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Zum Beispiel Murnau Die Stimmung an der SPD-Basis

Die Schulz-Euphorie war gestern. Inzwischen hat sich Ernüchterung breitgemacht in der SPD. Aber jetzt beginnt der Wahlkampf so richtig. Und der findet vor allem auch an der Basis statt. Wie geht es da den Genossen? Zum Beispiel im oberbayerischen Murnau?

Von: Nina Landhofer

Stand: 19.05.2017

Stadtzentrum von Murnau am Staffelsee )Ob.) | Bild: pa/dpa/Markus C. Hurek

Der malerische Blick auf das Bergpanorama lädt ein, das Feierabendbier in der Murnauer Fußgängerzone einzunehmen. Einzig beim Italiener ist auch innen Betrieb ganz weit hinten in der Zirbelstube. Die Murnauer SPD hat Vorstandssitzung. Trotz des guten Wetters: Es sind sechs Genossen gekommen, schließlich steht ja auch der Wahlkampf an. Die Stimmung nach drei verloren Wahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und NRW ist nachdenklich. Cyrus Parssa spricht von einem 3:0. Der 71jährige ist seit 50 Jahren der Partei verbunden. Parteimitglied ist er aber erst seit Februar.

An der Basis gibts viel zu tun

Die Wahlkampfmaschinerie ist schon längst angeworfen. Es gab bereits Informationsveranstaltungen zu Rechtsradikalismus, der örtliche Kandidat war schon da, doch nun gehe es erst richtig los, sagt Parssa. Die Organisation im Hintergrund läuft längst, die Fäden laufen zusammen bei Richard Mohr, dem Ortsvereinsvorsitzendem:

"Das geht vom Plakat über den Flyer bis hin wann macht man wo welchen Stand, welches Motiv hängt man wohin… Man muss ja gucken, wo darf man in welcher Gemeinde was wie aufstellen. Alle diese Sachen muss man organisieren."

Richard Mohr, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins

Aber – was ist schon Organisation ohne Themen und Köpfe? Elisabeth Maise-Ball freut sich, dass Martin Schulz der Kandidat geworden ist, der es nun retten soll:

"Ich bin am Samstag mit meiner sechsjährigen Enkelin in unserm Keller, wo die ganzen Plakatständer deponiert sind, gewesen, und da haben wir 20 Plakatständer gesucht, und dann kommen die alten Europa-Plakate zum Vorschein, und dann sagt meine Kleine: 'Den kenn ich!', und dettet auf den Schulz."

Elisabeth Maise-Ball

Schulz: Hoffnungsträger und Blitzableiter

Ihr gibt Schulz Hoffnung, dass endlich die Partei aus der eigenen Depression herauskommt, trotz sinkender Werte. Schulz' internes Wahlergebnis von 100 Prozent freut sie. Denn der Schulz sei einer, der den Mitgliedern Mut zusprechen könne. Viele aus ihrem Vorstand sind nicht so euphorisch.

"Die Inhalte sind richtig. Es geht immer nur um die Person. Wir haben Brandt gehabt, wir haben Schmidt, wir haben Schröder gehabt – es sind diese drei gewesen. Danach kam nichts. Jetzt ist die Zeit, dass die jungen Leute an die Macht kommen."

Cyrus Parssa, SPD-Mitglied

Sagt es und haut auf den Tisch. Es wirkt ein wenig so, als ob er bei diesem Satz seine eigene Jugend vor Augen hat. Damals, 1968. Was läuft falsch heute?

"Keiner traut sich. Warum, weiß ich nicht."

Cyrus Parssa, SPD-Mitglied

Mit seiner Kritik an Schulz ist er nicht alleine in seinem Ortsverein:

"Schulz war mit Abstand der beste Kandidat, der zur Verfügung stand, aber es ist nicht meine Lieblingswahl an Kandidaten, die ich mir hätte vorstellen können."

Felix Burger, SPD-Mitglied

Denn eigentlich, so Felix Burger, der in einer sozialdemokratischen Familie aufwuchs und schon mit 14 in die Partei eintrat, ist Schulz inhaltlich auch nicht weiter links als Sigmar Gabriel.

