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"Stolpersteine" auf öffentlichem Grund In Augsburg ist der Anfang gemacht

Der Künstler Gunter Demnig hat in Augsburg an sechs Stellen die ersten "Stolpersteine" auf öffentlichem Grund verlegt. Sie sollen an die Opfer des NS-Regimes erinnern. Grünen-Politikerin Claudia Roth begrüßte die Aktion.

Von: Barbara Leinfelder

Stand: 04.05.2017

Demnig wollte eigentlich 20 Steine setzen. Der Augsburger Stadtrat hatte aber nur der Verlegung von zwölf Gedenksteinen auf öffentlichem Grund zugestimmt. Laut Kulturreferent Thomas Weitzel sei der Opferbegriff auf Menschen beschränkt worden, die bis 1945 zu Tode gekommen sind. Man könne nicht alle Opfer über einen Kamm scheren. Weitzel nannte als Beispiel einen Stein, der an einen von den Nazis verfolgten Widerstandskämpfer erinnern soll, der aber erst fast sechs Jahrzehnte nach Kriegsende starb.

Ermordet in Auschwitz

Künstler Gunter Demnig und Miriam Friedmann, die Enkelin der Augsburger Holocaust-Opfer Emma und Eugen Oberdorfer.

Der Künstler hält nichts von einer Einschränkung des Opferbegriffs und wirft der Stadt eine "abstruse Denkart" vor. Er sprach von einer "Kastration" seines Projektes und setzte für die acht Stolpersteine, die nicht genehmigt wurden, Platzhalter auf den Gehwegen ein. Dadurch solle es zu einer Diskussion über das Gedenken kommen.

Die ersten beiden Stolpersteine, die er am frühen Vormittag auf der Maximilianstraße verlegte, erinnern an Emma und Eugen Oberdorfer. Beide wurden 1943 ins KZ Theresienstadt deportiert und später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Der dritte Stein erinnert an das Schirmgeschäft von Jacob Oberdorfer. Er wurde 1938 enteignet.

Kritik auch von jüdischer Seite

Rabbiner Henry Brandt

Auch die jüdische Kultusgemeinde steht der Verlegung der Stolpersteine kritisch gegenüber, weil damit ihrer Ansicht nach der Name der Opfer in den Schmutz getreten werde. Die Stadt hat sich deshalb um einen Kompromiss bemüht, mit dem nun auch der Augsburger Rabbiner Henry Brandt leben kann, wie er dem BR sagte. Einigen jüdischen Augsburger Opfern des Nationalsozialismus soll über "Erinnerungsbänder in Augenhöhe" an Laternenmasten gedacht werden. Der Rabbiner betonte, dass dieser Kompromiss aber auch "kein fauler" sein dürfe. Die Stadt sei gefordert, die Vereinbarung einzuhalten.

Roth: Debatte bekommt neue Perspektive

Die Grünen-Politikerin und Augsburgerin Claudia Roth sagte dem BR, die Kunstaktion bedeute, den Opfern "die Heimat zurückzugeben". Damit würden die Bürger Augsburgs jeden Tag aufs Neue mit der Historie konfrontiert. Roth erteilte damit eine Absage an alle, die versuchten, "Geschichte zu relativieren" oder das "Völkische wieder zurückzubringen".

Angesprochen auf die Platzhalter sagte Roth, sie begrüße die Auseinandersetzung. Damit gehe die Erinnerungsarbeit weiter. Das Allerwichtigste sei, zusammen mit den Angehörigen einen Konsens zu finden. Die einen würden die Stolpersteine bevorzugen, die anderen die Erinnerungsbänder. Auch die Augsburger NS-Opfer, die das Kriegsende überlebt haben, sollten nicht vergessen werden. "Mit dem heutigen Tag wird eine Debatte über die Geschichte unserer Stadt nicht beendet, sondern sie bekommt noch mal eine ganz neue Perspektive, und das ist gut", so Roth.


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harry greza, Donnerstag, 04.Mai, 14:02 Uhr

4. stolpersteine in augsburg

endlich gibt es auch "stolpersteine" in augsburg - warum verhindert man das immer noch in münchen und anderswo?
dank der beiden engagierten künstler demnig und kastner wird die erinnerung an die dunkle zeit präsent bleiben. das ist nun wieder wichtig, wo der dumpfe nationalismus wieder konjunktur hat. das argument von jüdischen gemeindevertretern, dass das gedenken "in den schmutz getreten" werde, kann ich nicht nachvollziehen.

  • Antwort von Sarah, Donnerstag, 04.Mai, 14:37 Uhr

    In der Sowjetunion haben die Nazis noch mehr Menschen ermordet und gequält, trotzdem finden die Sanktionen gegen Russland kein Ende. Unter den Sanktionen leiden sicher nur die ärmsten Russen, den da oben im Kremlin fehlt sicher an nichts.

