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Seit fünf Jahren gesetzlich geregelt Streit um Beschneidung geht weiter

Seit fünf Jahren herrscht für Juden und Muslime Rechtssicherheit: Das am 28. Dezember 2012 in Kraft getretene Beschneidungsgesetz erlaubt ihnen die Jungenbeschneidung aus religiösen Gründen. Doch trotz dieser rechtlichen Klarstellung hört die Diskussion darüber nicht auf.

Von: Barbara Weiß

Stand: 27.12.2017

Der Urologe Aref El-Seweifi nimmt am 01.10.2012 in einer Berliner Privatklinik eine Beschneidung an einem zweijährigen Jungen vor. Die Beschneidung kleiner Jungen wird in Deutschland gesetzlich neu geregelt und soll damit bei Einhaltung bestimmter Maßgaben straffrei bleiben. | Bild: picture-alliance/dpa

Öffentlich anerkannt und straffrei - doch die Debatte über die Beschneidung im Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und Schutz der Unversehrtheit des Kindes geht weiter. Nach wie vor wird kritisch diskutiert, auch innerhalb der muslimischen Gemeinde.

"Jetzt wurde schon wieder etwas thematisiert, was bisher gang und gebe war - und wird wieder als Instrument genutzt, Muslime zu kritisieren. Andere sagen, endlich wurde das rechtlich angesprochen und wir haben Rechtssicherheit und können uns darauf berufen, dass das was wir tun, öffentlich anerkannt ist."

Juniorprofessor für islamische Theologie an der Universität Hamburg.

Beschneidungs-Gesetz sorgt seit 2012 offiziell für Straffreiheit

Das Landgericht Köln hatte im Juni 2012 entschieden, dass der medizinische Eingriff der Beschneidung ohne medizinische Notwendigkeit bei Kindern nicht rechtens sei. Eine Debatte entflammte darüber, ob die rituelle Knabenbeschneidung strafbare Körperverletzung sei oder nicht.

Der Deutsche Bundestag zog Ende 2012 einen Schlussstrich unter die Diskussion, indem er mit großer Mehrheit ein Beschneidungsgesetz erließ, das festschreibt, dass die Beschneidung straffrei bleibt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, 2012 SPD-Fraktionsvorsitzender, zeigte sich damals erleichtert.

"Ich fühle mich ausgesprochen unwohl mit der Vorstellung, dass ausgerechnet wir Deutschen unseren jüdischen Mitbürgern beibringen, was Inhalt von Lebensschutz und Kindeswohl ist. Und dasselbe gilt für Muslime. Ich fände es sogar unerträglich, wenn wir das erste Land in Europa wären, das nichtärztliche oder ärztliche jüdische Beschneider mit dem Staatsanwalt verfolgt und mit Strafrecht sanktioniert."

Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2012

Auch die Vertreter der Religionsgemeinschaften und der beiden großen Kirchen atmeten auf. Für die jüdische Gemeinschaft sei das Gesetz eine vernünftige Grundlage, ihre Religion weiterhin ungehindert ausüben zu können. Charlotte Knobloch sprach von einem "wichtigen Zeichen des Zuspruchs".

Beschneidungs-Gegner: Recht auf Unversehrtheit wichtiger

In der religiösen Beschneidung von Jungen sehen allerdings – auch fünf Jahre später noch - die Gegner eine "Botschaft der Gewalt". Kindern würden unnötig Schmerzen zugefügt. Kritik kommt beispielsweise vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Bayern, Brigitte Dietz.

"Weil das Recht von unmündigen Kindern auf körperliche Unversehrtheit der Religionsfreiheit untergeordnet wird. Somit wird eine Körperverletzung per Gesetz legitimiert und die UN-Kinderrechtskonvention mit Füßen getreten, das ist ein Skandal."

Brigitte Dietz, Kinder- und Jugendärztin

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin fordert außerdem mehr Aufklärung über die Risiken und Spätfolgen. Viktor Schiering, Vorsitzender des Betroffenenvereins Mogis e.V. aus Nürnberg, meint, dass Jungen nur dann beschnitten werden dürften, wenn sie alt genug seien, selbst ihre Zustimmung zu dem Eingriff zu geben.

"Wir agitieren niemals gegen Beschneidung an sich. Der Mensch kann informiert und mündig mit sich machen, was er will. Es geht um die Selbstbestimmung aller Menschen. Deswegen brauchen wir eine Altersgrenze ab 18. Denn erst dann kann man sich über die volle Tragweite im Klaren sein."

Viktor Schierung, Vorsitzender des Betroffenenvereins Mogis e.V.

Ein Drittel der Männer weltweit ist beschnitten

Um Verständnis für die Beschneidung von Jungen als einem jahrtausendealten, religiösen Ritual und wichtigen Zeichen jüdischen Selbstverständnisses wirbt Cilly Kugelmann. Um aufzuklären, hat die frühere Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin vor drei Jahren eine Ausstellung "Haut ab" organisiert. Dort ist zu sehen, dass weltweit ein Drittel der Männer aus dem einen oder anderen Grund beschnitten sind. Angesichts dieser hohen Zahl halte sie die Theorie, wonach beschnittene Männer traumatisiert seien, für unrealistisch. Sie ist froh, dass durch das Gesetz zur Beschneidung von 2012 in Deutschland diese Frage rechtlich geklärt sei.

"Es war ein wichtiger Beschluss, denn die Regierung hat zu erkennen gegeben, dass sie das akzeptiert unter bestimmten Voraussetzungen und dass die Gesellschaft nicht nur aus Christen oder säkularen Christen besteht, sondern dass Muslime und Juden auch hierher gehören."

Cilly Kugelmann


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