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Wie Familiengerichte versagen Kampf ums Kind

Kinder haben ein Recht auf beide Eltern. Das verlieren Paare nach einer Trennung oft aus den Augen, wenn sie sich vor Gericht ums Kind streiten. Familienrichter sind mit solchen Kämpfen häufig überfordert - zumal es Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, dass die Prozesse lang und teuer werden.

Von: Christiane Hawranek und Pia Dangelmayer (BR), Nadine Ahr (ZEIT)

Stand: 08.04.2015

Ein Einfamilienhaus ohne Familie, ein Kinderzimmer ohne Kind. Hier sitzt Tanja Krüger oft auf einem kleinen Korbstuhl und blättert in den Bilderbüchern ihres Sohnes Jonathan. Sie ist eine Akademikerin Mitte 40, langes dunkles Haar. Sie geht einer geregelten Arbeit nach, nimmt keine Drogen und ist nicht psychisch krank. Dennoch: Seit dem 8. März 2012 ist das Zimmer von Jonathan verwaist.

"Es gibt so bestimmte Rituale, ich dekoriere auch ab und zu sein Zimmer anders. Ich zünde immer vor seinem Foto die Kerze an, einfach so, und ich lese oft seine Kinderbücher, die seine Lieblingsbücher waren."

Tanja Krüger, sie hat ihren Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen

Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die Tanja Krüger erzählt. Um sie und ihren Sohn zu schützen, haben wir ihre Namen verändert. Nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten war die Zeit mit Jonathan eigentlich genau aufgeteilt: Bis zu jenem Tag im März vor mehr als drei Jahren, an dem der Vater sich weigert, das Kind zur Mutter zurückzubringen. Es beginnt ein Kampf ums Kind, der mit teils fragwürdigen Mitteln geführt wird.

Beim Jugendamt gehen anonyme Briefe aus der Nachbarschaft ein, die die Mutter belasten. Der viereinhalbjährige Sohn soll sich beim Rasenmähen am Fuß verletzt haben. Die Mutter soll lieblos zu dem Kind gewesen sein, es angeschrien haben. Beweise dafür gibt es keine. Auch das Jugendamt kommt später zu dem Schluss, dass es keine Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung gibt. Aber da ist es schon zu spät, denn die Vorwürfe hatten ihren Weg in den Sorgerechtsstreit vor Gericht gefunden.

Kooperation von Bayerischer Rundfunk und DIE ZEIT


Eltern, die ihre Kinder nicht sehen dürfen - eine schreckliche Vorstellung. Doch es passiert häufiger als man denkt. Christiane Hawranek und Pia Dangelmayer (BR) sowie Nadine Ahr (ZEIT) haben Gerichtsakten ausgewerten und mit Müttern und Vätern in ganz Deutschland gesprochen, die zum Teil seit mehreren Jahren ihre Kinder nicht mehr getroffen haben - aufgrund von fragwürdigen Gerichtsurteilen (siehe auch ZEIT-Dossier "Mama + Papa = Feinde" vom 9. April 2015).

Falsche Ratgeber im Kampf ums Kind

Der Mutter werden wenige Wochen, nachdem sie ihr Kind zum letzten Mal gesehen hatte, bereits Teile des Sorgerechts entzogen. Später verliert sie es ganz.

"Also, bis vor wenigen Tagen ist der mir jeden Tag im Kindergarten auf die Arme gesprungen wie kaum ein anderes Kind. Die Verhandlung ging ganz schnell. Das waren gerade einmal 40 Minuten, danach war mein Kind weg."

Tanja Krüger, Mutter

Grundlage für die Entscheidung des Familiengerichts sind unter anderem die Einschätzungen der Diplompsychologin Cornelia G. Seit Jonathans Eltern sich getrennt haben, hat Cornelia G. das ehemalige Paar von Zeit zu Zeit beraten. Den Sohn Jonathan hat sie nur ein einziges Mal gesehen, wenige Tage vor dem Gerichtstermin, zusammen mit dem Vater und dessen neuer Lebensgefährtin. In ihrer Stellungnahme schreibt sie, der Sohn brauche dringend therapeutische Hilfe, er wirke "emotional leer". Später stellt sich heraus, dass Frau G. gar keine Diplompsychologin ist, sie hat nur eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. So jemand braucht nur eine ein- bis dreijährige Berufsausbildung und nicht einmal Abitur. Cornelia G. wurde mittlerweile wegen Titelmissbrauchs verurteilt, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Die Rolle der Familienrichter

Wieso prüfen die Gerichte nicht genauer? Eine mögliche Erklärung: Familienrichter entscheiden mit über das Schicksal von Kindern, aber sie werden darauf nicht ausreichend vorbereitet, sagt der pensionierte Familienrichter Jürgen Rudolph. An deutschen Familiengerichten herrsche "eine katastrophale Desinformation". Jürgen Rudolph erzählt, auch er selbst sei bei seiner Berufung zum Familienrichter komplett ohne Vorbereitung in die neue Aufgabe "hineingeworfen worden". Er hat sich freiwillig weitergebildet, ein Modell mitentwickelt, in dem Jugendamt, Gericht, Anwälte, Sachverständige und Beratungsstellen zusammenarbeiten. Rudolph fordert eine bessere Qualifikation der Familienrichter.

"Die Juristen sind über die Grundlagen eines Familienkonfliktes, insbesondere über die Umstände, was dort mit den Kindern eigentlich passiert, überhaupt nicht informiert, weil das nicht Gegenstand der Ausbildung ist."

Jürgen Rudolph, pensionierter Familienrichter

Das Bundesjustizministerium hält die derzeitige Regelung dagegen für ausreichend, schreibt auf Anfrage, dass der Fortbildungserfolg gerade von der "freiwilligen Motivation der Teilnehmer" abhängt. Das bayerische Justizministerium erklärt, Familienrichter in Bayern müssen immerhin "verpflichtende Einführungstagungen" absolvieren.

