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100 Jahre Synagoge Augsburg Wie das Gotteshaus die Nazis überstand

Bis heute gilt die Augsburger Synagoge als eine der schönsten in Europa. Dass nun das hundertjährige Bestehen des Gotteshauses gefeiert werden kann, ist ungewöhnlich - und einer Tankstelle zu verdanken.

Stand: 03.04.2017

1938, die Nacht vom 9. auf den 10. November: Im Reich der Nazis gehen mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige jüdische Versammlungsräume in Flammen auf. Auch die Augsburger Synagoge wird in der Reichspogromnacht gestürmt. Teile der Inneneinrichtung werden zerstört, der Tempelraum in Brand gesetzt.

Anders als in den meisten Städten rückt jedoch die Feuerwehr aus, um den Brand zu löschen. Jedoch nicht, um die Synagoge zu erhalten. Vielmehr soll verhindert werden, dass Flammen auf umstehende Gebäude und eine nahe gelegene Tankstelle übergreifen. Die Nazis fürchteten wohl eine mögliche Explosion im Stadtzentrum.

Flak auf dem Dach

Geweiht am 4. April 1917: Die Augsburger Synagoge

So wurde verhindert, dass die Synagoge vollständig ausbrannte. Für Gottesdienste war der demolierte Bau dennoch nicht mehr zu gebrauchen. Stattdessen wurden die städtische Wohlfahrtsstelle und die Kleiderkammer einquartiert. Zudem wurde die Synagoge ein Sammellager für Deportationen jüdischer Familien aus Schwaben. Auf der Spitze der Kuppel brachten die Nazis eine Flak-Stellung unter.

Es dauerte lange, bis die Synagoge wieder für ihren eigentlichen Sinn genutzt werden konnte: Zwischen 1974 und 1985 wurden die Schäden der Pogromnacht beseitigt, der Kultraum wieder hergestellt und schließlich eingeweiht. Seitdem beherbergt der Bau in seinem Westtrakt auch das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, das 1985 als erstes selbstständiges jüdisches Museum in Deutschland nach dem Krieg gegründet wurde.

"Eine Zierde der Stadt und ein Stolz der Gemeinde"

Gemeinderabbiner Richard Grünfeld zur Gründung am 4. April 1917

In Form eines byzantinischen Kreuzes mit vier tonnengewölbten Kreuzarmen erhebt sich die 29 Meter hohe Kuppel

Der Bau galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Idealtyp einer modernen Synagoge. Die Architekten Lömpel und Landauer nahmen für den Prachtbau Anleihen in der Antike wie dem Jugendstil und verwendeten außerdem orientalische Elemente. Mit ihrer Kuppel von 29 Metern gilt die Augsburger Synagoge auch heute als eine der schönsten Europas.

Diesen kulturellen Schatz können die Augsburger zum 100-jährigen Geburtstag der Synagoge im Rahmen von Führungen Mittwochs und Sonntags entdecken. Ein Festakt der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg ist für den 28. Juni geplant. Dazu hat sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angekündigt.


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