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Arzt kämpft gegen Kassen Pleite auf Rezept

Wer krank ist, bekommt ein Rezept – für Medikamente oder Heilmittel. Verschreiben Ärzte zu viel, gibt es oft Ärger mit den Krankenkassen. Im äußersten Fall haften sie sogar mit ihrem Privatvermögen. Gegen dieses System kämpft ein Dillinger Arzt.

Von: Judith Zacher und Matthias Lauer

Stand: 21.03.2017

Arzt hält Stethoskop in der Hand | Bild: picture-alliance/dpa

Bei den Verordnungen der Ärzte reden die Krankenkassen mit. Im Extremfall müssen Ärzte sogar mit ihrem Privatvermögen haften, wenn sie in den Augen der Kassen zu viel verordnet haben. Das sagt der Arzt Alexander Zaune.

Der Mediziner aus Dillingen beklagt, dass es so etwas in keinem anderen europäischen Land gebe. Das koste Zeit, so Zaune, im Endeffekt aber auch Geld. Als unsere Reporterin in seiner Dillinger Hausarztpraxis vorbeischaut, behandelt er gerade seine Patientin Lilly, die schon lange seine Patientin ist. Die 47-Jährige hat schon einiges hinter sich: Eine Operation an der Halswirbelsäule und einen Bandscheibenvorfall. Ihr Arm und ihre Finger zeigen immer wieder Lähmungserscheinungen. Was ihr hilft ist regelmäßige Physiotherapie.

"Wenn ich das nicht habe, bekomme ich mehr Schmerzen. Ich mach auch Rückenschule, aber ohne professionelle Hilfe, ist mein Leben wirklich schwierig."

Lilly, Patientin

Hausarzt Alexander Zaune nickt anerkennend. So braucht seine Patientin kaum Schmerzmittel, und schon seit längerem war kein stationärer Aufenthalt mehr nötig:

"Mit diesem interdisziplinäres Konzept – zwischen Orthopäde, Hausarzt, Patientin und Physiotherapeut, sind wir nicht teuer."

Alexander Zaune, Hausarzt

Trotzdem handelt er - aus Sicht der Kassen - unwirtschaftlich. Nach den geltenden Vorschriften dürfte Hausarzt Alexander Zaune Lilly nicht dauerhaft Krankenymnastik verschreiben – der Grund: Ihre Diagnose steht nicht im Heilmittelkatalog.

Viele Anträge - viele Ablehnungen

24 Anträge - alle abgelehnt

Wird die Diagnose nicht im Katalog aufgeführt, kann der Arzt einen individuellen Antrag bei der Kasse stellen. Das hat Zaune gemacht. Der Antrag aber wurde, wie 24 andere auch, abgelehnt. Deshalb ist Lilly verzweifelt und durcheinander. Sie sagt, in dem Brief stehe, dass der Arzt nach den gültigen Regeln weiterbehandeln könne. Das sei ein Hohn, denn nach zwei oder drei Rezepten müsste er immer eine Pause von zwölf Wochen einlegen. Davon aber hält auch Physiotherapeut Dennis Reichert nichts:

"Dann kann man bei Null anfangen, weil die Schmerzproblematik höher ist. Außerdem hat sich Muskulatur abgebaut. Das erarbeite ich mit den drei Rezepten, die im Regelfall ausgestellt werden können. Danach ist aber wieder Pause."

Dennis Reichert, Physiotherapeut  

Verschreibt der Mediziner trotzdem weiter, weil er es aus ärztlicher Sicht für notwendig hält, handelt er in den Augen der Kasse unwirtschaftlich – sprich: er verursacht mehr Kosten als andere Ärzte. Dann kann es sein, dass er geprüft wird. Das sei europaweit einzigartig – meint Zaune. Er kritisiert, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen würden: 

"Einer, der einen Hausarztsitz in München hat und Proktologie macht, hat einen niedrigeren Durchschnittswert an Verordnungen als ein Hausarzt in Dillingen, der selber viele Verordnungen rausschreiben muss und wo nur eine orthopädische Versorgerpraxis in der Nähe ist."

Alexander Zaune, Hausarzt

"Das System dient den Versicherten"

Trotzdem besteht dieses System seit Jahren. Ein System, sagt Florian Lanz, Pressesprecher vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, diene letztlich jedem einzelnen gesetzlich Versicherten:

"Das Geld haben ja vorher Sie und ich an die Kasse gezahlt. Deshalb ist es wichtig, dass die Kasse guckt, ob vernünftig damit umgegangen wird."

Florian Lanz, Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen

Genau das aber tue er ja, beteuert Zaune – genau wie seine Kollegen. Trotzdem kann er von mehreren Praxen im Raum Dillingen berichten, die mit solchen Zahlungsandrohungen zu kämpfen hatten – auch aktuell:

"In Dillingen gibt es den Fall, dass einer großen, vertragsärztlichen Versorgerpraxis eine Strafe in Höhe einer sechsstelligen Höhe angedroht worden ist. Und wir verordnen nicht Mondscheintanzen. Wir machen nichts anderes, als den Bedarf der Patienten zu verordnen."

Alexander Zaune, Hausarzt

Das müsse sich ändern, sagt der Dillinger Hausarzt. Nicht um seinetwillen, sondern weil seiner Meinung nach die gesundheitliche Versorgung der Menschen auf dem Land auf dem Spiel steht:  

"Kein junger Arzt wird das mehr mitmachen und Heilmittelkataloge mit Hunderten Seiten lesen."

Alexander Zaune, Hausarzt


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