20

Schlachthof-Verstöße gegen Tierschutzrecht Härteres Durchgreifen gefordert

Die Landtagsopposition fordert das Verbraucherschutzministerium auf, konsequenter gegen Tierschutzverstöße vorzugehen. BR Recherche und SZ hatten aufgedeckt, dass es in mehreren bayerischen Schlachthöfen wiederholt Probleme bei der Betäubung gab.

Von: Eva Achinger, Katrin Langhans und Verena Nierle

Stand: 09.12.2016

Noch im Mai hatte Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) versichert, dass die Mängel umgehend abgestellt worden seien. Denn schon 2014 wurden bei Kontrollen in mehreren Betrieben Mängel festgestellt. Zu den erneut beanstandeten Betrieben gehören nach Informationen von BR Recherche und Süddeutscher Zeitung auch Schlachthöfe in Augsburg, Motting bei Vilsbiburg und Trostberg. In allen drei Betrieben wurden wiederholt Vorgaben bei der Schweinebetäubung verletzt.

Reaktionen im Landtag

"Da muss doch mal jemand die Verantwortung übernehmen", sagte der Abgeordnete Benno Zierer von den Freien Wählern in Richtung Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf. Es sei unerträglich, dass man wisse, dass Fehler passierten und unfähig sei, diese abzustellen. Herbert Woerlein von der SPD-Fraktion forderte "klare Maßnahmen", die "bei den armen Schweinen" auch ankommen müssten. Und Rosi Steinberger von den Grünen brachte einen Tierschutzplan ins Spiel, der das ganze Leben der Tiere umfassen soll. Auch sie unterstrich, dass die Misstände in den Schlachthöfen durch härtere Strafen konsequent abgestellt werden müssten. 

Der sensible Moment beim Schlachten

Schweine werden mit CO2 oder einer Elektrozange betäubt. Wird das nicht ordnungsgemäß durchgeführt, kann das zur Folge haben, dass die Tiere den tödlichen Stich in die Halsschlagader bei Bewusstsein erleben. Sie bluten dann aus und sterben.

Die Schlachthöfe bei Vilsbiburg, in Augsburg und Trostberg

Schlachthof Weichslgartner in Motting, Vilsbiburg:

Laut Behörden wurden hier 2014 Schweine nicht ausreichend oder zweifelhaft betäubt. 2015 und 2016 werden bei Kontrollen wieder Probleme bei der Betäubung dokumentiert. Der Schlachthof bedauert auf Anfrage "vereinzelte Defizite" in der Vergangenheit. Auch nach Auffassung des Landratsamts Landshut handelt es sich nicht um ein Systemproblem, sondern um "individuelle, situationsbedingte" Fehlleistungen einzelner Mitarbeiter. Alle Schweine seien nachbetäubt worden. Bußgeld hat das Landratsamt nicht verhängt.

Michael Marahrens vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit:
„Wenn über Jahre derselbe Tatbestand bestehen bleibt, dann besteht auch die Möglichkeit, aus diesen wiederholten Tatbeständen einen Straftatbestand herzustellen, der dann durch Staatsanwaltschaft und Gerichte geahndet wird.“

Schlachthof Augsburg  GmbH:

Ein Mitarbeiter wurde bei Kontrollen wiederholt auffällig, weil er Schweine nicht ordnungsgemäß nachbetäuben wollte. Ein amtlicher Tierarzt musste daraufhin einspringen. Die Kontrollbehörde verbot dem Mitarbeiter erst nach mehreren Vorfällen das Betäuben und verhängte Bußgeld. Die Schlachthof Augsburg GmbH reagiert auf Nachfragen von BR und SZ nicht.

Michael Marahrens vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit:
„Diesem Personal gehört schon bei einfacher Wiederholung desselben Tatbestandes zumindest für eine gewisse Zeit der Sachkundenachweis entzogen“.

