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Hasskommentare Sind die Parteien mit Social Media überfordert?

Hasskommentare, Beleidigungen oder Fake News. Auf den Facebook-Seiten der bayerischen Parteien toben sich die anonymen Kommentatoren aus. Vielen Parteien fehlt das Personal zur Bewältigung.

Von: Lisa Weiß

Stand: 06.12.2017

CSU auf Facebook | Bild: Bayerischer Rundfunk

Eine alte, faule, fette Made, die sich im Speck der CDU/CSU durchfrisst, am Wählerwunsch vorbei regiert – das soll Angela Merkel angeblich sein. Jedenfalls sieht das einer der Kommentatoren auf der Facebookseite der CSU so. Der Kommentar entspricht sicher nicht der Netiquette, also den Verhaltensregeln im Internet. Und er verunglimpft noch dazu die Kanzlerin und Vorsitzende der Schwesterpartei CDU. Trotzdem hat ihn die CSU bisher nicht entfernt. Es ist nicht der einzige derartige Kommentar auf der offiziellen Facebook-Seite der CSU – findet hier Community Management also gar nicht statt? Ganz im Gegenteil, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der CSU.

"Ein Team von Social-Media-Redakteuren ist damit beschäftigt, Verstöße gegen die Netiquette möglichst zeitnah zu ahnden – auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten am Abend, an Wochenenden und an Feiertagen. Wir setzen dafür ein spezielles Community-Management-Tool ein. Dies in 'Echtzeit' zu erledigen ist allerdings aufgrund der Vielzahl an Reaktionen nur schwer möglich."

Schriftliche Stellungnahme CSU

Social Media ist aufwendig

Allerdings: Der Kommentar, in dem Angela Merkel mit einer Made verglichen wird, ist schon rund sechs Wochen alt. Und wurde immer noch nicht gelöscht. Nicht nur die CSU hat in den sozialen Netzwerken ein Problem mit so genannter Hate Speech, mit Hasskommentaren. Auf den Seiten der großen Parteien gehe es ziemlich drunter und drüber, sagt Jürgen Pfeffer. Er forscht über soziale Netzwerke an der Hochschule für Politik an der TU München.

"Die erste Erkenntnis in dem Kontext ist, das Social Media Aktivitäten von Parteien weder einfach noch billig sind. Sich hier aktiv zu kümmern, bedeutet einen immensen Aufwand an Personal , eventuell auch an Kosten und diesen Schritt muss man aktiv als Partei gehen.  Ich würde es auch auf  jeden Fall jeder Partei empfehlen hier aktiv einzuschreiten. Ansonsten herrscht, wie man auf der CSU-Seite dieser Tage sieht, ziemlicher Wildwest."

Professor Jürgen Peffer, TU München

Was macht die Bayern-SPD?

Auf der Facebook-Seite der Bayern-SPD sieht es dagegen weit weniger schlimm aus. Die Kommentatoren bleiben meistens halbwegs sachlich. Allerdings gibt es viel weniger Kommentare als bei der CSU – die Bayern-SPD hat auch nur rund 16.500 Fans auf Facebook, kein Vergleich zu den über 200.000 der CSU. Seit Anfang November gibt es auch eine Community Managerin bei der Bayern-SPD – ihre Stelle wurde extra wegen des Landtagswahlkampfs eingerichtet, sagt Julia Kerzel. Auch sie hat den Eindruck: Auf der Seite der Bayern-SPD geht es relativ gesittet zu.

"Da gab’s schon hin und wieder wirklich heftige Posts, wie es wahrscheinlich jeder Partei und jeder Organisation die politisch unterwegs ist, so ergeht. Wirklich extreme Hate Speech und rassistische Kommentare kommen recht selten vor, und da hoffen wir, dass das weiterhin so bleibt."

Julia Kerzel, Bayern-SPD

Teilzeit bei den Freien Wählern

Bei den Freien Wählern kümmert sich ein Mitarbeiter in der Landesgeschäftsstelle in Teilzeit ums Community Management. Außerdem versuche man, Ehrenamtliche miteinzubinden, heißt es. Vor ein paar Monaten gab es bei den Freien Wählern eine Welle von Hasskommentaren – nur schwer zu managen vom Teilzeit-Mitarbeiter. Normalerweise geht es eher ruhig zu, etwa 2.000 Fans haben die Freien Wähler Bayern – aber Facebook und andere soziale Netzwerke seien einfach nicht das Umfeld, in dem sich mögliche Wähler aufhalten, so die Partei.

Von den Landtagsparteien bleiben noch die Grünen, rund 4.600 Fans auf Facebook. Vor der Landtagswahl soll das Budget für Online-Wahlkampf stark erhöht werden, trotzdem muss sich weiter die Pressestelle mit ums Community Management kümmern. Aggressionen im Netz richten sich meist nicht gegen die Partei, sondern gegen einzelne Personen, beobachtet Daniela Ebers, Leiterin der Abteilung Kommunikation.

"Wenn wir Inhalte von unseren Politikerinnen und Politikern wiedergeben, Videos etc. und das zu Wahlkampfzeiten, dann haben wir tatsächlich auch sehr viele Hassposts und Rückmeldungen, die aber dann meistens speziell an die Politikerinnen gerichtet sind oder die Politiker. Dann müssen wir tatsächlich Nachtschichten schieben."

