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SPD-Parteitag Schulz übersteht seinen Schicksalstag

Martin Schulz ist als SPD-Chef wiedergewählt. Trotz des Zoffs um eine Große Koalition. Wie er das geschafft hat? Björn Dake hat ihn beim SPD-Parteitag in Berlin beobachtet.

Stand: 08.12.2017

Bundesparteitag der SPD am 07.12.2017 in Berlin. Der Parteivorstand mit dem Vorsitzenden Martin Schulz (vorne l) stimmen über einen Juso-Antrag ab. Foto: Michael Kappeler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bild: dpa-Bildfunk/Michael Kappeler

Es ist 19 Uhr 42. Martin Schulz. Er umarmt seine Kollegen. 81,9 Prozent für ihn. Er bläst die Backen auf, strahlt, zieht die Augenbrauen nach oben, grinst.

"Ich wünschen mir, dass jetzt bessere Zeiten kommen."

Martin Schulz

Schulz will Fehler vermeiden

Acht Stunden früher: Um 11 Uhr 52 beginnt Schulz seine Rede. Er steht fast in der Mitte der Messehalle auf einer knallroten Bühne. Seine Hände umklammern das Rednerpult.

"Ich bitte für meinen Anteil an dieser bitteren Niederlage um Entschuldigung."

Martin Schulz

Schulz geht auf Nummer sicher: Er liest die komplette Rede wortwörtlich vom Blatt ab. Kein Fehler jetzt, kein falsches Wort. Journalisten lesen das Manuskript mit.

SPD-Chef kommt langsam in Fahrt

12 Uhr 19: Zum ersten Mal kommt Stimmung auf. Schulz und sein Herzensthema.

"Lasst uns endlich den Mut aufbringen, Europa beherzt voranzubringen. Nicht diese Stellschräubchen – lasst uns Mut haben!"

Martin Schulz

Er hat die linke Hand jetzt lässig in der Hosentasche. Tänzelt einen Schritt vor und zurück. Er blickt in die Halle. Mal ballt er die Faust. Mal öffnet der die Arme. Mal hebt er mahnend den Zeigefinger. Der Applaus wird häufiger und lauter. Jubel gibt es nicht.

Machtfrage erst am Ende

12 Uhr 59: Schulz redet seit einer Stunde. Erst jetzt kommt er zu der Frage, die über dem ganzen Parteitag schwebt.  

"Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Form. Wir müssen nicht um jeden Preis regieren. Aber wir dürfen auch nicht um jeden Preis nicht regieren wollen."

Martin Schulz

Bayerische Genossen zufrieden

13 Uhr 11: Die Delegierten stehen auf. Knapp vier Minuten applaudieren sie. Der bayerische SPD-Generalsekretär Uli Grötsch ist zufrieden.

"Wegweisend! Ich hätte nicht erwartet, dass Martin Schulz so konkret wird. Ich finde es sehr gut, dass er im Bereich Europa so detailliert geantwortet hat."

Uli Grötsch

Die Münchner Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend kommt aus einer kurzen Pause zurück ins Plenum. Schulz-Rede? Tausend winkt ab und geht kommentarlos weiter. Andere Delegierte fassen die Schulz-Rede zusammen: Luft, Luft, Luft, Bla, Bla, Bla.

Jusos blasen zum Kampf

13 Uhr 35: Juso-Chef Kevin Kühnert redet. Er ist einer der größten Gegner einer Großen Koalition.

"Die Erneuerung der SPD wird außerhalb der Großen Koalition sein, oder sie wird nicht sein."

Kevin Kühnert

Martin Schulz sitzt auf dem Podium. Neben ihm Fraktionschefin Andrea Nahles. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt. Jetzt schaut er Kühnert an. Legt den Kopf zur Seite. Dann setzt die Brille ab und reibt sich die Augen.

13 Uhr 59 Die frühere Juso-Chefin Johanna Ueckermann aus Straubing redet.

"Wir brauchen uns nicht einreden lassen, dass wir an der Verantwortung seien, Angela Merkel aus dieser Scheiß-Situation rauszuholen."

Johanna Ueckermann

Martin Schulz löffelt auf dem Podium eine Suppe.