"Das fehlt der SPD meines Erachtens, diese Glaubwürdigkeit. Das liegt vor allem daran, das sie nicht ihre Fehler eingesteht."

Felix Burger, SPD-Mitglied

Große Koaliton? Na ja!

Was schwierig ist in einer großer Koalition, da sind sich alle einig.

"Mich hat nur frustriert, dass es eine Groko war, 'ne große Koalition. Wir wissen ja, was wir auf Parteitagen diskutiert, beantragt und beschlossen haben, und dann stellt man fest, jawoll, wir haben es geschafft, wir haben Mindestlohn geschafft, und nachher redet gar keiner mehr - oder nur eine Minderheit - über diese Erfolge. Man ist immer dann der kleine Bruder, und muß hinnehmen."

Elisabeth Maise-Ball

Die SPD habe viel mehr umgesetzt als die CDU, da sind sich alle einig. Aber Angela Merkel werde es angerechnet. Es hat sich schon Frust aufgestaut an der Basis, auch wenn  alle versuchen, sich selbst zu motivieren.

"Es ist ja immer das Problem der Partei, dass es, man kann es überspitzt sagen, zwei Parteien gibt. Es gibt die Partei im halben Jahr vor der Bundestagswahl und es gibt die Partei, die die 3 ½ Jahre in der Koalition was macht. Es kann nicht sein, dass die SPD diesen Mindeststeuersatz senkt."

Richard Mohr

"Aber das ist doch das Gute, was er grade macht….er redet nicht von Steuersenkung, sondern er sagt, wir müssen den Investitionsstau beiseite bringen."

Felix Burger

Wie stellt man sich inhaltlich auf?

Da steht die eine oder andere Diskussion noch an, in diesem Sommer. Inhaltlich auf alle Fälle. Denn: Was ist soziale Gerechtigkeit? An vielem, so die Genossen, sei die Globalisierung schuld. Aber zurück zum Nationalstaat? Nein das geht ja auch nicht. Schließlich seien alle froh, dass Martin Schulz ein Kandidat ist, der für Europa steht. Und damit für Frieden. Aber: Wie mit der Frage umgehen, dass der Arbeiter, der früher zu klassischen Wählerklientel gehörte, heute einen Daimler fährt? Wie die erreichen, die der AfD nahe stehen obwohl sie doch genau die sind, die man mit dem Thema Soziale Gerechtigkeit ansprechen will, denen man helfen will?

"Dieser Umbruch, das ist jetzt unser Problem, das muss man in den Griff kriegen. Ich glaub nicht, dass man das mit ein oder zwei Wahrheiten schafft. Da muss man versuchen, was klappt und was nicht."

Elisabeth Maise–Ball

Wahlkampf mit Minderheitenthemen?

Wie also es schaffen, dass dieses Engagement gewürdigt wird? Gar nicht so einfach:

"Ein Dilemma ist ja auch, dass wir uns eigentlich immer für Minderheiten stark machen. Wie sollen wir jemals zu Mehrheiten kommen, wenn man nur für Minderheiten Politik macht – was ich richtig finde – aber das ist schon ein Dilemma. Da muss man schon schauen, wie kommt man trotzdem zu Mehrheiten."

Elisabeth Maise–Ball

Aber die rüstige Rentnerin treibt ihre Genossen im Ortsverein kräftig an. In NRW habe man schließlich gesehen, dass in kurzer Zeit viele Prozentpunkte gut zu machen sind,  auch wenn es dort die generische CDU war, die es geschafft hat.  Der Schulz-Hype mache doch aber Hoffnung, die Partei solle nun doch bitte nicht in alte Fehler verfallen:

"Weil wir, wenns uns ein bissl schlechter ging, immer uns gegenseitig auch noch runtergezogen haben. Wir haben genörgelt und gemacht und am liebsten hätten wir uns selber einen geschnitzt, der uns so passt. Und jetzt ist einmal einer da, der vielleicht alle unsere Herzen angesprochen hat. Laßt uns des doch so weiterleben und weitermachen, und Hoffnung haben. Abwarten!"

Elisabeth Maise–Ball

  • Nina Landhofer | Bild: BR Nina Landhofer

    Autorin, Moderatorin im Ressort "Politik und Hintergrund" Spezialgebiete: Außenpolitik, Medien und Parteien.


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