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Sonderkontrollen bei Schlachthöfen Das Tierleid geht weiter

Am vergangenen Freitag musste der Schlachthof Fürstenfeldbruck schließen, nachdem Bilder öffentlich wurden, die zeigten, wie Schlachthofmitarbeiter den Tierschutz grob missachtet haben. Recherchen von BR und Süddeutscher Zeitung belegen: Der Betrieb ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Die Tierschutzprobleme an Bayerns Schlachthöfen gehen weiter - Ministerin Ulrike Scharf bekommt das Problem nicht in den Griff.

Von: Eva Achinger (BR Recherche), Katrin Langhans, Regina Kirschner

Stand: 09.05.2017

Ein Schwein baumelt kopfüber am Schlachtband. Der Metzger setzt mit einem Messer den tödlichen Stich in die Halsschlagader, dreht sich weg und pfeift eine beschwingte Melodie. Das Tier blutet hinter seinem Rücken aus, schnappt wild nach Luft, öffnet mehrmals sein Maul.

"Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Betäubung nicht effektiv genug war, das Tier höchstwahrscheinlich nicht tief genug betäubt worden ist. Und dann während der Entblutung beziehungsweise kurz vor dem Tod wieder erwacht ist"

Kathrin Zvonek, Akademie für Tierschutz

Das sollte definitiv nicht so sein, sagt die Tierärztin von der Akademie für Tierschutz. Für BR Recherche und die Süddeutsche Zeitung hat sie Filmaufnahmen aus dem Schlachthof Fürstenfeldbruck angesehen, die der Tierschutzorganisation SOKO Tierschutz zugespielt worden sind.

Auch Biofleisch betroffen

Der Schlachthof Fürstenfeldbruck schlachtete bis vor wenigen Tagen Biotiere und verkaufte das Fleisch an umliegende Metzgereien sowie an Bioland und Naturland. Konfrontiert mit den heimlich gedrehten Bildern gab der Betrieb Ende vergangener Woche bekannt, die Schlachtung vorerst einzustellen. Am heutigen Dienstag dann verkündete der bisherige Geschäftsführer das endgültige Aus des Brucker Schlachtbetriebs.

Tierleid durch Verstöße gegen die Schlachtverordnung

Eigentlich hätten die Schlachthofmitarbeiter beobachten müssen, ob die Tiere wirklich betäubt sind. Ihre Reflexe prüfen und gegebenenfalls nachbetäuben. So will es die Schlachtverordnung, so sind die Vorschriften.

"In diesem Fall ist dies nicht erfolgt. Der Mitarbeiter achtet nicht auf die Tiere. Überprüft keinerlei Reflexe. Das darf definitiv nicht sein."

Kathrin Zvonek, Akademie für Tierschutz

Unterlagen, die BR Recherche und der Süddeutschen Zeitung vorliegen, zeigen, dass der Betrieb das auch nicht so dokumentiert hat. Für einen Tag im März zum Beispiel, an dem Videoaufnahmen sich aufbäumende Schweine zeigen, gibt sich der Schlachthof fast durchwegs Bestnoten für die Betäubung. Diese Dokumentation ist Teil der betrieblichen Eigenkontrollen zum Tierschutz, deren Wichtigkeit Ministerin Ulrike Scharf wieder und wieder betont hat. Der Effekt aber ist umstritten.

"Bei der Eigenkontrolle ist hier, denke ich, wesentlich viel zu wenig passiert. Das sind Ausreden und man hat jetzt gesehen, dass das nicht funktioniert."

Benno Zierer, Freie Wähler

Der Freisinger Landtagsabgeordnete Benno Zierer ist umweltpolitischer Sprecher der Freie Wähler Landtagsfraktion. Er fordert wesentlich härtere Vorgaben von der Staatsregierung, zum Beispiel Videoüberwachung in Schlachthöfen.

"Hier kann man dokumentieren, dass man seine Arbeit gut macht und wenn es Verstöße gibt, dann weiß man, wer verantwortlich ist. Eine Kontrolle, die dokumentiert ist, ist die beste Kontrolle."

Benno Zierer, Freie Wähler

Zwischenergebnis der Sonderkontrollen

Dass Kontrolle nötig ist, zeigt auch das Zwischenergebnis der staatlichen Sonderkontrollen, mit denen in diesem Jahr insgesamt 30 Betriebe überprüft werden sollen. Die Kontrollen hatte Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf nach Bekanntwerden der massiven Tierschutz-Probleme an bayerischen Schlachthöfen Ende 2016 angeordnet. Demnach betäuben zwei Drittel der bisher kontrollierten Betriebe die Tiere vor der Schlachtung nicht immer so wie gesetzlich vorgeschrieben. Bei vier von sechs Betrieben fanden die Prüfer Mitarbeiter, die die Tiere schlampig betäuben.

