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Politischer Aschermittwoch Rückkehr zur Nüchternheit dringend gefordert

Es erscheint wenig glaubhaft, wenn nun die Politiker beim politischen Aschermittwoch aufeinander eindreschen. Da sie eben noch zusammensaßen, um miteinander eine große Koalition auszuhandeln oder zuvor die Möglichkeiten zu einem Jamaika-Bündnis ausgelotet haben. Ein Kommentar von Steffen Jenter.

Stand: 14.02.2018

14.02.2018, Bayern, Vilshofen: Politischer Aschermittwoch der Parteien - SPD - Leere Gläser stehen nach der Veranstaltung der SPD in Vilshofen auf den Biertischen.   | Bild: dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Endlich Fastenzeit! Selten war die Sehnsucht nach mehr Nüchternheit in der Politik so groß wie derzeit. Und deshalb ist es ein gutes, ein befreiendes Gefühl, jetzt auch den politischen Aschermittwoch hinter sich gebracht zu haben. Denn eigentlich hätte man das Ritual heuer am besten ausfallen lassen. Es wirkt schon reichlich albern und unglaubwürdig, wenn fast alle Parteien erst kürzlich noch beisammen saßen und fast miteinander regiert hätten oder es vielleicht bald tun werden, um dann aufeinander einzuschlagen.

Parteien zu sehr miteinander verbandelt

Steffen Jenter, Leiter der Redaktion "Politik und Hintergrund"

Die Möglichkeit befreit aufzuspielen haben in diesen Tagen eigentlich nur AfD, Linke und Freie Wähler. Alle anderen waren oder sind noch zu sehr miteinander verbandelt. Allein die Grünen tun sich relativ leicht und sind dank neuer Führung im Habeck-Hoch. Und so verwundert es nicht, dass gerade die Vertreter dieser Parteien verbal besonders deftig ausgeteilt haben. Wer das liebt, der wird auf seine Kosten gekommen sein.

Dauer-Aschermittwoch bei der SPD

Wobei bei der SPD zuletzt der Eindruck entstand, es herrsche eine Art Aschermittwochs-Dauerzustand, so wie da aufeinander eingeschlagen wurde. Man denke nur an die Gabriel-Äußerungen zu Schulz – sprich vom Mann mit den Haaren im Gesicht.

AfD hat Oberwasser

All das hat gezeigt, dass es selten so einfach und so billig war, die SPD vorzuführen. Interessanter waren da schon einige der angesprochenen Themen: Die Betonung des Heimat-Begriffes und der damit verbundene Versuch der Union, an die AfD verlorene Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen. Keine leichte Aufgabe, denn die AfD hat Oberwasser.

Viele Angriffsflächen bei CDU und SPD

Alle Prognosen oder Wünsche, die Partei werde sich nach der Bundestagswahl selbst zerlegen, haben sich als falsch erwiesen. Stattdessen fliegt den Sozialdemokraten der eigene Laden um die Ohren und in der CDU grummelt es vernehmlich. Zudem bieten sich der AfD viele Angriffsmöglichkeiten, die Konkurrenz wechselweise als unglaubwürdig oder machtversessen zu brandmarken.

Verbale Abrüstung gefordert

Viele Wähler wenden sich mit Grausen ab von der zähen Regierungsbildung, den ständigen Personaldebatten und Machtkämpfen. Verständlicherweise. Und so ist die Fastenzeit eine Chance für alle Beteiligten, in sich zu gehen. Vor allem bei Union und SPD kommt es jetzt darauf an, verbal abzurüsten. Weniger Debattieren und Polemisieren, sondern einfach mal Regieren. Das wäre was!


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