  • Antwort von Uwe, Donnerstag, 04.Mai, 16:44 Uhr

    Kein Zweifel, dass die SU unter dem Krieg gelitten haben, genauso wie Frankreich, Benelux etc. Aber das sind Staaten, gegen die Krieg geführt wurde. Die massenhafte Ermordung von Juden ist aber eine ganz andere Geschichte. Und was Kriegsverbrechen angeht, waren die Russen auch keine Waisenknaben. Ich erinnere da nur mal an die Ermordung von Polen. Und die vielen Geschichten nach dem Krieg, Prager Frühling, Aufstand in der DDR und Ungarn usw. Aber von sowas hört man natürlich nichts in den russischen Propagandamedien.

Renate, Donnerstag, 04.Mai, 13:47 Uhr

3. "Stolpersteine" auf öffentlichem Grund, muß das sein?

"Stolpersteine" auf öffentlichem Grund, muß das sein? Kann man die traurige Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen?

  • Antwort von Haderner, Donnerstag, 04.Mai, 14:04 Uhr

    Kann man die traurige Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen?

    Leider nein, schauen sie sich die Kommentare in den Foren an, dann
    erübrigt sich die Frage.
    Ewiggestrige kommen wieder aus ihren "Löchern" .

  • Antwort von Leo Bronstein, Donnerstag, 04.Mai, 15:05 Uhr

    Während andere bereits längst ihre >Löcher< verlassen haben, oder in Deutschland >angekommen< sind.

    deutschlandfunk(de), 18.05.2015 >Antisemitismus an Schulen"Du Jude, du Opfer!"<
    faz(net), 14.07.2014 >Anti-Israel-Parolen über Polizeilautsprecher verbreitet<
    rbb-online(de), 03.04.17 >Antisemitische Vorfälle sorgen für Empörung<

  • Antwort von Haderner, Donnerstag, 04.Mai, 18:32 Uhr

    Leo Bronstein
    Warum meinen sie, dass ich diese Vorfälle nicht kenne.
    Es gibt Menschen die ihre Hinweise nicht brauchen.

    Oder wollen sie jetzt die Nazis besser hinstellen, weil es auch Muslime gibt,
    die Juden diskriminieren. Ist dann ja nicht so schlimm.

    Antisemitismus ist immer verachtenswert.
    Das sollten gerade wir Deutschen wissen.

Ernst, Donnerstag, 04.Mai, 11:26 Uhr

2. Mal ehrlich: Wer bückt sich denn wirklich, wenn ein Toter am Boden liegt?

Niemand. Schon mal beobachtet?

  • Antwort von Jochen, Donnerstag, 04.Mai, 13:54 Uhr

    Gedenksteine dort wo Hunde gassigehen? Wenn man schon unbedingt an die alten Verbrechen erinnern möchte, dann die Gedenktafel lieber an den Hauseingang befestigen, wo die Opfer mal gewohnt haben.

  • Antwort von Renate E., Donnerstag, 04.Mai, 15:27 Uhr

    Jochen, genau deswegen will ja in München nichts werden mit den Stolpersteinen. Ein wirklich blöder Brauch, vor allem in Hinsicht des "Drauflatschens". Doch dem Erfinder ist dadurch wohl schon eine "goldene Nase" gewachsen. Tja, die Ansichten sind eben verschieden.

Atze, Donnerstag, 04.Mai, 10:59 Uhr

1. Es wird Zeit

dass an die Judenverfolgung erinnert wird. Jeder sollte zum Nachdenken angeregt werden, damit D. nicht wieder einen " Höhenflug" bekommt und dann im Keller landet.

  • Antwort von Elisabeth, Donnerstag, 04.Mai, 14:45 Uhr

    Wir haben hier die US-Army und die NSA, die passen schon auf, damit hier nicht die Falschen an die Macht kommen. Außerdem einen neuen Krieg will sicher niemand, weil der wäre sicher der absolut letzte Krieg. Die paar NPD-Spinner spielen keine Rolle.

  • Antwort von Uwe, Donnerstag, 04.Mai, 17:00 Uhr

    @Elisabeth, die Army haben wir schon länger nicht mehr im Land, aber vielleicht sind Sie zu jung, um die 60er, 70er und 80er erlebt zu haben. Da gab es noch eine Menge US Kasernen. Die NSA hatten wir noch nie. Und Einfluss auf unsere Art der Demokratie oder wer hier regiert haben die auch nicht. Richtig ist, dass die NPD keine Rolle spielt - daher ist sie ja auch, trotz verfassungsfeindlich, nicht verboten worden. Aber es gibt AfD, Pegidia und Konsorten. Daher muss man immer wieder daran erinnern, was für üble Folgen Nationalismus hat.