Daniela Ebers, Leiterin der Abteilung Kommunikation, Die Grünen

Unterstützung durch die "Grüne Feuerwehr"

Sie löschen die Kommentare, sagt Ebers, melden sie auch. Rückmeldung von Facebook gebe es nie. Unterstützung bekommen sie von der "Grünen Feuerwehr“, einer geschlossenen Facebook-Gruppe, deren Mitglieder auf Fake News und Hasskommentare schnell reagieren sollen.  Insgesamt gibt es beim Community Management der Parteien also noch einige Verbesserungsmöglichkeiten.

"Ich glaub, aktuell wird’s von den meisten Parteien eher als Postwurfsendung wahrgenommen - man schmeißt einen Zettel in jemandes virtuelles Postfach und kümmert sich dann nicht weiter drum. Die tatsächliche Interaktion findet in den wenigsten Fällen statt."

Professor Jürgen Peffer, TU München


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Kommentare

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noch-csuler, Donnerstag, 07.Dezember, 15:13 Uhr

8. Es ist Sache der Definition

Die Begriffe "Hass" und "Hetze" sind eine Sache der Definition.
Wer-wie ich- die Auswüchse der "DDR" miterlebt hat, weiss, dass sie dazu verwendet wurden, Gegner mundtot zu machen ("kapitalistische Hetze").

Wähler, Donnerstag, 07.Dezember, 11:40 Uhr

7. Bürger werden doch auch belogen

Von wegen "allen Bürgern geht es gut". Was sollen solchen Aussagen, wo heute jeder von uns weiß, dass das eine Lüge ist.
Der Bürger muß sich Lug und Betrug von der Autolobby gefallen lassen. Wo sind da die Parteien, die sich vor den Bürger stellen.
Wieviele Bürger haben Schmidt offen ihre Ablehnung von Glyphosat gezeigt. Und es interssiert ihn nicht.
Viele Bürger sind gegen die Zerstörung der Naturlandschaft "Riedberger Horn". Interessiert es Söder? Nein!
Ich würde mir ehrliche Politiker wünschen, welche auch die Interessen von Bürgern vertreten und nicht nur die der Konzerne.
Das Ganze hängt für mich irgendwie zusammen.
Ich denke da an das Sprichwort: wie man in den Wald hineinschreit, so hallt es raus.

Niederbayer, Donnerstag, 07.Dezember, 11:07 Uhr

6. Richtig lauten müsste es: Sind die Parteien mit der wachsenden Unzufriedenheit

in der Bevölkerung, die sich auch ein Ventil in den sozialen Medien sucht, überfordert?
Was sind die Gründe für die große Wut, oder gar Hass, der sich z.T.da Bahn schafft?!
Warum so viel Frustration in der Gesellschaft?
Ist es wichtiger sich über die sog.Hassbotschaften zu echauffieren, oder sollte man sich vielleicht mehr damit beschäftigen, was diejenigen, die diese Botschaften ins Netz stellen, so umtreibt?
Wahre Größe zeigt sich nicht nur im Empört sein...
Bildet der Politsprech, nachdem die Menschen noch nie so gut leben konnten wie momentan in diesem Land, noch ausreichend die Realität ab?
Und warum kommt das Wirtschaftswachstum immer weniger bei den Menschen an usw.usf.?!
Die zunehmend soziale Kälte in diesem Land geht nicht selten einher mit menschlicher Kälte, Egoismus, Materialismus.
Am besten wäre es, wenn die Parteien die Wut und den Frust der Menschen konstruktiv aufnehmen könnten, und in eine verantwortungsvolle Politik umsetzen könnten.

Sandman, Donnerstag, 07.Dezember, 10:30 Uhr

5. Nicht nur die Parteien, auch der BR

Man muss leider sagen, dass das nicht nur Facebook und nicht nur Parteien betrifft. Auch was hier in den Kommentarbereichen vor sich geht, hat leider oft mit Diskussionskultur nichts mehr zu tun und überschreitet teilweise die Grenze zu persönlichen Angriffen und offenen Beileidigungen. Und das in einem System, in dem jeder Kommentar vor Veröffentlichung geprüft und freigegeben wird! Speziell nachts und am Wochenende scheint die Redakton nur mit Praktikanten oder Klickarbeitern besetzt zu sein, der Begriff "Moderation" erscheint mir da oft fehl am Platz.

Benno Rupp, Donnerstag, 07.Dezember, 09:33 Uhr

4. Hasskommentare, Beleidigungen....

Hasskommentare, Beleidigungen? Wie soll sich der kleine Mann wehren? Wie soll er seinen Unmut, seinen Zorn, seine Hilfslosigkeit gegen diese Machenschaften der Politik kund tun? Alles schlucken und schweigen?

  • Antwort von Nadine, Donnerstag, 07.Dezember, 10:17 Uhr

    Da hilft nur anders wählen.
    Wenn man kein Glyphosat und kein Pferdefleisch in Lasagne möchte, dann darf man nicht die CSU wählen.
    Möchte man keine 2-Klassen-Medizin, dann sollte man nicht die FDP wählen.
    Will man nicht alle paar Meter kontrolliert werden, darf man keine AfD wählen.
    etc. pp.

  • Antwort von MaYa, Donnerstag, 07.Dezember, 21:51 Uhr

    Tja, liebe Nadine...
    Es wurde anders gewählt.
    Die beiden großen Parteien haben große Verluste einstecken müssen. Dennoch sind sie immer noch dran und es läuft grade wieder auf eine GroKo raus, die offenbar viele nicht mehr haben wollten.
    Da muss noch oft gewählt werden, bis die beiden nicht mehr "die Bestimmer" sind.