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Shell-Jugendstudie 2015 Jugendliche sehen Zuwanderung positiv

Die Jugendlichen in Deutschland werden immer offener gegenüber Zuwanderern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Shell-Jugendstudie seit den 50er Jahren wünschen sich mehr als die Hälfte der jungen Menschen, dass künftig genauso viele Zuwanderer oder mehr nach Deutschland kommen sollen.

Von: Lorenz Storch

Stand: 13.10.2015

Einwohner begrüßen am 06.09.2015 im Hauptbahnhof in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) Flüchtlinge bei der Ankunft mit einem Plakat mit der Aufschrift "Refugees welcome".  | Bild: picture-alliance/dpa

Ausländerfeindlichkeit in Deutschland macht den 12- bis 25-Jährigen deutlich mehr Sorgen als die Ausländer selbst, hat die Jugendstudie ergeben. Das gilt in West und Ost, obwohl im Osten das Klima gegenüber Zuwanderung auch unter Heranwachsenden messbar kühler ist. Die Shell-Studie ist keine aktuelle Meinungsumfrage, so die Forscher. Die Befragungen fanden im Frühjahr statt. Aber, so Mitautor Klaus Hurrelmann, es handelt sich um einen stabilen, langfristigen Wertewandel:

"Das ist ein festes Muster. Höhere Toleranz als in älteren Bevölkerungsgruppen, niedrigere Werte beim Fremdenhass und hier sogar die Sorge, dass der Fremdenhass zunimmt."

Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Studie

Auch viele der Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, gehören der Altersgruppe bis 25 Jahre an. Für Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ist es gerade deshalb eine gute Nachricht.

So stehen Jugendliche zu Migranten

Positiver Blick in die Zukunft - aber nicht bei den Kindern der Armen

Für ihre persönliche Zukunft werden die Jugendlichen immer zuversichtlicher, 61 Prozent sehen inzwischen für sich selbst gute Aussichten. Die Zuversicht unter sozial Schwachen, einer 15 Prozent starken Gruppe, stagniert allerdings - sie fühlen sich weiter abgehängt.

"Die Shell Jugendstudie zeigt deutlich einen steigenden Optimismus der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Es ist aber sehr bedenklich, wenn diese Zuversicht bei Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen stagniert. Damit setzt sich ein Trend weiter fort, der auf Dauer verhängnisvoll für unsere Gesellschaft ist. Wir dürfen es nicht zulassen, dass der Geldbeutel der Eltern über die Zukunftschancen von Kindern in Deutschland entscheidet und fast drei Millionen Kinder von gesellschaftlichen Zukunftsperspektiven abgehängt werden."

Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes

Die Angst vor Terroranschlägen und vor Krieg in Europa ist stark gestiegen - aber trotzdem beurteilt zum ersten Mal seit den 90er Jahren die Mehrheit der Jugendlichen auch die Zukunft für ganz Deutschland optimistisch - Soziologe Mathias Albert:

"Da reibt man sich erst mal die Augen natürlich. Ich mein, islamischer Staat, Euro-Krise, Ukraine-Konflikt usw., usw. und der Optimismus hinsichtlich der gesellschaftlichen Zukunft nimmt zu. Das ist jetzt kein Ausdruck von Weltfremdheit und auch kein Ausdruck von Naivität, es ist auch und vor allem der Ausdruck einer weiterhin pragmatischen Grundhaltung."

Mathias Albert, Soziologe

Mehr Interesse an Politik

Die Jugendlichen interessieren sich auch wieder mehr für Politik - wenngleich sie sich mit Parteien weiter wenig identifizieren. Sie engagieren sich weniger ehrenamtlich - was die Forscher auf die Schule zuzrückführen, die immer mehr vom Zeitbudget der Jugendlichen in Anspruch nimmt.

"Interesse an Politik"

Wichtige Werte: Recht, Ordnung, Sicherheit und Familie

Junge Deutsche legen großen Wert auf Gesetz und Ordnung, wünschen sich einen sicheren Job dringender als ein hohes Gehalt. Familie ist für sie ein hohes Gut, mehr als 90 Prozent pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht wünschen sich häufiger selbst Nachwuchs als Arme, Frauen häufiger als Männer - insgesamt hat der Wunsch nach eigenen Kindern aber in den letzten fünf Jahren deutlich abgenommen. Was Familienministerin Schwesig so erklärt:

"... dass man nicht Familie total der Arbeitswelt unterordnen will. Und die junge Generation sieht kritisch, dass die Arbeitswelt aber genau das derzeit in großen Teilen verlangt. Umso wichtiger ist es, und das sehe ich als meine Aufgabe an, dass es mehr gelingt, Beruf und Familie zusammenzubringen."

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig

Allerdings fällen Eltern in Deutschland ihre Entscheidung für Kinder auch immer später - und damit nach dem Alter bis 25 Jahren, das die Jugendstudie erfasst. Und die reale Zahl der Geburten ist 2014 zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder gestiegen.

Interesse an der Welt

Hintergrund

Die Shell Jugendstudien zählen zu den umfassendsten und fundiertesten Untersuchungen zum Thema Jugend. Sie werden seit 1953 vom Mineralölunternehmen Deutsche Shell finanziert und im Abstand von drei bis fünf Jahren veröffentlicht. Unabhängige Forschungsinstitute ermitteln jeweils die aktuellen Sichtweisen, Stimmungen und Erwartungen junger Leute in Deutschland. Für die 17. Studie wurden Anfang 2015 mehr als 2.500 Mädchen und Jungen zwischen 12 und 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zur Politik befragt.


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