überlassenen Second-Hand-Dämm-Styroporbruchstücken, die laut Aussage Vermieter, zur Dämmung eines nicht unterkellerten Wohnraumes gedacht waren.
Als nach Monaten, die UV Strahlung die Säcke endgültig auflöste, der Dauerregen im Sommer das seine tat, das Material noch unbrauchbarer werden zu lassen und der wilde Wein die Säcke überwucherte, wagten wir es bei den Vermietern nachzuhaken, was denn nun mit der "romantischen Müllhalde" geschehen solle.
Nun erinnere man sich wieder an das ursprüngliche Vorhaben und würde mal beim Handwerker XY anfragen, wie denn das weitere Procedere auszusehen habe.
Sie glauben gar nicht wie verdammt schnell der nasse Giftmüll von den Vermietern persönlich in den letzten Tagen entsorgt wurden, nachdem die Meldung vom 30 September einschlug wie eine Bombe.
Handwerker XY wurde übrigens nie wieder gesehen.
Wir wollen einfach nur noch weg hier.