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Jahrelanger Streit beigelegt CSU beschließt Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium

Nach jahrelangen Debatten und Diskussionen kehrt Bayern zum neunjährigen Gymnasium zurück. Das hat die CSU-Fraktion am Mittwoch in München beschlossen. Start der Reformen soll bereits 2018 sein.

Von: Regina Kirschner und Johannes Reichart

Stand: 05.04.2017

Die rolle Rückwärts zum neunjährigen Gymnasium ist beschlossen. Bis auf eine Enthaltung stimmten am Ende alle CSU-Abgeordneten dem Bildungspaket zu. Der Start der Reform soll zum Schuljahr 2018/19 erfolgen, aber schon die in diesem Herbst von der Grundschule ans Gymnasium wechselnden Kinder werden wieder erst nach neun Jahren das Abitur machen.

Der CSU-Bildungspolitiker Gerhard Waschler lobte das neue G9 mit Überholspur schon vor der heutigen Sitzung: 

"Wir kommen den Schülern und den Eltern entgegen und schaffen einen Mehrwehrt, der einen pädagogischen Charme hat."

Gerhard Waschler

Die Gymnasiasten dürfte besonders eines freuen: Im neuen G9 wird es in der Unter- und Mittelstufe weniger Nachmittagsunterricht geben. Aber trotzdem bleibt die Qualität und der Anspruch erhalten, betont CSU-Politiker Waschler:

"Das Gymnasium wird nicht leichter. Es beginnt mit zwei Fremdsprachen in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe. Das Fünf-Fächer-Abitur in der gymnasialen Oberstufe am Ende wird nach wie vor in hoher Qualität bleiben."

Gerhard Waschler

Überholspur in der achten Klasse

Konkret soll das G9 mit Überholspur so funktionieren: Die Schüler können sich nach der achten Klasse entscheiden, ob sie das Gymnasium in acht oder neun Jahren abschließen wollen. Für die Schnellen gibt es dann in der neunten und zehnten Klasse Zusatzkurse. Die elfte Klasse lassen die Überholer aus oder sie nutzen das Jahr für einen Auslandsaufenthalt. Für die anderen, die G9-Schüler, bietet die 11. Klasse eine Verstärkung der Kernfächer, aber auch zusätzliche Angebote wie Sozialkunde- und Informatikunterricht. Aber die 11. Klasse darf nicht beliebig werden, warnt der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll. Und: Es müsse vor allem auch über das pädagogische Konzept am Gymnasium gesprochen werden. Darüber sei bisher nur wenig bekannt:

"Wir brauchen politische Bildung und digitale Bildung von Anfang an. Das darf auf keinen Fall nur in der elften Klasse stattfinden."

Martin Güll

Über die Rückkehr zum G9 freut sich die SPD aber sehr. Schließlich hat sie seit fast 15 Jahren dafür gekämpft.  2004 hatte der frühere Ministerpräsident Stoiber das G8 im Schnellschuss eingeführt. Die Kritik am verkürzten Gymnasium riss seitdem nicht ab. Es wurde viel daran herumgedoktert und darüber gestritten – parteiübergreifend, aber auch innerhalb der CSU. Erst die Idee, gleich ein ganzes Bildungspaket zu verabschieden, hat den Streit in der CSU-Fraktion beendet.

2018 geht es los

Die Reform sieht 2.000 neue Stellen vor, an Gymnasien, Real-, Mittel-, Sonder- und Berufsschulen. Mindestens 870 Mio. Euro wird das Gesamtpaket über mehrere Jahre kosten, 250 Mio. für neue Lehrer, die restlichen 620 Mio. für Schulbauten und -erweiterungen.

Der Start der Reform ist für Herbst 2018 geplant. Die jetzigen Viertklässler werden also der erste Jahrgang des neuen G9 sein. Ein Großteil der Eltern und Schüler dürften sich über die Reform freuen. Auch sie fordern schon seit Langem eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 – wie auch die Gymnasiallehrer. Walter Baier vom Gymnasium im oberbayerischen Bruckmühl erwartet echte Verbesserungen:

"Wenn wir jetzt wieder Zeit hätten zu Vertiefung einzelner Inhalte, was das Gymnasium ja ausmacht, dann würde uns das sehr entgegenkommen."

