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Nach dem Hochwasser in Simbach Wenn die Psyche weiter leidet

Zehn Monate nach dem großen Hochwasser in Simbach ist dort lange noch nicht alles normal. Immer noch wird abgerissen, renoviert und gebaut. Diese Schäden sind offensichtlich. Anders die seelischen Narben. Aber auch sie sind längst nicht verheilt. Menschen haben Schreckliches erlebt und müssen jetzt lernen, damit zu leben.

Von: Katharina Heudorfer und Linus Lüring

Stand: 29.03.2017

Vor zehn Monaten rauschte eine tödliche Schlammwelle durch Simbach am Inn. Die Wassermassen rissen innerhalb weniger Minuten zahlreiche Gegenstände, Autos, LKW mit sich, zerstörten Vorgärten, Häuser und ganze Ladenpassagen und sie kosteten sieben Menschen das Leben. 

Hochwasserkatastrophe in Simbach

Gegen 15 Uhr am 1. Juni reißt das Wasser eine Schneise durch die Stadt Simbach. 1.500 Notrufe gehen in den ersten Stunden ein. 480 Menschen werden gerettet, wie Viktor Meißner sagt, der evangelische Pfarrer der Stadt. 150 aus unmittelbarer Lebensgefahr, aus der Luft, über das Wasser. 500 Häuser werden zerstört, viele verlieren ihre Wohnung, viele sind in Angst.

Mit den Folgen der Hochwasserkatastrophe kämpfen die Bewohner von Simbach auch heute noch. Der Aufbau der Häuser kommt zwar voran, doch immer mehr wird auch deutlich, unter welcher emotionaler Belastung die Betroffenen leiden. Seit der Katastrophe ist nichts mehr, wie es vorher war. Die Tatsache, dass Wasser so unerwartet und gewaltsam alles überrollen kann, erschütterte viele. Manche Menschen berichten beispielsweise von Belastungsstörungen, von Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Panikattacken.

"Nachsorgeprojekt Hochwasser" des Roten Kreuzes

Der Theologe und Seelsorger Josef Mittermeier kümmert sich täglich um Betroffene in Simbach. Er ist beim Bayerischen Roten Kreuz einer von vier hauptamtlichen "Wiederaufbauhelfern" für die Seele. Seine Aufgabe wird jetzt, zehn Monate nach der Flut, immer wichtiger, denn für viele galt bislang das Motto: "Erst das Materielle reparieren, dann die Seele".

Unterstützer, Zuhörer, Ratgeber

Der Seelsorger betreut unter anderem ein Paar, das die Flut sehr mitgenommen hat. Im Oktober fuhr Josef Mittermeier zufällig bei ihrem Haus vorbei - und kam schnell ins Gespräch mit den Hofbesitzern, die bis dahin voll und ganz mit den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten beschäftigt waren.

"Zu der Zeit hat man ja bloß gearbeitet und gemacht, kam gar nicht groß zum Nachdenken. Das war der erste Tag, wo ich mit der Sabine draußen gesessen bin und gesagt hab: 'Du jetzt merk ich's auch, jetzt geht’s bei mir langsam los: Ich spüre, dass die psychische Belastung kommt.'"

Horst Thiveßen, Flutopfer

Irgendwann ist man auf sich allein gestellt

Horst Thiveßen und seine Frau traf die Katastrophe völlig unvorbereitet - laut Gutachten bestand für ihr Anwesen gar keine Hochwassergefahr. Das Wasser kam trotzdem - mit aller Wucht. Und die Schäden, die es zurückließ, waren immens.
Direkt nach der Flut gab es viel Unterstützung für das Paar. Doch irgendwann waren sie auf sich gestellt - und umso dankbarer für Josef Mittermeier, der regelmäßig bei ihnen vorbeischaute.

"Dann war auf einmal alles weg und man ist allein da gestanden. Daher war es ganz gut, dass Du jetzt vom DRK gekommen bist und gezeigt hast: Ihr seid nicht alleine! Ihr seid nicht vergessen, sondern wir helfen euch."

Horst Thiveßen, Flutopfer

Über 12.000 Menschen sind betroffen

Der Seelsorger ist nicht nur als zupackende Hand gefragt, sondern auch als Zuhörer und Ratgeber. Die Menschen reden sich bei ihm die schlimmsten Sorgen von der Seele. Wenn nötig vermittelt Josef Mittermaier auch professionelle psychologische Betreuung. Doch bei über 12.000 Menschen, die von der Flut betroffen sind, ist das eine Mammutaufgabe für die vier Seelsorger des Bayerischen Roten Kreuzes. In manchen Gebieten etwa waren sie noch gar nicht, um sich mit Betroffenen zu unterhalten. Dabei brauchen viele dringend Unterstützung - nicht nur finanziell, auch psychisch. Und das wohl noch lange.

"Wir nehmen an, dass wir auch in dem Jahr längst nicht fertig sein werden mit der Bearbeitung. Das sagen uns die Kollegen, die in Deggendorf und Passau unterwegs sind. Die Betroffenheit, die Beeinträchtigung ist immer noch da."

Josef Mittermaier, Theologe und Seelsorger beim Bayerischen Roten Kreuz

Auch Jahre danach können psychische Belastungen wieder auftreten

Diese Erfahrung hat auch Fluthilfe-Seelsorger Reiner Fleischmann in Deggendorf gemacht. Selbst vier Jahre nach dem Donau-Hochwasser ist für ihn die Arbeit noch nicht beendet. Noch immer werden beispielsweise in Niederalteich bei Deggendorf Häuser wegen Flutschäden abgerissen.

"Das verursacht erneut psychische Belastungen. Auch Fragestellungen, wie: 'Warum durfte man nicht gleich abreißen?' Fragen, die einem durch den Kopf gehen, die Psyche belasten und manchmal auch zu schlaflosen Nächten führen können."

Reiner Fleischmann, Fluthilfe-Seelsorger

Allein, dass immer wieder jemand nachfragt, hilft den Betroffenen. Doch die Helfer können keine professionelle Psychotherapie ersetzen. Deshalb ist es umso problematischer, wenn Betroffene, die einen Therapieplatz benötigen, mit Wartezeiten von eineinhalb bis zwei Jahren rechnen müssen, bis sie endlich behandelt werden können.

In Simbach könnte das besser laufen: Dort gibt es zwei Fachkliniken. Die Ärzte aber stellen fest: Viele haben Hemmungen die Angebote zu nutzen. Und manche spüren die psychischen Probleme erst spät - zum Beispiel bei der Rückkehr in ihr Haus.

"Aber dass man dann eventuell merkt: 'Ich kann mich nicht einleben. Es ist ja doch alles ganz anders!' Und obwohl klar ist: 'Wir leben in einer schönen Wohnung, das Haus ist hergerichtet ...' – aber dieser Verarbeitungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen."

Ulrike Müller-Görtz, Fachärztin für Psychosomatik, Rottal-Inn Klinik Simbach

Insgesamt drei Jahre sind für das Seelsorgeprojekt Hochwasser des BRK in Simbach angesetzt. Doch Bedarf für die wertvolle Arbeit der vier hauptamtlichen "Wiederaufbauhelfern" für die Seele beim BRK gibt es bestimmt noch länger.

Die Hochwasserkatastrophe in Bildern


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