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Belastung in Alltag und Beruf Wie viel Stickoxid ist zumutbar?

Stickoxide - vor allem Stickstoffdioxide - sind in den letzten Jahren quasi zum Inbegriff schlechter Luft geworden. Städte wie München oder Stuttgart überschreiten immer wieder die Grenzwerte. Manch einer sorgt sich deshalb schon beim Radfahren um seine Gesundheit. Zu Recht? Andere atmen in der Arbeit große Mengen der Reizgase ein und merken nichts. Für wen sind Stickoxide eine Gefahr?

Von: Miriam Stumpfe

Stand: 18.07.2017

Radfahrer im Augsburger Straßenverkehr neben Auspuff eines PKW | Bild: picture-alliance/dpa

Stickstoffdioxid entsteht immer dann, wenn etwas bei hohen Temperaturen verbrennt:

Wenn ein Metallbauer Stahl-Teile verschweißt, wenn in einer Glasfabrik Ampullen per Gasflamme in die richtige Form gebracht werden oder – das ist hinlänglich bekannt – in Automotoren. Wenn die Konzentration in der Luft zu hoch wird, muss man Menschen davor schützen. Warum, beschreibt Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum in München.

"Stickstoffdioxid ist ein Reizgas, das tief in die Lunge eindringt. Es löst Entzündungsreaktionen aus und schädigt die Lunge."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Wieviel ist zuviel?

Erste Symptome sind z.B. Husten, Atemnot oder tränende Augen. Auf Dauer kann es sogar sein, dass die Lunge sich nicht mehr erholt, dass das Gewebe vernarbt und nur noch schlecht arbeiten kann. Doch was ist zuviel? Das hängt von ganz unterschiedlichen Dingen ab. Für die Arbeiter in einer Metall- oder Glasfabrik liegen die Grenzwerte deutlich höher als bei der normalen Umweltbelastung, sagt Simone Peters vom Institut für Arbeitsmedizin IFA.

"Für Stickstoffdioxid liegt er bei 950 Mikrogramm pro Kubikmeter. Und der darf am Arbeitsplatz bei einer 8-Stunden-Schicht im Mittel nicht überschritten werden."

Dr. Simone Peters, Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

950 Mikrogramm - das ist ein Vielfaches von dem, was die EU für die allgemeine Umweltbelastung akzeptiert: Hier dürfen es im jährlichen Mittel nur 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sein, kurzzeitig auch mal 200, aber nur an wenigen Tagen im Jahr.

Höhere Belastung am Arbeitsplatz erlaubt

Warum ist der Unterschied so groß? Sind Arbeitsmediziner gelassener als Umweltmediziner? Wiegeln die einen ab, während die anderen Panik verbreiten? Die Erklärung ist einfach: Am Arbeitsplatz geht man davon aus, dass man es mit durchschnittlich gesunden Erwachsenen zu tun hat, die sich nach der Arbeit von den belastenden Gasen wieder erholen können.

"Grenzwerte für allgemeine Umweltbelastungen gelten für die gesamte Bevölkerung, vom Kind bis zur älteren Person und bei einer 24-Stündigen Belastung."

Dr. Simone Peters, Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

Denn für Babys oder Kleinkinder können schon geringe Mengen Stickstoffdioxid ein Problem sein, sie behindern das Lungenwachstum. Auch für Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung zählt jedes Mikrogramm, erklärt Epidemiologin Annette Peters.

"Die Auswirkungen der Luftschadstoffe sind gerade bei Asthmatikern zu spüren. Wenn ich Asthmatiker bin, kann es sein, dass ich Atemnot spüre – wenn ich gesund bin, dann merke ich nichts."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Und das heißt auch: Ein normal gesunder Mensch, der jeden Tag während seines Arbeitsweges 2 Stunden ins Stickoxid-Bad der Durchgangsstraßen taucht, wird davon nicht stark beeinträchtigt. Doch für gesundheitlich Angeschlagene ist jede Grenzwertüberschreitung eine zu viel. Aus Langzeitstudien weiß man:  Wenn die Belastung hoch ist, sterben mehr Menschen an Atemwegs-Erkrankungen, oder, als weitere Folge, auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Grenzwerte möglicherweise zu hoch

Und nicht nur das: Sogar wenn Städte wie München, Stuttgart oder Düsseldorf es in Zukunft schaffen werden, ihre Grenzwerte einzuhalten, könnte das nicht reichen. Denn die aktuellen EU-Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter stehen in der Kritik. Noch entsprechen sie der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO – doch die überarbeitet gerade ihre Empfehlung, erklärt Annette Peters:

"Unsere Studien zeigen Auswirkungen auch unterhalb des gegenwärtigen Grenzwerts. Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Grenzwert sich ändern wird, dass die überarbeiteten Grenzwerte der WHO niedriger sind als der Gegenwärtige Grenzwert von 40 Mikrogramm."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Dringender Handlungsbedarf

Erst wenn die Belastung um die Hälfte sinkt, unter 20 Mikrogramm, sind auch bei empfindlichen Personen keine Gesundheitsschäden mehr zu beobachten, sagt Peters.

