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Prozess in der Türkei Sohn von Mesale Tolu soll nach Deutschland

Der Sohn der Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu soll nach Deutschland kommen. Bisher hatte er mit der Mutter in der Türkei im Gefängnis gelebt. Nach dem ersten Prozesstag hat sich Mesales Bruder Hüseyin sehr enttäuscht geäußert. Grünen-Politikerin Claudia Roth macht der Türkei schwere Vorwürfe.

Von: Frank Wiesner und Joseph Weidl

Stand: 12.10.2017

Die in der Türkei verhaftete Mesale Tolu mit ihrem Sohn | Bild: BR/Familie Tolu

Wirklich überrascht ist Hüseyin Tolu nicht von der Entscheidung des Gerichts, dass seine 32-jährige Schwester weiter in Untersuchungshaft im Frauengefängnis Bakirköy bleiben muss. Trotzdem ist er wütend. Ein fairer Prozess sehe für ihn anders aus:

"Ein Richter, der sie schon ins Gefängnis gebracht hat, ein Richter der schon im August wegen Fluchtgefahr eine Freilassung abgelehnt hat. Dass genau dieser Richter dann heute die Entscheidung treffen sollte - das ist ja klar gewesen, dass die da nicht frei kommt. Da hat sich heute noch einmal gezeigt, dass die Türkei definitiv kein demokratischer, kein Rechtsstaat mehr ist."

Hüseyin Tolu, Bruder von Mesale Tolu

Sohn von Mesale Tolu soll nach Deutschland

Ihr zweieinhalbjähriger Sohn, der bisher freiwillig bei Mesale Tolu im Gefängnis gelebt hat, wird auf Wunsch seiner Mutter jetzt nach Deutschland gebracht. Er soll zunächst bei Hüseyin Tolu in Neu-Ulm leben; Tolus Mann und Vater des Kinder sitzt ebenfalls in der Türkei in Haft.

"Serkan wird diese Woche noch nach Deutschland gebracht, dann bleibt er bei uns. Da ist ein Kind mehr in der Familie, ich muss mir Zeit nehmen dafür. Aber ich mache das gerne."

Hüseyin Tolu, Bruder von Mesale Tolu

Zumindest bis zum 18. Dezember wird sich also die Neu-Ulmer Familie um den Zweieinhalbjährigen kümmern. Dann soll in Istanbul der Prozess weitergehen.

Roth: Türkei führt Logik des Unrechts gnadenlos fort

Aus Sicht von Grünen-Politikerin Claudia Roth, die für Augsburg im Bundestag sitzt, passt die Fortsetzung der U-Haft und der späte Termin für den zweiten Verhandlungstag ins Bild einer Türkei, die sich "immer mehr von rechtsstaatlichen Normen verabschiedet und eine vermeintliche Logik des Unrechts gnadenlos fortführt". Die Terrorismusvorwürfe gegen die 32-Jährige seien "völlig aus der Luft gegriffen, der Prozess ist politisch motiviert", erklärte Roth auf Anfrage des BR.

"Mesale Tolu gehört freigelassen."

Grünen-Politikerin Claudia Roth

Deutscher Anwalt kritisiert Prozessverlauf

Dieter Hummel, einer der deutschen Anwälte der in der Türkei inhaftierten Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu, hat sich zu dem Ergebnis des ersten Prozesstages kritisch geäußert. Dem BR sagte er am Donnerstag (12.10.) aus Istanbul am Telefon:

"Wir sind davon ausgegangen, dass nach dem Verlauf der Verhandlung die Angeklagten zumindest unter Auflagen von der Haft verschont werden. Dies ist auch für einen Großteil der Beschuldigten geschehen. […]Allerdings sind sechs noch in Haft geblieben, darunter auch Frau Tolu. Das können wir nach dem Verlauf der Verhandlung und nach den Anklagevorwürfen überhaupt nicht nachvollziehen. Wir verstehen es einfach nicht, welche Kriterien da angelegt worden sind. Nach dem Verlauf der Hauptverhandlung hätte eigentlich eine Freilassung im Raum gestanden."

Dieter Hummel, Anwalt von Mesale Tolu

Zusammen mit den Anwälten aus der Türkei wolle man in der nächsten Woche beraten, ob es sinnvoll sei, noch einmal Haftentlassungsanträge zu stellen, bevor der Prozess fortgesetzt wird.

"Die Entscheidung des Gerichts hat ein weiteres Mal gezeigt, dass sich die Türkei von einem Rechtsstaat zu einem Terrorstaat entwickelt. Alle Anschuldigungen gegen Mesale Tolu sind haltlos und aus der Luft gegriffen. Mesale Tolu wird wie viele andere Journalistinnen und Journalisten und wie viele andere Menschen in diesem Land als Geisel in Haft genommen. Und das können wir nicht hinnehmen."

Karl-Heinz Brunner, SPD-Bundestagsabgeordnerter und Vorsitzender des Kreisverbandes Neu-Ulm


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