Das System der Streitbewirtschafter

Zurück zum Fall Jonathan: Der Kontakt zwischen Mutter und Kind bricht ab. Auch Freunde, Großeltern und andere Familienmitglieder werden ausgegrenzt und sogar angezeigt, wenn sie - wie Jonathans Halbbruder - versuchen, Kontakt mit Jonathan aufzunehmen. Tanja Krüger soll auf Antrag der Anwältin des Vaters 500 Meter Abstand zu ihrem Sohn halten. Das Gericht lehnt das zwar wegen Unverhältnismäßigkeit ab, der Umgang zwischen Mutter und Kind scheitert trotzdem. Die Gründe dafür sind vielfältig, haben aber auch mit einem System zu tun, das sich um das Kindeswohl nicht viel schert.

Da sind einmal die Eltern. Ihre Beziehung wird in einem der Gerichtsbeschlüsse als "hochkonflikthaft" bezeichnet. Und der Konflikt macht vor dem Kind nicht Halt - es wird zur Machtfrage. Das erlebt der Entwicklungspsychologe Prof. Wassilios Fthenakis immer wieder.

"Es ist ein häufiger Fall, dass elterliche Konflikte de facto auf dem Rücken des Kindes ausgetragen werden, dass das Kind als Waffe benutzt wird, dass das Kind verbal oder handlungsmäßig instrumentalisiert wird, um diesen Konflikt auszufechten."

Prof. Wassilios Fthenakis, Entwicklungspsychologe

Dann sind da Anwälte, die unter Umständen ein Interesse daran haben, dass die Verfahren lang und teuer werden. Die Nürnberger Rechtsprofessorin Hildegund Sünderhauf-Kravets hat Fälle von ausgegrenzten Eltern untersucht.

"Das hat auch etwas mit der Streitbewirtschaftungsindustrie zu tun: Denn es gibt einfach sehr viele Männer und Frauen, die ihr Geld damit verdienen, dass Sorgerechtsstreitigkeiten möglichst lange, möglichst hoch eskalieren."

Hildegund Sünderhauf-Kravets, Rechtsprofessorin aus Nürnberg

Lügen, Halbwahrheiten, Winkelzüge - im Kampf ums Kind wird offenbar häufig nochmal Öl ins Feuer gegossen. Auch die Ergebnisse einer Studie der medizinischen Fakultät der Universität Tübingen sind erschreckend. Befragt wurden fast 1.500 Elternteile, die weniger Kontakt zu ihrem Kind haben als sie sich das wünschen. Zusätzlich hat Hans-Peter Dürr viele Akten ausgewertet. Er beziffert die Rate der Falsch-Vorwürfe am Familiengericht auf geschätzte 30 bis 50 Prozent der Fälle. Das Ergebnis der Studie: systematische Probleme am Familiengericht. Täuschung von Gerichten, Falschbeschuldigungen und Beeinflussung von Verfahren und Verfahrensbeteiligten werden in fast jedem zweiten Fall genannt.

Anleitung zum Ausgrenzen?

Dem Bayerischen Rundfunk wird ein Mitschnitt zugespielt: ein Seminar für Mütter zum Thema Umgangs- und Sorgerecht - abgehalten von der Rechtsanwältin, die auch Jonathans Vater vertritt. Eine Art Anleitung, um ein Elternteil auszugrenzen?

"Wenn Sie sagen, ich kann mit dem gar nicht kommunizieren. Ist ein Totschlagargument, hab ich auch schon benutzt."

Mitschnitt aus einem Seminar zu Sorgerechtsstreitigkeiten

Die Anwältin gibt ihren Zuhörern außerdem mit auf den Weg: Bringen Sie das Kind zu Frau Cornelia G. in die Beratung. Die könne dann dokumentieren, wie sehr das Kind leidet. Cornelia G. - die angebliche Psychologin, deren Einschätzung auch Einfluss auf Tanja Krügers Sorgerechtsentscheidung hatte.

Die Anwältin des Vaters ist nicht zu einem Interview bereit. Am Telefon teilt sie mit, sie fühle sich falsch verstanden, die Zitate aus ihrem Vortrag seien aus dem Zusammenhang gerissen. Über Tanja Krüger sagt sie: Sie habe kein Interesse am Kind, nur daran, sich als Opfer zu stilisieren. Tanja Krüger bestreitet das. Sonst würde sie ja nicht weiterhin vor Gericht gehen, sagt sie.

Im Frühjahr hat ein Oberlandesgericht entschieden: Es muss ein Umgang mit der Mutter hergestellt werden. Ein Sozialpädagoge wird hinzugezogen. Doch der sagt den ersten Termin ab, schreibt, er sei nicht zuständig. Tanja Krüger hat ihren Sohn bis zum heutigen Tag nicht gesehen.

In Zahlen: Trennungen, Scheidungen, betroffene Kinder

Jedes Jahr sind etwa 170.000 Kinder und Jugendliche von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Hinzu kommen Tausende von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sich in einer nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft trennen. Etwa 30.000 Kinder und Jugendliche erleben eine sogenannte "hoch strittige Elternschaft" im Kontext der Trennung/Scheidung. Darüber hinaus werden über 40.000 Kinder und Jugendliche jährlich im Rahmen einer Inobhutnahme von ihren Eltern getrennt. Für knapp 52.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene begann im Jahr 2012 eine erzieherische Hilfe außerhalb ihres Elternhauses in einer Pflegefamilie, in einer Einrichtung oder in sonstigen Formen betreuten Wohnens.


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