„Chiemgauer Naturfleisch“ in Trostberg:

Der Bioschlachtbetrieb arbeitete offenbar über Jahre mit einer störanfälligen Betäubungsanlage. So stellten die Behörden bereits 2014 und 2015 fest, dass die Anlage zur Elektrobetäubung nicht zuverlässig funktionerte. Der Schlachtbetrieb teilte auf Anfrage mit, die elektronischen Anlagen seien von Grund auf überprüft und teilweise erneuert, das Personal aufgestockt und geschult worden. Doch im Jahr 2016 wurde bei einer erneuten Kontrolle wieder eine Funktionsstörung des Betäubungsgeräts festgestellt. Das Landratsamt Traunstein leitete daraufhin ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein, das noch nicht abgeschlossen ist.

Augsburg wehrt sich gegen die Vorwürfe

Die Stadt Augsburg will die Vorwürfe so nicht stehen lassen, räumt aber gleichzeitig ein, dass das Veterinäramt schon 2014 festgestellt habe, dass es immer wieder Probleme bei der Betäubungstiefe von Schlachtschweinen gab. Es seien alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen worden, die Ursache der Probleme habe man dennoch nicht ermitteln können. In der Pressemitteilung heißt es weiter, es könne auch an den Schweinen liegen: "Aus veterinärmedizinischer Sicht spielt das Schlachttier selbst, dessen Herkunft, Verhalten, Verfassung und Genetik eine entscheidende Rolle für den Betäubungserfolg. Dieser Faktor sei weder durch den Betrieb, noch durch die amtliche Überwachung beeinflussbar." Um sicher zu gehen, dass kein Schwein Schmerzen beim Töten erleiden muss, werde bei Bedarf sofort nachbetäubt. 

Veterinäramt Traunstein räumt Probleme ein

"Bei den Kontrollen sind Mängel festgestellt worden, da brauchen wir gar nicht darüber reden. Und diese Mängel sind auch konsequent angegangen worden. Unsere Aufgabe ist es, diese Mängel möglichst schnell abzuarbeiten um sicherzustellen, dass der Betrieb diese Mängel behebt und dass die Schweine unter Beachtung des Tierschutzes geschlachtet werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Dass natürlich jedes Schwein, das geschlachtet wird, auch ausreichend betäubt ist. Und für unseren Betrieb hier im Landkreis muss man sagen, war das nie in Frage gestanden."

Jürgen Schmid, Leiter des Veterinäramts Traunstein

Allerdings, so Schmid weiter, habe die Betäubung in "einer bestimmten Zahl von Fällen nicht richtig gesessen", so dass in einer "zu hohen Zahl nachbetäubt werden musste."

Mottinger Hof wendet sich an Kunden

Der Betrieb in Motting bei Vilsbiburg wandte sich in einer Pressemitteilung, die auch auf der Internetseite steht, direkt an die Kunden. Darin wird betont, dass ohne Kontrolle durch amtliche Tierärzte des Landratsamtes Landshut keine Schlachtung stattfindet. Auf die aktuelle Kritik und die aufgedeckten Misstände wird nicht eingegangen. Stattdessen heißt es: "Wir sind als Familienbetrieb, der in unserer Region nicht zuletzt wegen unserer Qualitätsstandards anerkannt ist, darauf bedacht, dass die aktuellen Standards in der täglichen Arbeit eingehalten werden." Man komme aber nicht umhin festzustellen, "dass in einer Schlachterei Tiere getötet und zu Lebensmitteln verarbeitet werden". 

Ministerium kündigt Sonderkontrollen an 

Anfang der Woche hatte die Ministerin eingeräumt, dass bei Nachkontrollen "vereinzelt erneut gravierende Mängel" festgestellt wurden. Insgesamt habe sich die Tierschutzsituation verbessert.

"Verstöße gegen den Tierschutz sind nicht hinnehmbar. Tierschutzdefizite müssen dauerhaft abgestellt werden. Ich erwarte von den Schlachthofbetreibern, dass sie das geltende Recht konsequent einhalten.  Es ist die Pflicht der Betriebe, den Tierschutz nach den gesetzlichen Anforderungen zu gewährleisten. Die Betriebe haben hier eine besondere Verantwortung."

Ulrike Scharf, Bayerische Ministerin für Umwelt und Verbraucherschutz

Am Donnerstag verwies Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf erneut auf die geplanten Änderungen im Rahmen der Reform der Veterinärverwaltung. Große Schlachthöfe sollen dann von einer neuen Behörde kontrolliert werden, die bayernweit zuständig sein soll. So solle die Kontrolle noch schlagkräftiger gemacht werden. 