Fazit: Normal gesunde Menschen müssen wegen hoher Stickoxid-Werte in ihrer Stadt nicht in Panik verfallen. Für Babies, Kinder oder Kranke aber sind sie eine ernsthafte Gefahr. Deswegen ist für Umweltmediziner klar: die Luft in den Städten muss sauberer werden.


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Kurt Enzingmüller, Dienstag, 18.Juli, 22:19 Uhr

4. Stickoxidbelastung

Es ist kaum erträglich, wenn Vertreter der Autoindustrie jetzt wieder besser wissen, was zu tun ist. BlaBlaBla.. Zusammen mit den Verantwortlichen in der Verkehrs- und Gesundheitspolitik wurden wenigstens 20 Jahre verschlafen (und dann auch noch mit Lug und Trug Verbraucher getäuscht). Kein Netz mit Ladestationen, keine in absebarer Zeit lieferbare E-Autos: sie sind einfach nicht vorhanden. Ich warte jetzt schon 6 Monate...
Aber die Werbung geht auf PS-Stärke und Größe. Wo bleibt eine Sondersteuer auf solche Ungetüme, die jeden Stadtverkehr verstopfen? Das ist einfach von getsern, und sie wissen, was sie tun. Da können noch nicht einmal ein paar grüne Tränen darüber hinwegtäuschen.

Speedy Gonzales, Dienstag, 18.Juli, 19:58 Uhr

3. Stinktiere in München

Warum ist in der Diesel-Diskussion eigentlich immer nur von PKW und privaten Fahrzeughaltern die Rede? Die ganzen LKW, Transporter und Baumaschinen die in unseren Städten rumfahren, stoßen zusammen ganz sicher mehr Schadstoffe aus, als die privaten PKW. Hier müsste man genauso ansetzen. Die schwachsinnigste Stadtratsentscheidung in München war es, den ZOB an der Hackerbrücke zu bauen. So fahren die allerdreckigsten Reisebusse aus Osteuropa einmal quer durch die Stadt ins Zentrum und zurück. Wenn man als Radfahrer von so einem Bus überholt wird, bekommt man einen Erstickungsanfall. Man sollte den ZOB schnellstens dichtmachen, die Einfahrt von Reise- und Fernbussen in die Stadt verbieten, und für diese stattdessen Haltepunkte an S-Bahn-Stationen am Stadtrand einrichten.

Nadine, Dienstag, 18.Juli, 16:40 Uhr

2. Wieviel Stickoxid ist zumutbar?

Die Antwort: 0

Stinkig, Dienstag, 18.Juli, 13:07 Uhr

1. Wozu anhaltende Diskussionen

Wenn diese Schadstoffe für uns Menschen bzw. andere Lebewesen schädlich sind, gehört Abhilfe geschaffen und zwar flott.
Dann muß halt die Profitgier der Autolobby mal hinten anstehen.
Ich finde es manchmal schon schrecklich, wie es in Städten oder Autobahnen nach Abgasen riecht und wie schlecht die Luft überhaupt ist, auch wenn ich nicht direkt gesundheitliche Einschränkungen in diesem Moment verspüre.
Die Gesundheit von uns Menschen und der Natur müssen oberstes Gebot sein!
Es sind generell viel zu viele PKWs und LKWs auf den Strassen, man kommt meistens gar nicht mehr in vernünftiger Zeit voran.

  • Antwort von Nadine, Dienstag, 18.Juli, 16:50 Uhr

    Wenn Sie mich fragen, dann müsste im Straßenverkehr das Prinzip vom Schwächeren zum Stärken herrschen d.h. dass zuerst Fußgänger kommen, dann Radfahrer und ganz zum Schluss Autofahrer. Bisweilen ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Wenn der Platz nicht ausreicht, dann fehlt schon mal ein Weg für Radfahrer oder Fußgänger. Wenn Sie mich fragen, dann setzt man dort einfach falsche Prioritäten. Während Fußgänger und Radfahrer keine Stickoxide ausstoßen, so ist dies bei PKWs freilich anders. Meiner Meinung nach sollte es in Innenstädten d.h.dort wo es nach einem Bürgersteig und den Radwegen auf beiden Seiten aus Platzgründen keine zweite Spur für PKW ausreichend ist, es entsprechend nur noch Einbahnstaßen geben. Es muss halt deutlich unattraktiver sein, ständig mit einem PKW zu fahren. Darüber hinaus sollte die Politik evtl. ein sonntags Fahrverbot für PKWs in Betracht ziehen.