30

Saatgut Alte und regionale Sorten im Trend

Bauern gewinnen die Samen für ihre Pflanzen nicht mehr aus eigenem Bestand. Einige wenige Großkonzerne stellen das Saatgut her. Das hat Folgen für das Ökossystem. Engagierte Leute versuchen nun, altes Saatgut zu bewahren.

Von: Brigitte Kornberger

Stand: 15.05.2017

Über Jahrhunderte hinweg wurde das Saatgut der Nutzpflanzen von Landwirten und Gärtnern selbst vermehrt. Sie selektierten und kreuzten die kräftigsten Pflanzen und gewannen aus ihnen Samen. Dadurch entstanden im Lauf der Zeit neue, samenfeste Sorten, die den örtlichen Gegebenheiten der jeweiligen Region angepasst waren.

Saatgut ist nicht mehr Gemeingut

Heutzutage stellen nur noch wenige Großkonzerne das Saatgut her, mit dem die Agrarindustrie gute Geschäfte macht. Seit Jahrzehnten melden Züchter auf Hybrid-Saatgut Sortenschutz an. Das Produkt von Hybrid-Züchtung sind Pflanzen, die auf einen hohen Ertrag ausgerichtet sind, sich aber nicht mehr weiter vermehren lassen. Saatgut ist somit nicht mehr Gemeingut. Der Züchter hat darauf ein Copyright und vergibt kostenpflichtige Lizenzen an jeden, der es anbauen möchte. Dadurch geraten immer mehr Bauern und Gartenbaubetriebe in die Abhängigkeit der großen Saatgut-Konzerne. Die EU-Gesetzgebung unterstützt diese Entwicklung. 90 Prozent des weltweiten Saatgut-Bestandes liegen inzwischen in den Händen von wenigen Großunternehmen.

Folgen für das Ökosystem

Dadurch ist ein Großteil der alten Sorten inzwischen von den Feldern verschwunden - und damit auch ein wichtiger Baustein im Ökosystem. In den Blüten der Hybride finden zum Beispiel Bienen nicht mehr genügend Nahrung. Außerdem sind Hybride im Gegensatz zu alten Kultursorten den Anforderungen des Klimawandels schlecht gewachsen, was bedeutet, dass immer mehr Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. All das hat Folgen für das Ökosystem, die für Mensch und Umwelt unkontrollierbar werden könnten. Die Politik redet zwar gerne von Biodiversität, doch vielfach mangelt es an der Umsetzung.

Plädoyer für den Artenreichtum

Ein Vorzeige-Projekt der Arten-Vielfalt ist der Obergrashof im Dachauer Land. Hier wird ausschließlich Bio-Gemüse aus samenfesten Sorten angebaut. Die Gärtner vermehren diese selbst. Damit versorgen sie die Großstadt München mit Gemüse, das noch Geschmack besitzt.

Auch der Schongauer Gärtnermeister Rainer Engler gewinnt Samen aus eigenen Pflanzen, auch seltene alte Sorten fallen ihm manchmal in die Hände. Der Gärtnermeister hofft darauf, dass immer mehr Privatleute sich um den Erhalt der alten Sorten kümmern.

"Es scheint meine Lebensaufgabe zu sein, diese alten Schätze zu finden, zu bewahren und vielleicht auch wieder anzubauen und sie so Menschen zur Verfügung zu stellen, die Freude an so etwas haben. Bei mir ist es eine tiefe Verbundenheit und Leidenschaft für alles, was in der Natur wächst."

Rainer Engler, Gärtnermeister, Blumenschule Schongau

Alte Sorten drohen auszusterben

Auch Klaus Fleißner, Wissenschaftler an der Landesanstalt für Landwirtschaft, setzt sich für den Erhalt traditioneller Kulturpflanzen ein. Auf einem Versuchsfeld beobachtet er, wie sich jene alten Getreidesorten entwickeln, die früher unsere Vorfahren ernährt haben.

"Den alten Sorten geht es schlecht. Es gibt heute noch etwa fünf Prozent der Sorten-Vielfalt, die wir vor dem 2. Weltkrieg auf unseren Feldern hatten ... Der meiste Mais, den die Landwirte heute anbauen, sind Hybride ..."

Klaus Fleißner, Landesanstalt für Landwirtschaft

Die alten landwirtschaftlichen Sorten werden immer Nischenprodukte bleiben, sagt Klaus Fleißner. Doch wenn sie ganz verloren gehen, fehlt ein wichtiger Baustein im Ökosystem.


30