20

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Antonietta, Montag, 12.Dezember, 11:21 Uhr

7. Klimakiller Nr. 1

Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

Bettina, Sonntag, 11.Dezember, 14:46 Uhr

6. Bayer. Schlachthöfe

Danke für Ihre Recherche und für Ihre ausführlichen Berichte, inklusive Mittagsmagazin auf Bayern 2. Sich eines solch bitteren Themas anzunehmen, gehört sicherlich zu den grausigsten journalistischen Aufgaben. Hoffentlich haben sich viele HörerInnen Ihre Sendungen angetan und hoffentlich ziehen sie den m. E. einzig möglichen Schluss: Sie konsumieren nichts mehr, wofür Tiere missbraucht und ausgebeutet wurden. Damit landen sie ehrlicher- und konsequenterweise bei einer veganen Lebensweise.

angela, Sonntag, 11.Dezember, 12:42 Uhr

5. Polititik interessiert sich nicht für Tiere

Da regt man sich über Kulturen auf die Tiere schächten, bei uns ist es leider nicht besser. Bereits die Aufzucht ist für Massentierzucht eine Qual dann kommt der Transport und zuletzt auch noch der Schlachthof. Es ist eine Schande ein Skandal wozu gibt es Institutionen die eigentlich dafür zuständig wären? Alles ignorante Sachbearbeiter, die kostengünstig Fleisch im Supermarkt kaufen. Ich esse seit Jahren kein Fleisch mehr, nur was nützt das den Tieren?

Katl100, Freitag, 09.Dezember, 09:54 Uhr

4. hauptsach es schmeckt...................

Ich habe als Kind sehr oft zugeschaut, wenn Schweine mit der Zange betäubt und aufgehängt wurden zum ausbluten. Das war für mich die schlimmste Erfahrung die ich als Kind gemacht habe. Diese Bilder erinnern mich ein Leben lang und haben mich dazu erzogen respektvoll mit allen Tieren umzugehen. Wir können demonstrieren und uns alle aufregen, solange die Politik, EU und vor allem wir Verbraucher nicht umdenken, wird sich an der Situation der Tiere auch nichts verändern. Es geht ja nur noch ums Essen und jeden Tag muss Fleisch auf den Tisch und natürlich so billig wie möglich. Was interessieren uns die dummen Viecher. Jedes Jahr kommen diese Schlagzeilen in den Medien: Schlachthofskandal, Mast usw. - oh Gott wie schrecklich und tut sich was: NEIN. Am Abend gehen wir wieder in den Supermarkt und kaufen billig ein!!!! Mahlzeit

winfried, Freitag, 09.Dezember, 09:37 Uhr

3. Härter durchgreifen ?

Vorab grundsätzlich --> Jedes System wird fehlerhaft oder versagt, wenn eine bestimmte Durchführungsgeschwindigkeit überschritten wird.

Mein Lösungsansatz --> Durchführungsgeschwindigkeit ermitteln, analysieren und bewerten. Das wahrscheinliche Erfordernis, nämlich Verlangsamung,
hat der Gesetzgeber durch konkrete Vorgaben zu leisten.

Härteres Durchgreifen entspricht der Wiederholung einer bisher gescheiterten 80 km/h-Kurven-Durchfahrt ab sofort mit 120 km/h.

  • Antwort von wolke24, Freitag, 09.Dezember, 10:39 Uhr

    Das System versagt hier schon bei kleineren Schlachthöfen, wie geht es dann in Großbetrieben zu??? Warum lässt man sich Zeit bis 2018 um diese Tierquälerei zu beenden?? Wenn man heute in der Zeitung liest, dass Tiere im Brühbad noch Schnappatmung hatten dann sollte sich da ganz schnell was ändern.

    Keiner unserer Politiker hat es geschafft dem Tierleid endlich mal ein Ende zu setzen. Sind immer nur leere Versprechungen und es tut sich wieder nichts. Es ist ein schwere Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Weiter wurde geschrieben es sei in einem Betrieb immer der gleiche Mitarbeiter der versagt, warum ist dieser Mitarbeiter noch in diesem Betrieb?

    Diese Missstände sind seit Jahren bekannt und geändert hat sich doch nicht viel oder???