Gravierende Mängel bei Ausbildungsbetrieb

Unter den auffälligen Betrieben ist zum Beispiel die Hofmetzgerei Ottillinger bei Pöttmes in Schwaben. Dort stellten die Prüfer der Sonderkontrolleinheit im Januar gravierende Mängel fest - unter anderem, dass Tiere nicht ausreichend betäubt waren. Weiter heißt es: Das Risiko, dass die Schweine ihren Tod bewusst erlebt haben, sei "sehr hoch" gewesen. Und erst auf Anweisung der Prüfer hätten die Mitarbeiter nachbetäubt, so das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Auch bei der Nachkontrolle des Betriebs traten erneut Mängel auf.

Die Hofmetzgerei selbst schreibt auf Anfrage von BR Recherche und Süddeutscher Zeitung, die festgestellten Mängel seien "überwiegend behoben". Zudem sei der Bereich der Betäubung ohnehin "diskutiert und nicht eindeutig". Pikant ist, dass der Betrieb ein Referenzbetrieb zur Ausbildung von Schlachtpersonal ist.

Stellungnahme des Landratsamts

Das zuständige Landratsamt Aichach-Friedberg teilte dem BR-Studio Schwaben mit, dass der Metzgereibetrieb alle beanstandeten Mängel bei der Schlachtung umgehend abgestellt habe. Amtssprecher Wolfgang Müller erklärte, dass während einer staatlichen Sonderkontrolle nicht alle elektrisch betäubten Schweine auf eventuell noch vorhandene Reflexe überprüft worden seien. In einem solchen Fall müsse das Schlachttier nachbetäubt werden. Darauf sei der Betrieb zunächst mündlich und dann auch mit einem schriftlichen Bescheid hingewiesen worden. Müller erklärte, Ottillinger habe sich "absolut kooperativ verhalten" und "prompt reagiert". Zweimal habe es dort seit Januar eine Nachkontrolle gegeben. Bei Ottillinger sei nun "alles in Ordnung", auch bei der beanstandeten Anlieferung der zu schlachtenden Schweine.

Kaum Sanktionen gegen Schlachthöfe

Eine Anfrage der Freien Wähler zeigt auch, dass Schlachtbetriebe, die gegen den Tierschutz verstoßen, in Bayern keine gravierenden Folgen fürchten müssen: In den Jahren 2014 und 2015 wurden bayernweit gerade elf Mal Bußgelder verhängt. Dem gegenüber stehen im gleichen Zeitraum über 400 Verstöße gegen den Tierschutz an Schlachthöfen, die allein Kontrolleure des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit festgestellt haben.


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Rudolf Mühl, Samstag, 13.Mai, 18:24 Uhr

29. Kontrolle bei Schlachthöfen

die einzige Möglichkeit, welche Tierleid beendet, isteine vegane Ernährung!!

Karina Glasd, Samstag, 13.Mai, 00:33 Uhr

28. ...ganz was neues...

Wer isst denn heutzutage noch Fleisch? Um die Produktionzustände und die verheerende Auswirkung auf Gesundheit und Natur weiß doch heutzutage echt jeder bescheid. Wie rückständig.

Gabriele Eberhardt, Freitag, 12.Mai, 20:28 Uhr

27. Tierleid an deutschen Schlachthöfen

Ich bin sprachlos, ich finde das nicht mehr vertretbar Fleisch zu essen, Kälbchen werden in den tod gequält.

wo sind denn da unsere Veterinäre die in den Schlachthöfen eingesetzt werden, warum schauen die da weg,

was ist mit diesem Tierärztin in den Schlachthöfen, Sind bezahlt und schauen die weg oder was ist da los.

Gabriele Eberhardt
Stall Sonnenhof

Susanne Post, Freitag, 12.Mai, 17:04 Uhr

26. Kontrollen auf Schlachthöfen

Ich kann nur noch weinen. Wir Menschen versündigen uns zutiefst.

Michael, Mittwoch, 10.Mai, 08:54 Uhr

25. Wo bleibt der Aufschrei aus der Landwirtschaft

Das was da in den Schlachthöfen passiert müsste doch eigentlich auch Landwirte und ihre Verbandsvertreter verärgern!? Wo bleibt der Protest und der Aufschrei von dieser Seite. Stattdessen beschwert man sich lieber über Tier- und Verbraucherschützer die die Arbeit der Landwirte - angeblich - nicht zu schätzen wissen und demonstriert in Berlin gegen Menschen, die sich für eine andere Landwirtschaft stark machen.

Dass der Bauernverband und seine Funktionäre die Freihandelsabkommen TTIP, CETA & Co befürworten zeigt wie weit sich diese industrialisierte Landwirtschaft von den Verbrauchern wegentwickelt hat ... schade eigentlich.

  • Antwort von thorie, Mittwoch, 10.Mai, 11:43 Uhr

    die jammern nur, wenns wetter nicht passt, wenn der von ihnen verursachte milchpreis net stimmt...solange die verdienen , sind die still wie das meer!