Walter Baier

Laut Kultusminister Ludwig Spaenle soll die Reform nun 25 Jahre lang halten. Ganz klar, die CSU erhofft sich nun endlich Ruhe an der Schulfront. Schließlich stehen Bundes- und Landtagswahlen vor der Tür.


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Wachmeier Hermann, Samstag, 08.April, 13:41 Uhr

16. G 9 - Haben auch derzeitige Schüler im Gymnasium diese Möglichkeit?

Meine Tochter besucht derzeit die 8. Klasse im Gymnasium. Gibt es für sie eine Möglichkeit, auf das G 9 umzusteigen?

Jan, Donnerstag, 06.April, 08:45 Uhr

15. Start G9 Ende 2018 - aber jetzige Viertklässler betroffen????

Eine Sache ist mir wirklich schleierhaft: Wenn die Rückkehr zum G9 wie berichtet Ende 2018 umgesetzt werden soll, wie können dann jetzige Viertklässler betroffen sein? Jetzige Viertklässler kommen doch schon im Herbst 2017 auf die weiterführenden Schulen!

Bitte um Klärung - unser Sohn ist nämlich gerade in der 4. Klasse. Vielen Dank im Voraus!

Antwort der Redaktion: Ab dem Schuljahr 2018 werden die fünften und sechsten Klassen der Gymnasien zum G9 zurückkehren. Heißt für Ihren Sohn: Er ist dann in der 6. , also schon beim G9 dabei! Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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Freilerner, Mittwoch, 05.April, 23:02 Uhr

14. Freies Lernen - Es geht nicht nur um G8 oder G9

Meiner Meinung nach geht es nicht primär nur um die Frage G8 oder G9. OK, G9 scheint doch besser zu sein als G8, weil man es nicht hinbekam den Lehrplan auszudünnen. Ich favorisiere aber ganz klar eine Entwicklung hin zum "Freien Lernen". Jeder Mensch, jedes Kind ist ein Individuum mit unterschiedlichen Interessen. Was ist dann der Sinn dahinter, wirklich ALLEN Kindern "mehr oder weniger" das selbe beibringen zu wollen ? Die Wahlmöglichkeiten während der Schullaufbahn sind objektiv gesehen extrem gering. In dieser Hinsicht kann es meiner Meinung nach so nicht weitergehen. Dazu gehört nicht zuletzt auch eine Abschaffung des extremen Schulzwanges in Deutschland, die meisten anderen Länder sind da liberaler.

  • Antwort von Sori Monti , Mittwoch, 05.April, 23:35 Uhr

    Extremer Schulzwang ?!
    Wie viele möchten auf dieser Welt in die Schule gehen und haben keine Möglichkeit.

    Wie schaut denn ihr freies Lernen in der Praxis aus ?
    Das würde mich interessieren.
    Jeder so wie er/sie gerade Lust hat ?
    Fächerwahl auch nach Lust und Laune ?

    Beim Studium geht es dann auch so weiter und später im Beruf ?

  • Antwort von Freilerner, Donnerstag, 06.April, 11:17 Uhr

    In anderen Ländern gibt es meist nur eine Bildungspflicht, aber nicht die Regel, dass das Kind zwingend täglich in einer Schule anwesend sein muss. Ja, freies Lernen heisst tatsächlich "jede/r lernt das auf was sie/er gerade Lust hat". Dann macht das Lernen auch immer Freude. Alles was unter Zwang gelernt werden muss, bleibt ohnehin nicht hängen und wird später sogar oft gehasst. Wenn sie mehr über freies Lernen wissen möchten, dann empfehle ich, sich mal mit Montessori, Waldorf, Sudbury und dergleichen zu befassen. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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  • Antwort von Sori Monti, Donnerstag, 06.April, 13:22 Uhr

    Freilerner
    Habe ich !
    Deshalb bin ich auch so skeptisch.
    Ich bin älter als sie und habe viele Kinder, Jugendliche und
    Erwachsene kennengelernt, wo das gründlich schiefgegangen ist.

