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Hubert Aiwanger "Es wird ein bitteres Erwachen geben"

Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung - auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt. Das hält Hubert Aiwanger, der Chef der Freien Wähler in Bayern und im Bund, für möglich. Im Sommerinterview des Bayerischen Rundfunks auf seinem Hof im niederbayerischen Rahstorf sagte Aiwanger: "Wir müssen die Flüchtlingspolitik aus deutscher Sicht sehen."

Von: Nikolaus Neumaier, Lena Deutsch

Stand: 13.09.2015

Freie Wähler Chef Hubert Aiwanger | Bild: BR/Lena Deutsch

Absolute Stille im noch halbdunklen Wald, plötzlich raschelt es, durchs Geäst stakst ein Reh. Dann ein Knall – das Tier fällt zu Boden.

So beginnt ein idealer Morgen für Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. Er ist leidenschaftlicher Jäger, hat diesen Sommer schon einige Rehböcke erlegt. Doch wenn Aiwanger mal davon sprechen wird, dass ihm ein Bär vor die Flinte gelaufen ist, dann ist der Bär kein Bär – sondern wohl eher die CSU.

Zurückhaltender Optimismus

Das Hobby des 44-Jährigen, die Jagd, lässt sich nämlich wunderbar auf die Politik übertragen. Eine erfolgreiche Jagd hieße für Aiwanger: Die CSU bei der Wahl 2018 unter die absolute Mehrheit zu bringen, sie - in die Enge getrieben - zugänglich zu machen für "vernünftige Ideen", sodass sie eine Koalition mit den Freien Wählern eingehen muss.

Zum klaren Koalitionsbekenntnis will Aiwanger diesen Wunsch aber so lange vor der Wahl 2018 nicht machen:

"Wieso sollen wir immer die Hosen runterlassen und die anderen stehen in der Ecke und schauen zu?"

Freie Wähler Chef Hubert Aiwanger

Und auch was seine Wunschtrophäe angeht – ein Ministerposten – ist Hubert Aiwanger sehr zurückhaltend.

"Ich will kein Fell verteilen, wenn der Bär noch nicht erlegt ist."

Hubert Aiwanger

Richtungsweisende Freie Wähler

Hubert Aiwanger auf seinem Hof in Niederbayern.

Nur bei einem hat er kein Problem: Allein auf die Pirsch zu gehen. Schließlich ist er, und nur er, die Leitfigur der Freien Wähler. Er könne nicht verstehen, wieso es ein Problem sein sollte, wenn einer, der "nur" in einem Landesparlament säße, sogar in Berlin bekannt sei. Schließlich sei er erst 44 Jahre alt – und wolle noch länger die Geschicke der Freien Wähler lenken.

Und auch die Tatsache, dass die Freien Wähler laut Umfragen derzeit bei gerade mal sechs Prozent stehen, jagt ihm keine Angst ein. Schließlich gehe es in der Politik immer auf und ab. Außerdem sei die CSU in den letzten Monaten bei so vielen Themen den Freien Wählern "hinterher gedackelt": etwa bei der Abschaffung der Studiengebühren oder der Wahlfreiheit zwischen G8/G9.

Konkurrenz zwischen Einheimischen und Flüchtlingen

Wenn Hubert Aiwanger Zeit hat, hilft er seinen Eltern bei der Arbeit auf dem Hof.

Und die Politik der Freien Wähler sei "viel vorausschauender" als die der CSU. Etwa, wenn es um die Bewältigung der Flüchtlingsströme ginge. Aiwanger fordert die Einstellung zusätzlicher Lehrer und den Bau von Sozialwohnungen. Man müsse die Flüchtlingspolitik aus deutscher Sicht sehen. Denn gerade in größeren Städten wird es aus seiner Sicht unweigerlich zur Konkurrenz zwischen einheimischen Sozialschwachen und Migranten kommen, die auf den Wohnungsmarkt drängen.

"Ich sehe große Skepsis auch bei Rentnern, die sagen: 'Ist meine Rente später noch sicher, kann ich meine Wohnung noch bezahlen?'"

Hubert Aiwanger

Auch im unteren Segment der Arbeitssuchenden werde es Konkurrenz geben, meint Aiwanger. Diese Probleme anzusprechen habe auch nichts mit der Befeuerung von Ängsten zu tun.

"Wenn wir uns das heute alles schönreden, wird's morgen ein bitteres Erwachen geben."

Hubert Aiwanger

Wer zu Hause nicht fehlt, darf bleiben

Aiwanger hält es deshalb für essentiell, den Menschen in den Herkunftsländern mit einem Aufbauprogramm zu helfen: Damit gar nicht erst so viele nach Deutschland kommen. Und für die Flüchtlinge aus den westlichen Balkanländern, die schon in Bayern sind, wünscht er sich eine Arbeitserlaubnis. Aber eine befristete – bis zur Ausweisung. Und nicht für jeden Flüchtling. Dann nämlich könne die deutsche Wirtschaft von ihnen profitieren.

"Die, die brauchbar sind und zu Hause nicht fehlen, da kann man nichts dagegen haben."

Hubert Aiwanger

Der Chef der Landespolitik im BR-Hörfunk, Nikolaus Neumaier, und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger.

Hauptsache die Flüchtlinge bringen Deutschland was. Schließlich muss die Welt in Ordnung bleiben: in Bayern. Und in Rahstorf in Niederbayern. Dort ist Aiwanger aufgewachsen. Auch heute noch ist er sehr gerne auf dem elterlichen Hof. Hier gibt es "Vertrauen" und "Zusammenarbeit" – über Generationen hinweg.

Eine Hochzeit steht nicht zur Debatte

Traditionen und ein konservatives Wertesystem sind Aiwanger wichtig. Während der ruhigen Sommermonate war er fast täglich bei seinen Eltern. Er will für sie da sein.

Nur bei einem schert er aus – und eckt an bei den Leuten im Ort: Seine langjährige Lebensgefährtin Tanja Schweiger, Landrätin in Regensburg, will er nicht heiraten. Die beiden leben nicht einmal richtig zusammen. Er müsse nicht jedes Ritual mitmachen, meint Aiwanger. Sein Motto: "Never change a winning team."

Außer in der Politik: Da würde er das derzeitige "winning team" nur allzu gerne auswechseln und wünscht sich wohl für seine eigene Zukunft: "Waidmannsheil".


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