Stundenlage Debatte

15 Uhr 35: Die Debatte zieht sich. Tagungsleiter Heiko Maas meldet, dass von 91 Wortmeldungen erst 26 abgearbeitet sind. Die Delegierten stimmen dafür, dass jeder Redner statt fünf Minuten nur noch drei hat.

Kohnen fordert Selbstbewusstsein

Natascha Kohnen auf dem Parteitag (im Rundschau-Interview)

17 Uhr 15: Martin Schulz sitzt seit mehr als sechs Stunden auf dem Podium – nur kurz verschwindet er hinter der Bühne. Jetzt beugt sich Noch-Generalsekretär Hubertus Heil über die Stühle von Schulz und Nahles. Die drei stecken die Köpfe zusammen. Am Rednerpult steht Natascha Kohnen.

"Geht doch mal mit Selbstbewusstsein an die Sache ran. Ich werde in Bayern einen Kampf mit dem Söder führen – genau für diese Sachlichkeit, denn das haben die nicht mehr drauf."

Natascha Kohnen

Schulz grinst über beide Ohren und streckt Kohnen beide ausgestreckte Daumen entgegen.

Schulz hängt sich nochmal rein

18 Uhr 37: Martin Schulz tritt nochmal ans Rednerpult und kämpft um Zustimmung für ergebnisoffene Gespräche mit der Union.

"Wir werden jeden Weg ausloten. Es gibt keinen Automatismus. Aber ich brenne dafür, dass das Leben der Leute besser wird."

Martin Schulz.

Jusos scheitern

18 Uhr 46: Der NoGroko-Antrag der Jusos scheitert. Kevin Kühnert, der Chef der SPD-Jugendorganisation will trotzdem nicht aufgeben.

"Die NoGroKo-Kampagne geht weiter. Ich sehe uns hier nicht als Verlierer. Hier steht vielleicht eine Partei gerade auch auf."

Kevin Kühnert

Der Leitantrag für ergebnisoffene Gespräche bekommt  eine deutliche Mehrheit. Nächste Woche trifft Schulz CDU-Chefin Merkel und CSU-Chef Seehofer.


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Kommentare

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latte e mielle, Freitag, 08.Dezember, 12:05 Uhr

14. @andrea

<........dann nur mit einer bürgerversicherung>.....und abschaffung der beitragsbemessungsgrenzen in den
sozialversicherungen bei gleichzeitiger deckelung der rentenhöhe.
abschaffung der pensionen,ein (verstaubtes) relikt aus der kaiserzeit (monarchie),passt nicht mehr in die zeit !

solidargemeinschaft = "einer für alle,alle für einen"

Hans Frieder Leistner, Freitag, 08.Dezember, 10:51 Uhr

13. Frage

Was heißt denn eergebnisoffene Gespräche? Wenn ich Gespräche oder Verhandlungen führe will ich doch ein Ergebnis. Da scheinen einige Herrschaften bei dem Lesevergleich mit miserablem Ergebnis dabeigewesen zu sein.

  • Antwort von Josef, Freitag, 08.Dezember, 12:13 Uhr

    ergebnisoffene Gespräche? = nicht von vornherein auf ein bestimmtes zu erzielendes Ergebnis festgelegt

    Also Schulz meint damit um es seiner Partei zu verkaufen, er ist offen für die Inhalte der CDU/CSU um diese zustimmen zu können muss intern der Sprachgebrauch ein wenig verändert werden!

    Die GroKo muss jetzt kommen ansonsten wäre es Schulz sein politisches Ende, bei einem nochmaligen Rückzieher!

Josef, Freitag, 08.Dezember, 10:30 Uhr

12. in 2 Jahren

gibt es den Schulz als Kanzler da Merkel in den Ruhestand geht! die ersten 2 Jahren wird schwarze Politik gemacht und anschließend rote und das bis zur nächsten Wahl oder vorgezogene Neuwahlen!
So ist das politische Spiel!

latte e mielle, Freitag, 08.Dezember, 10:17 Uhr

11. spd.....

......nur eine truppe maulhelden.

schulz: " ich werde kanzler" :-)))))))))))

und aus der truppe ertönte die posaun' : "nein" zur neuauflage einer grossen koalation.

und nun, "wohlan die zeit wird kommen" an der auch diese steigbügelhalter niederknien vor der mutti aus berlin!

  • Antwort von saint-just 09, Freitag, 08.Dezember, 10:40 Uhr

    @latte e mielle

    ................niederknien vor der mutti aus berlin , und zum Büttel des Ancien Regime werden.