  • Antwort von Freilerner, Donnerstag, 06.April, 15:28 Uhr

    Ok das kann schon sein. Aber es gibt sicherlich auch viele, bei denen es trotz normalem Schulbesuch auch "schief gegangen" ist. Das perfekte System gibt es wohl nicht, ebenso wie kein Mensch perfekt ist.

  • Antwort von Sori Monti, Donnerstag, 06.April, 16:56 Uhr

    Freilerner
    Wenn es viele gibt, bei denen es nicht so ist, freut mich das.
    Ich muss kein Rechthaber sein, bloß weil ich skeptisch bin und
    andere Erfahrungen gemacht habe.
    Alles Gute !

100 % Erneuerbare, Mittwoch, 05.April, 22:04 Uhr

13. es geht auf die Wahlen zu.....

man merkt, dass es auf die Wahlen zugeht. Da will man die Fehler aus der Vergangenheit wieder korrigieren. Normal rudern Politiker ja sehr ungerne wieder zurück, es sei denn, es fahren kaum noch Fahrgäste (Wähler) im Boot mit :)

  • Antwort von Truderinger, Mittwoch, 05.April, 22:48 Uhr

    Soll die Politik den Betrieb einstellen, nur damit ihr niemand Wahlmanöver unterstellen kann?

  • Antwort von Vater, Donnerstag, 06.April, 13:53 Uhr

    Und damit es möglichst lange in Erinnerung bleibt (bis zum Wahltermin), darum zögert man die Entscheidung so lange wie möglich hinaus. Dafür nennt man die Korrektur des Versagens und der Fehlentscheidungen der eigenen Partei jetzt "historisch"

20jähriger, Mittwoch, 05.April, 19:19 Uhr

12. Die "Persönlichkeit" ist unwichtig, die "Erziehung" auch

sondern das Lernen, Lernen, Lernen, die Fähigkeit sich dauerhaft mit etwas zu beschäftigen. Die Erziehung ist Sache der Eltern, die Persönlichkeit muss sich selbst entwickeln. Die Individualität entwickelt sich dann am Besten, wenn man die Schüler nicht zum Versuchtsier von machbesessenen und dummen Ideologen macht. Die Realität sieht so aus, dass Lehrer im allgemeinen faul sein können, weil Eltern vom Geschäft nichts verstehen und diejenigen mundtot machen, die etwas davon verstehen. Direktoren sind Funktionäre, die sich gesellschaftlich wichtig machen wollen. Beides ist Gift für die Schulen. Und dann kommen natürlich die Narren (v.a. Lehrerinnen), die meinen, dass man das Niveau der begabten und individuellen Schüler an das der weniger begabten und weniger individuellen Schüler anpassen muss. Da kommen dann halt junge Leute heraus, die nich wirklich intelligent sind.

  • Antwort von Atze, Mittwoch, 05.April, 20:04 Uhr

    Aber zu welchem Zweck soll sich die Persönlichkeit entwickeln? Doch bestimmt nicht nur zum egoistischen Selbstzweck.Der Mensch als gesellschaftliches Wesen kann sich am Besten entwickeln, wenn er frei von Ausbeutung ist.Solange Andere an ihm verdienen, kann er sich dumm und dämlich lernen oder arbeiten.Er muss auch über sich nachdenken und mit beiden Beinen im Leben stehen. Reicht also nicht aus, nur lernen, lernen...sondern die Welt aktiv gestalten.

  • Antwort von Individuelle, Mittwoch, 05.April, 20:37 Uhr

    Wo um Gottes Willen sind sie zur Schule gegangen ?
    Auch bei meinem Sohn gabe es gute, sehr gute, aber auch weniger gute Lehrer
    und Lehrerinnen.
    Das werden sie im Arbeitsleben auch noch feststellen,
    dass es da auch Unterschiede gibt.
    Mein Sohn ging in München zur Grundschule und ins Gymnasium.
    Mein Sohn hat zu den Überfliegern gehört und nur mit einer Lehrerin
    in der Grundschule Probleme gehabt. Ansonsten sind alle Schüler sehr
    individuell gefördert worden. Der Austausch, die Gespräche mit den Lehrkräften
    und auch der Schulleitung waren meist beidseits förderlich.
    Ihre massiven Anschuldigungen verstehe ich nicht.
    Es gibt auch immer zwei Seiten.