Andrea , Freitag, 08.Dezember, 09:58 Uhr

10. Wenn schon eine 2. GroKo, dann nur mit einer Bürgerversicherung !

Gesetzliche und private Krankenversicherungen zusammenlegen. Ende der Zweiklassenmedizin mit dem Ziel einer Bürgerversicherung. Alle Versicherten bekommen nach der Vorstellung der SPD dieselben Leistungen bei besserer Qualität. Die Ärzte rechnen ihre Honorare nach einheitlichen Sätzen ab - anders als im derzeitigen System, in dem Ärzte bei Privatpatienten oft deutlich höhere Rechnungen stellen können. Die steigenden Asyl-Kosten in der Krankenversicherung tragen dann alle, nicht nur die gesetzlich versicherten Kleinverdiener!

  • Antwort von Werner, Freitag, 08.Dezember, 11:20 Uhr

    Sehr geehrte Frau Andrea! Warum soll ich als Privatpatient eine Bürgerversicherung haben wollen? Ich bin aus beruflichen Gründen in der Privatversicherung, d.h. vorher ordentlich Leistung bringen: Schule, Studium, Berufsausbildung und hohes Einkommen. Also, warum soll ich dann bestimmte Personenkreise mit finanzieren?
    Bei aktuellen Arbeitsmarkt kann jeder, der was kann, sich ein ordentliches Geld verdienen und sich (anstatt zu rauchen, saufen, ständig in den Urlaub fahren, immer neues Handy) eine Privatkrankenkasse leisten.

  • Antwort von noch-csuler, Freitag, 08.Dezember, 11:35 Uhr

    Die "Buerger"versicherung wird,wie man beim englischen NHS sieht, zu einer Verschlechterung fuer alle Patienten fuehren.
    Die Krankenversicherungen a.G.g.,Genossenschaften im echt-sozialdemokratischen Sinn,werden in die Pleite getrieben. Nutzniesser dieser vom Sozialneid getriebenen Idee sind die Grosskonzerne sowie die PG, die ihre Klientel in der dann aufgeblaehten Verwaltung (GKV:20%;PKV aGg:2%) unterbringen koennen.

  • Antwort von Hrdlicka, Freitag, 08.Dezember, 11:35 Uhr

    @Andrea: ein völliger Trugschluß ist, die Beiträge einer "Bürgerversicherung" würden gleich bleiben UND die Leistungen der Versicherung steigen, exakt das Gegenteil ist der Fall: höhere Beiträge, bei maximal gleicher Leistung ! Nicht das Leistungsniveau der gesetzlichen wird sich den Privaten anpassen, sondern umgekehrt ! Im Übrigen zaheln Sie für jede Extra-Leistung der Privaten extra-Beitrag, ähnlich wie die "IGL" der Gesetzlichen !
    Und: die "Asyl-Kosten" tragen bereits jetzt alle die Steuer zahlen !

  • Antwort von Truderinger, Freitag, 08.Dezember, 11:43 Uhr

    Andrea, glauben Sie mir, auch die privaten Krankenversicherungsbeiträge sind in den letzten Jahren massiv "nach oben angepasst" worden. Der Effekt der "Asylkosten" ist dabei marginal. Die Ursachen liegen eher in der veränderten Altersstruktur der Bevölkerung und immer aussichtsreicheren Behandlungen schwerer Krankheiten. Ich weiß, welche Unsummen Krebsbehandlungen verschlingen, die früher wegen Aussichtslosigkeit erst gar nicht eingeleitet worden wären.

  • Antwort von Josef, Freitag, 08.Dezember, 12:21 Uhr

    Die Bürgerversicherung ist der größte schmarrn aller Zeiten, jedem wird eine Grundversicherung zugesprochen die immer weniger wird bei steigenden Versorgungspreisen.
    Die Zusatzversicherung welche man dazunehmen kann, können sich später auch nur gut Verdienende leisten.
    Einen Maurer der täglich schuftet wo spätere Gesundheitliche beeinträchtigungen kommen können, dem Gleichzusetzen mit Nichttätigen die vor der Klotze tagtäglich sitzen und evt. da ihren Bandscheibenschaden bekommen wenn sie aufstehen um Bier zu holen, finde ich Absurt!